Feindbild Russland: Will der Westen einen neuen kalten Krieg?

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Das selbst geschaffene Feindbild Russland macht den Ausweg für die sog. „Westliche Wertegemeinschaft“ aus dem neuen kalten Krieg immer schwerer.

Die Bundeswehr ist unzufrieden mit dem deutschen Volk. Schon 2017 hätten nur 31 Prozent der Deutschen „in Russland eine große Bedrohung für Deutschland“ erkannt, die große Mehrheit also nicht. Zwar sei diese Mehrheit für die Zugehörigkeit zur NATO, aber in der Auseinandersetzung mit Russland sei „das in weiten Teilen (der Bevölkerung, A.M.) fehlende Bedrohungsgefühl durch Russland“ eine „offene Flanke“, die die militärische Unterstützung der osteuropäischen Bündnispartner im Ernstfall gefährden könne (alle Zitate von Timo Graf „Offene Flanke“. Aus der „Zeitschrift für Innere Führung“ der Bundeswehr, Nr. 3/2021, S. 32 – 35).

Gefordert werden massive propagandistische Anstrengungen, um den nach wie vor friedlich gesonnenen Menschen die angebliche „militärische Bedrohung durch Russland“ vor Augen zu führen. Kurz: es muss „ein gemeinsames Bedrohungsverständnis“ geschaffen werden. Eine gerade vom Verteidigungsministerium herausgegebene Broschüre zur Landesverteidigung habe bereits „klare Worte“ gefunden, der Anfang sei also gemacht.

Biden spricht mit Putin – die EU lehnt es ab!

Das systematische Ausmalen des Feindbildes „bedrohliches Russland“ verträgt nun aber keine Auseinandersetzung mit den Gedanken, Interessen und Motiven Russlands. Schon Gespräche, in denen die jeweiligen Positionen und Gedanken ausgetauscht werden, scheinen zunehmend als störend abgelehnt zu werden. So war es Kanzlerin Merkel und Präsident Macron letzte Woche nicht einmal mehr möglich, die EU zu offiziellen Gesprächen mit Russland zu bewegen. Viele osteuropäische Staaten lehnen dies rundheraus ab. Nicht einmal das Argument, dass sich schließlich auch der US-amerikanische Präsident Biden mit dem russischen Präsidenten Putin in Genf getroffen habe und dass die Europäer als direkte Nachbarn eigene gute Gründe hätten, das Verhältnis zu Russland zu verbessern, wurde akzeptiert.

Ein Kooperationsangebot von Putin? Das kann nur Schwindel und Lüge sein!

Welche Chance dabei vergeben wird, kann man ermessen, wenn man den Beitrag des russischen Präsidenten zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die UdSSR in der ZEIT vorurteilsfrei liest. Dort wird der Schwerpunkt auf Versöhnung und Zusammenarbeit gelegt, wörtlich die „Wiederherstellung einer umfassenden Partnerschaft Russlands zu Europa“ und ein „faires und kreatives Zusammenwirken“ vorgeschlagen. Dazu müssten „wir alle diese Fehler einzuräumen und zu korrigieren haben“. Man dürfe sich nicht die enormen Möglichkeiten entgehen lassen, die uns die Kooperation biete. Aber offenbar will das Kooperationsangebot Putins in den meisten deutschen Medien kaum noch jemand auch nur wahrnehmen.

Leo Ensel setzt sich mit Präsident Putins Beitrag in der ZEIT eingehend und sehr ausgewogen auseinander, ebenso mit den Reaktionen darauf. Lesen Sie Leo Ensels Beitrag auf RT/DE, der es wieder nicht in ein deutsches Medium geschafft hat. „Unendlich vernagelt, trotz der Vergangenheit – Die Medienreaktionen auf Putins versöhnlichen Essay“.

Noch ein Wort zu Leo Ensel selber. Er ist Konfliktforscher aus Oldenburg und hat viele Beiträge zur Versöhnung und zum Austausch zwischen Deutschen, Russen, Ukrainern und Weißrussen geleistet. Da seine Beiträge seit sechs, sieben Jahren kaum noch in deutschen Medien angenommen werden, veröffentlicht er seit 2017 auf der russischen Seite RT Deutsch. Er betont, dass er bei den bisher 120 Beiträgen selber die Themen ausgesucht hat und dass es keinerlei Einwirkungen der Redaktion auf seine Inhalte gegeben hat, obwohl diese durchaus kritische Aspekte nicht aussparen.

Für diejenigen, die systematisch den Feindbildaufbau betreiben wollen, sind Ensels Aufsatz wie Putins Beitrag sicher nichts als ärgerliche Störfeuer. Ein Grund mehr, sich das selber anzuschauen.

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