Der für seine polemisierenden Kommentare bekannte Journalist Johannes A. Kaufmann hat einen groß aufgemachten Artikel in der Braunschweiger Zeitung[1] über die angeblich zu kremlfreundlichen Veranstaltungen der Evangelischen Akademie verfasst, der in geschickter Weise Bericht und manipulative Meinungsvorgaben vermischt, in dem kaum verhüllten Bestreben, der Akademie „Russland-Nähe“ vorzuwerfen. Dazu holt er sich zu Beginn journalistische Unterstützung von der FAZ, die unter dem Titel „Die Kirchentür steht Kremlfreunden weit offen“ vor kurzem eine polemische Kritik an Veranstaltungen mit Sarah Wagenknecht, Gabriele Krone-Schmalz, Harald Kujat, Erich Vad u,a, verfasst hat, die in ihrer aggressiv-feindlichen Haltung gegenüber Kritikern der deutschen Russlandpolitik ihres Gleichen sucht. Hierzu hat der Braunschweig-Spiegel bereits ausführlich Stellung genommen.[2]
Was wirft er der Evangelischen Akademie vor?
1. Kaufmann lässt die FAZ wiederholt kommentieren: „Die Kirchentür steht Kremlfreunden weit offen“ und spricht von einem „moskaufreundlichen Veranstaltungsprogramm“. Statt lediglich „Russlandnähe“ wird nun den Referenten freundschaftliches Verhältnis zu Moskau vorgeworfen, was eine üble Nachrede darstellt. Denn wer einfach nur erklärt, wie der Westen, vor allem NATO, EU und die USA unter Biden, durch eine konfrontative und ignorante Ostpolitik die militärische Eskalation im Ukrainekrieg mit zu verantworten hat[3], dem wird nicht argumentativ entgegengetreten, sondern der wird als „Putinversteher“ diffamiert. Journalismus verkommt hier zur Regierungspropaganda. Auch wenn das böse, diffamierende Etikett „Kremlfreunde“ und „Russlandnähe“ in Anführungszeichen gesetzt wurde und in Frageform, so zeigt die Häufung solcher Attribute in dem Artikel ein gezieltes Framing, dass dem Leser damit eine abwehrende, vorverurteilende Haltung nahe legen soll.
2. Kaufmann kritisiert nicht offen, er lässt interne Kritiker des Konvent zu Wort kommen, die offenbar seiner Haltung entsprechen, die sich erregt haben sollen („auf den Zinnen“), sich aber nicht öffentlich äußern wollten, andere lässt er kritisch und distanzierend über die Veranstaltungsplanung im Konvent berichten. Die inkriminierten Veranstaltungen seien von einzelnen Mitgliedern ins Programm „eingeschmuggelt“, die dem Friedenszentrum sowie dem Braunschweig-Spiegel nahe stünden. Dadurch soll die Legitimität der Veranstaltungen in Frage gestellt werden. Es klingt, als ob ein moskaufreundlicher Maulwurf in der Organisation sein Unwesen treibe. Und Kaufmann setzt noch einen drauf: Sogar den russischen Botschafter habe man einladen wollen. Pfui Teufel, soll der Leser an dieser Stelle denken, wie kann man nur den Feind einladen wollen?
3. Zwar lässt Kaufmann einen der Initiatoren der Veranstaltungen, Uwe Meier, Mitglied der Redaktion des Braunschweig-Spiegel, erklärend zu Wort kommen, wonach „russische Stimmen hier gar nicht zu Wort“ kämen, was für eine offene demokratische Debatte notwendig sei, rahmt diese Sequenz aber als persönliche Trickserei eines einzelnen, womit die Akademie wieder reingewaschen werden kann und die Glaubwürdigkeit des Initiators untergraben wird.
4. Kaufmann erzählt eine Geschichte von wiederholtem Ärger für alle, die diese angebliche Einseitigkeit der hier kritisierten Veranstaltungen beklagen und nennt als weiteres Beispiel die Diskussion über die neue Friedensdenkschrift der EKD, in der Professor Jörg Hübner als Mitverfasser der Denkschrift mit dem Brigadegeneral a.D. Erich Vad, ehemaliger militärpolitischer Berater von Angela Merkel, kontrovers debattierte. Dabei lässt er ausschließlich Hübner rückblickend zu Wort kommen und Erich Vad delegitimieren und als Gesprächspartner dequalifizieren, indem er einseitig Hübners Bewertung übernimmt, er sei nicht sicher, ob Vad die Denkschrift überhaupt gelesen habe. „Stattdessen sei es vor allem um Russland gegangen“ und es habe an diesem Abend „viele Stimmen gegeben, die versucht hätten, den russischen Überfall auf die Ukraine zu relativieren oder zu rechtfertigen“. Kaufmann lässt Hübners Empörung in dem Satz kulminieren: „So etwas habe ich bisher noch nicht erlebt.“ Damit soll diese Braunschweiger Veranstaltung besonders skandalisiert werden.
