„Von der Leyen nach Den Haag!“

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Jean Ziegler hat ein bewegendes Buch über die auf Lesbos gestrandeten Flüchtlinge geschrieben. Ein Gespräch über die Aussetzung des Asylrechts, das Scheitern der Uno und die Mitverantwortung der Schweiz. Photograph by Rama, Wikimedia Commons, Cc-by-sa-2.0-fr

Von Anna Jikhareva in der „Wochenzeitung

Interview mit dem emeritierten Soziologieprofessor Jean Ziegler, einem der profiliertesten Globalisierungskritiker

WOZ: Herr Ziegler, Sie waren im Mai auf Lesbos und haben die Erlebnisse in Ihrem Buch «Die Schande Europas» festgehalten. Gibt es eine Szene, die Ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht?
Jean Ziegler: Was mich in dieser fürchterlichen Situation am meisten bewegt hat, das waren die Kinder. Etwa ein Drittel aller Geflüchteten, die man hinter Stacheldraht eingesperrt hat, sind unter fünfzehn Jahre, darunter viele unbegleitete Minderjährige, die letzten Überlebenden eines bombardierten Hauses oder eines Schiffbruchs auf der Flucht. Am schlimmsten war für mich, von den Selbstmordversuchen der Kinder zu erfahren, sie verstümmeln sich selbst, ich habe die Messernarben auf den Armen und Schenkeln gesehen: ein Hilferuf totaler Verzweiflung. Kinder wie meine Grosskinder, die mit einer Stoffattrappe im Schlamm Fussball spielen. Ich war acht Jahre lang Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, war in den schlimmsten Slums der Welt, aber ich habe nie so ein Elend gesehen wie in Moria.

Was macht die Situation dort noch schlimmer?
Die Menschen sind hinter dreifachem Nato-Stacheldraht eingeschlossen. Die Nahrung ist ungenügend und oft ungeniessbar, häufig stinkt der Fisch, den die Leute bekommen. Das ist organisierte Unterernährung. Ganz schlimm ist zudem die Hygiene. Für hundert Personen gibt es eine Toilette, die meistens verstopft ist – ein fürchterlicher Gestank –, zudem eine Dusche für 150 Leute mit kaltem Wasser, im Winter können die Mütter ihre Kinder nicht waschen, weil sie Angst haben, dass diese an einer Lungenentzündung erkranken. Dann die Verzweiflung. Die Menschen wollen ein Asylgesuch stellen, werden aber nicht vorgelassen, sondern nur physisch registriert. Jenseits des offiziellen Lagers gibt es die Camps in den Olivenhainen, ein totaler Slum. Die Zelte brechen zusammen, wenn es stark regnet oder schneit. Kinder sind erfroren.

Wer trägt die Hauptverantwortung für diese Zustände?
Griechenland ist ein souveräner Staat, der Stacheldraht nach Lesbos liefert, die fürchterlichen Verhältnisse und die mangelhafte Versorgung schafft. Letztlich ist es aber die EU, die bezahlt und befiehlt. Die EU-Behörde EASO führt die ersten Befragungen durch und erstellt die Dossiers, die dann von den Griechen bearbeitet werden. Und es ist die EU-Grenzschutzbehörde Frontex, die Pushbacks verantwortet, die Flüchtlingsboote auf hoher See aufgreift und gewaltsam in die Türkei zurückzwingt.

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