„Papier ist nicht geduldig“ – eine Ausstellung im Stadtarchiv

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„Papier ist nicht geduldig“ nennt sich eine vom Verein Nordrhein-Westfälischer Papierrestauratoren konzipierte Ausstellung, die vom Braunschweiger Stadtarchiv übernommen und mit eigenen Exponaten erweitert wurde. Bis zum 31. März ist die Ausstellung im Stadtarchiv zu sehen.

Sprichwörtlich „geduldig“ ist Papier, weil es mit unerschütterlichem Gleichmut alle auf ihm niedergeschriebenen Bedeutungen trägt und erträgt: Lügen wie Wahrheit, Dummheit wie Weisheit, Schönes und weniger Schönes. – Nicht geduldig ist Papier gegenüber dem „Zahn der Zeit“. Besonders anfällig ist es für Katastrophen. Brände vernichteten die Bibliotheken von Alexandria bis Weimar. Baumängel führen zu Wasserschäden wie im Braunschweiger Bauamt, wo die Bauakten verschimmelten, weil für das Gebäude des Bauamts Standards der Baukunst und Baupflege vernachlässigt wurden. Beim Bau der Kölner U-Bahn führten nicht ganz fachgerecht ausgeführte Tiefbaumaßnahmen dazu, dass dort das Stadtarchiv gleich ganz vom Erdboden verschluckt wurde. Mit dem Archiv verschwanden die Archivalien.

Gefahr herrscht aber schon im Normalfall. Als organisches Material ist Papier verletztlich durch Wasser und Licht, chemische und pflanzliche Einflüsse (Säure / Pilzbefall) und auch Larven nutzen zu feucht gelagertes Papier als Nährstoff. Die meisten Schäden sind aber einer nicht sachgemäßen Behandlung menschlicher Nutzer geschuldet. Schon unausgewogene Tintenmischungen können zum „Tintenfraß“ führen und das Geschriebene mit der Zeit selbst wieder zerstören.

Tintenrezept: Schwarze Dinte – 8 lot Gallaepfel groblich gestoßen, 8 lot Salzburger Vitriol, 2 lot Gummi arabic fein gestoßen, 1/2 Quart Weinessig, und nach 24 Stunden 1 1/2 Quart Fluß oder Regenwasser, etwas Salz, in die Wärme gestellt und fleißig umgeschüttelt.

 

Tintenrezept (Ausschnitt): Aechte rothe Tinte – von L. Wege – Wie Probe – Wie Probe – 1 Loth beste Cochenille, wird in einer Reibeschale von Glas oder Marmor fein zerrieben; 5/8 Loth Weinsteinsäure, oder sal essent. Tartani gepulvert, 1/2 Loth Alaun gepulvert. Dieses alles wird in ein Glas gethan, mit 2 Loth Spiritus vini und …

Anschaulich wird in der Ausstellung der Papierverfall dargestellt. Gut erläutert werden die oft aufwendigen Gegenmaßnahmen, die den Verfall aufhalten sollen. Das Verständnis für die Gefahr weckt Engagement für die Rettung des traditionellen Speichermediums, das über das gespeicherte Wissen die unmittelbare Gegenwart um Vergangenes erweitert und in dieser Vergangenheit „erdet“.

Soweit ist es eine sehr gelungene Ausstellung mit der das Braunschweiger Stadtarchiv zugleich ein praktisches Ziel verfolgt: Angeregt werden soll die Bereitstellung privater Mittel für den Erhalt des Kulturträgers Papier durch Spenden und Patenschaften.

Kritisch zu sehen ist aber die Art, in der auch Einbände und Deckelungen der Archivalien restauriert wurden. Exemplarisch angeführt war die Restaurierung einer „normalen“ in Pappdeckeln überlieferten Verwaltungsakte aus dem noch nicht so fernen letzten Jahrhundert. Gut von alten Klebstreifen befreit wurde sie auch mit einer Fadenheftung neu eingebunden. Fragwürdig ist hier der Aufwand. Der nordrhein-westfälische Ausstellungskurator Matthias Frankenstein merkte an, dass im statistischen Mittel solche Akten nur alle 25 Jahre einmal geöffnet würden. Man selbst würde in solchen Fällen nach einer Bereinung des Papiers die Aktenblätter samt Umschlag einfach lose in einem Karton ablegen. – Das ist aber eher eine Marginalie und soweit es nur wenige Akten betrifft ist der Aufwand der Einbindungen überschaubar.

Sehr problematisch ist dagegen die Restaurierung des Spendern exemplarisch gezeigten „Hauptbuch des Dammschen Beginenhauses“ aus dem späten 17. Jahrhundert. Zwar ist davon auszugehen, dass der papierene Informationsträger bestmöglich wieder hergestellt wurde. Auch eine Erneuerung der Heftung des Buchblocks scheint hier sinnvoll und angemessen.

Bei der „Restaurierung“ des Einbandes handelt es sich aber nicht um eine solche, sondern um eine – auch nur unvollkommene – Imitation. Nicht nachgeahmt wurde die Punzierung mit dem dekorativen Schmuckmuster des Originaleinbandes. Aus „antikem Rinderleder“ soll der Einband angefertigt sein. Die Antike endete im Mittelalter – warum nimmt man für die Kopie eines barocken Gegenstandes nicht barockes Material? Und was ist hier antik, das Rind, das Gerbverfahren, ..? Oder ist „antik“ hier ein Fachbegriff aus der Welt der Laufstegs, wurde das museale Stück aus „Antikleder“ gefertigt wie sonst nur hochwertige Handtaschen und Schuhe?

Es ist jedenfalls höchst problematisch, wenn mit der Patina des alten Ledereinbandes durch Ersatz mit einem unvollkommenen Imitat zugleich die historische Aura des Buchbandes vollkommen zerstört wird. Weniger wäre für die Neueinbindung mehr gewesen; wenn es schon nicht mehr der originale Einband ist, hätte er hinter dem gedruckten eingebundenen Inhalt ganz zurücktreten müssen. Im Zweifelsfall hätte der alte Einband, museal aufbereitet, als eigenständiger Gegenstand zusammen mit dem alten Schriftstück aufbewahrt und auch ausgestellt werden können. Gegen eine Kopie des Textes, eingebunden in eine – auch unvollkommene – Nachahmung des alten Einbandes wäre nichts einzuwenden.

Dem archivarischen Anspruch ist durch die Restaurierung des tragenden Papierkörpers Genüge getan. Will man darüber hinaus aber eine Restaurierung des ganzen Buches, um den – eingebundenen – Text zum musealen Ausstellungsgegenstand zu erheben, muss eine Restaurierung des Einbandes erfolgen, die auch musealen Ansprüchen genügt. Das ist hier mitnichten der Fall

1 KOMMENTAR

  1. Ein wunderbar geschriebener Artikel. Der Autor kann einfach schön mit der deutschen Sprache umgehen. Mein Glückwunsch!

    Fachlich ist ihm beizupflichten. Es ist ein Jammer, was aus diesem schönen Einband gemacht wurde. Besser wäre es, die „Retauratoren“ hätten die Hände davon gelassen, und die Einbände in Würde zerfallen lassen. So sind sie wertlos geworden, und sie erfreuen niemanden mehr.

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