Hier zeigt sich wieder, wie Erklärungen zu den Ursachen des Krieges mit Rechtfertigungen gleichgesetzt werden. So funktioniert kein Journalismus, aber wohl Propaganda.
5. Schließlich zeigt Kaufmann, zu welchen Konsequenzen diese Kritik an den inkriminierten Veranstaltungen führen muss. Er lässt wieder andere sprechen, die Akademieleiterin Vogt zum Beispiel, die eine neutrale Moderation zukünftig einfordert, die Landesbischöfin Bammel, die die Kritik des EKD-Referenten Hübner als „alarmierend“ bezeichnet, wenngleich sie die FAZ-Kritik zurückweist. Die Bischöfin schätze zwar den Konvent der Akademie und sehe darin ein Vorbild für die Landschaft der Akademien, aber es brauche eine „transparente, klar mit der Leitung abgestimmte Arbeitskultur.“ Und Akademiechefin Vogt räumt ein, mit den Veranstaltungen zu Krieg und Frieden der kritischen Seite der Friedensbefürworter zu viel Gewicht gegeben zu haben, auch die Vertreter der Ukraine seien bisher nicht in Veranstaltungen zu hören gewesen.
Da werden demnächst wohl die Zügel angezogen, um eine stärker an den Mainstream der Meinungen angepasste Veranstaltungsreihe zu gestalten.
In der ganzen Darstellung von Johannes A. Kaufmann drückt sich das Bemühen aus, diese kritische Veranstaltungsreihe zu diskreditieren, die Referenten an extreme Ränder zu schieben und Einfluss auf die Leitung der Akademie auszuüben. Das könnte zur Folge haben, dass dort zukünftig stärker auf Vorsicht gesetzt wird, dass man auf zu konfrontative Themen verzichtet oder sie in geordneten Pro-Contra- Formaten präsentiert, sodass jeder Position einer jeweiligen Minderheit eine Position der Mehrheitsmeinung, des politischen und medialen Mainstreams entgegengesetzt wird. Das könnte jedoch zur Folge haben, dass Minoritäten allzu leicht von Mehrheitsmeinungen überwältigt werden könnten.
Am Beispiel der Veranstaltung mit Günter Verheugen konnte man erleben, dass eine auf ein Thema und einen Referenten fokussierte Veranstaltung eine größere inhaltliche Tiefe und Breite erreicht, die auch am Ende zu lebhaften Diskussionen der Zuhörer führen kann. Obwohl Kaufmann bei der Veranstaltung anwesend war und eifrig mitschrieb, verfasst er nur zwei bis drei Zeilen darüber. Die dort vorgetragenen Positionen möchte er offenbar seinen Lesern nicht zumuten.
In Zeiten wie diesen, wo wir von allen Seiten stets die gleichen Narrative hören, dass wir „kriegstüchtig“ werden, uns auf einen Krieg mit Russland vorbereiten müssen, wo kritische und warnende Stimmen schnell diskreditiert und marginalisiert werden, da ist die pluralistische Vielfalt in Gefahr und damit die Demokratie. Denn wenn nur noch eine Mehrheitsmeinung Geltung beansprucht, stirbt die Meinungsfreiheit.
Insofern ist es der Evangelischen Akademie zu danken, dass sie nicht nur Mainstream-Positionen zu Wort kommen lässt, sondern bemüht ist, den verdrängten und stigmatisierten Positionen in der Gesellschaft Raum und Stimme zu geben. Von Journalisten, die Haltung zeigen wollen, sollte das verstanden werden.
[1] Braunschweiger Zeitung vom 30. Mai
[2] https://braunschweig-spiegel.de/referenten-der-evangelischen-akademie-zu-bingeners-faz-artikel-braunschweiger-landeskirche-einfallstor-fuer-kremlfreunde/
[3] Vgl. hierzu: https://braunschweig-spiegel.de/hunderte-milliarden-fuer-die-ruestung-muessen-wir-europaeer-putins-imperialismus-wirklich-fuerchten/
























