Feierliche Eröffnung der Gedenkstätte

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Mit dem Durchschneiden des roten Bandes vor dem Eingang übergaben (v.l.) Gedenkstättenleiterin Martina Staats, Architekt Henner Winkelmüller, Landtagspräsidentin Gabriele Andretta, Kultusminister Grant Hendrik Tonne und Maria Bering von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) das neue Dokumentationszentrum der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel der Öffentlichkeit. Foto: Helge Krückeberg © Stiftung niedersächsische Gedenkstätten

„Recht, Verbrechen, Folgen“: In Wolfenbüttel wurde die zentrale Gedenkstätte zu Justiz und Strafvollzug im Nationalsozialismus feierlich eröffnet.

Ein Durchbruch durch die historische Gefängnismauer gibt den Weg frei in das neu errichtete Dokumentationszentrum der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel. Obwohl das neue Museumsgebäude sich innerhalb der JVA befindet, ist es für Besucher frei zugänglich – ein Meilenstein in der Entwicklung der Gedenkstätte, deren historische Bereiche im Sicherheitsbereich der JVA liegen und die aus diesem Grund auch in Zukunft nur von angemeldeten Gruppen besucht werden können.

Mit einem Festakt im Lessingtheater Wolfenbüttel wurde das neue Dokumentationszentrum eröffnet. Dabei wies Dr. Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, in seiner Begrüßung auf die Bedeutung der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel für die Zukunft hin: „Hier lernen wir, in welcher Gesellschaft und unter welcher Rechtsordnung wir nicht leben wollen. In erschreckender Deutlichkeit zeigt die neue Ausstellung, wie schnell der Rechtsstaat 1933 abgebaut werden konnte und in welchem Umfang Justiz und Strafvollzug den nationalsozialistischen Terror zu organisieren halfen. Recht, das diesen Namen verdient, gibt es nicht ohne Rechtsstaat“.

Der niedersächsische Kultusminister Grant Hendrik Tonne, Vorsitzender des Stiftungsrates der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten stellte in seiner Ansprache auch aktuelle Bezüge her: „Die Dauerausstellung im neuen Dokumentationszentrum der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel stellt umfassend und auf aktuellem Forschungsstand die Geschichte von Straf-vollzug und Justiz im Nationalsozialismus dar. Damit bereichert sie die Gedenkstättenland-schaft in Niedersachsen und bundesweit um ein ganz sensibles Thema: die Instrumen-talisierung, aber auch die Selbstmobilisierung und Radikalisierung der Justiz im Gefüge des NS-Staates und seiner Verbrechen. Die Ausstellung und die Gedenkstätte werden zu wichtigen Orten der Aufklärung und des Gedenkens. Sie zeigen eindrucksvoll, wie schnell der Rechtsstaat ausgehöhlt und am Ende abgeschafft werden kann, wie fragil die Grundrechte und die Demokratie sind, wenn sie nicht verteidigt und mit Leben gefüllt werden.“

Die Präsidentin des Niedersächsischen Landtages, Gabriele Andretta, Kultusminister Grant Hendrik Tonne, die Leiterin der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel Martina Staats, Architekt Henner Winkelmüller und weitere Beteiligte durchschnitten im Anschluss an den Festakt das rote Band vor dem Eingang des neuen Dokumentationszentrums und übergaben es somit der Öffentlichkeit.

Mittelpunkt des Neubaus ist die Ausstellung „Recht, Verbrechen, Folgen. Das Strafgefängnis Wolfenbüttel im Nationalsozialismus“. Auf 400 qm geben hunderte Dokumente, Fotografien und Exponate aus aller Welt einen umfassenden Einblick in die Geschichte von Justiz und Strafvollzug im Nationalsozialismus – samt Nachwirkungen in der Bundesrepublik. Multimedia-Stationen und moderne digitale Hilfsmittel wie etwa Augmented-Reality-Anwendungen bieten Besucher_innen die Möglichkeit, selbstständig forschend die Vergangenheit zu erkunden.

Die Ausstellung zeigt, wie weitreichend Justiz und Strafvollzug in das nationalsozialistische Terror- und Verfolgungssystem eingebunden waren. Im Strafgefängnis Wolfenbüttel befand sich zwischen 1937 und 1945 eine der zentralen Hinrichtungsstätten in Norddeutschland. Mehr als 500 Menschen aus vielen Ländern Europas, darunter zahlreiche Widerstandskäm-pfer, starben hier durch das Fallbeil. Weitere 500 Gefangene starben an den Folgen von Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit und Auszehrung. Verantwortlich dafür waren Staatsan-wälte, Richter und Strafvollzugsbeamte. Ihre Biographien werden in der Ausstellung ebenso präsentiert wie Selbstzeugnisse ihrer Opfer.

In der Ausstellung wird die Zeit des Nationalsozialismus nicht isoliert betrachtet. Auch die Vor- und Nachgeschichte wird geschildert. Einen breiten Blick wirft die Ausstellung auf die Frage nach Brüchen und Kontinuitäten in der frühen Bundesrepublik. Das Hauptaugenmerk gilt hier den personellen Kontinuitäten im Justiz- und Strafvollzugsdienst sowie der Verfolgung von Kommunisten, Homosexuellen und „Sicherungsverwahrten“. Diese Themen werden erstmalig in einer Ausstellung in einer Gedenkstätte zur NS-Justiz präsentiert.

Den Abschluss der Ausstellung bildet ein Abschnitt zur Geschichte der Gedenkstätte, deren Gründung im Jahr 1990 bürgerschaftlichem Engagement und den Bemühungen ehemaliger Gefangener zu verdanken ist. Ein eigenes Kapitel ist den Familienangehörigen der Menschen gewidmet, die während des Nationalsozialismus in Wolfenbüttel inhaftiert waren oder hingerichtet wurden.

Die neue Dauerausstellung ist mit den historischen Baulichkeiten eng verschränkt. Ein sich über zwei Stockwerke erstreckendes großes Fenster gibt den Blick auf die für die NS-Geschichte des Ortes besonders relevanten historischen Baulichkeiten frei: auf Zellen des Hafthauses I, das ehemalige Hinrichtungsgebäude und das Hafthaus III. Diese Bereiche können nur angemeldete Gruppen nach vorheriger Anmeldung besuchen.

Ab Dienstag, dem 19. November 2019 ist das neue Dokumentationszentrum für die Öffent-lichkeit zugänglich. Neben der Ausstellung befinden sich in dem Gebäude auch die Besucher-information mit Buchshop, ein Seminarraum, Büroräume und das Archiv, in dem die umfang-reiche museale Sammlung der Gedenkstätte nun sachgerecht gelagert werden kann. Das Dokumentationszentrum entspricht damit allen Standards eines modernen zeitgeschicht-lichen Museums. Die Kosten für den Neubau und für die Ausstellung in Höhe von rund 5 Mio. Euro haben sich das Land Niedersachsen und der Bund hälftig geteilt.

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