Müssen die Teilnehmer an einer Fridays for Future-Demo Radikalverweigerer sein?

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Niko Paech war 2012 zu Gast in der Ev. Akademie Abt Jerusalem Foto: Uwe Meier

Kritische Stellungnahme zu den Thesen von Niko Paech

Vor gut einer Woche erschien in der Braunschweiger Zeitung ein sehr ausführliches Interview mit dem Nachhaltigkeitsforscher und Wachstumskritiker Nico Paech. Wenige Tage zuvor berichtete der Braunschweig-Spiegel über einige der zentralen Thesen Paechs, die er im Deutschlandfunk äußerte. Im Folgenden dokumentieren wir einige kritische Anmerkungen zu den Thesen Paechs von Bernhard Piest. Er fragt:

Müssen die Teilnehmer an einer Fridays for Future Demo Radikalverweigerer sein?

Immer wieder wird den Fridays for Future – Demonstranten eine Doppelmoral vorgeworfen. Sie würden Änderungen im Lebensstil fordern, die sie selbst nicht erbringen. So auch in der Braunschweiger Zeitung von Niko Paech (1.8.2019, Interview mit Cornelia Steiner). Entsteht Glaubwürdigkeit erst, wenn in allen relevanten Bereichen – Verkehr, Wohnen, Ernährung, Konsumverhalten – die entsprechende Verweigerung sozusagen als Vorleistung vorgelebt wird? Wird eine Demo erst dann wirkungsvoll, wenn sich ausschließlich Totalverweigerer beteiligen?

Voraussetzung für ein glaubwürdiges Handeln, also glaubwürdiges Demonstrieren, ist zunächst die innere Überzeugung von einer Sache, in diesem Fall das Wissen und die Überzeugung, dass die auf grenzenlosem Wachstum basierende kapitalistische Gesellschaft mit Konsumzwängen und –verführungen unsere Welt in den Kollaps führt. Danach folgt die Entscheidung und ihre Umsetzung, diese Einsicht lautstark mit anderen zusammen zu verkünden. Wenn die innere Einsicht vorliegt – ohne diese geht keiner zur Demo – wird sie auch Auswirkungen auf das Leben im Alltag haben. Und dabei liegt eine große Spannbreite vor. Viele Jugendliche entscheiden sich für eine vegetarische oder vegane Ernährung. Manche benutzen „nur“ häufiger das Fahrrad. Andere kommen dem Bild des Radikalverweigerers sehr nahe. Aber alle eint die Bereitschaft, sich auch auf die gewünschten Veränderungen einzulassen, wenn sie denn umgesetzt werden. Und damit demonstrieren sie glaubwürdig! Die Möglichkeiten zur Verhaltensänderung sind eben sehr unterschiedlich, abhängig von der Persönlichkeitsstruktur und den äußeren Lebensumständen, in die die Jugendlichen eingebunden sind. Das Ausmaß der Verhaltensänderung kann jedoch durchaus in einer Entwicklung sein: Durch die wiederholten Demos wird der Wunsch nach aktueller Umsetzung gestärkt.

Wirkkräftig wird die Demo nicht durch den persönlichen Lebenshintergrund der Demonstranten, sondern durch ihre Zahl. Die Masse machts. Immerhin sind die Demonstranten potentielle Wähler. Es wäre sogar kontraproduktiv, wenn ausschließlich Radikalverweigerer demonstrieren würden, weil dann etliche konservative Politiker die Möglichkeit sähen, die Thesen der Demonstranten als Außenseiterthesen abzutun. Insofern ist es für die weitere Zukunft der Demos wichtig, dass auch Menschen der „normalen Mitte“ der Gesellschaft teilnehmen.

Dennoch sind Radikalverweigerer wichtig für die Entwicklung der Gesellschaft. Sie können aufzeigen, dass ein gutes Leben in einer veränderten Gesellschaftskultur möglich ist. Sie können als Orientierung dienen. Sie sind aber nicht in der Lage, die Machtfrage zu stellen.“

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