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KUNSTVEREIN BRAUNSCHWEIG: Liesl Raff + Annette Senneby + Michael Ray-Von + Fondation Tschuess

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noch bis zum 27. September im Kunstverein Braunschweig, Lessingplatz 12

In den drei parallel laufenden aktuellen Ausstellungen von Liesl Raff (Slant), Annette Senneby (Attic) und Michael Ray-Von (Interference Pattern) im Haus Salve Hospes und in der Remise werden keine fertigen Geschichten erzählt oder vielleicht sogar schöne Landschaften gezeigt.

Die ausstellenden Künstler:innen stellen auch nicht einfach Objekte in einen Raum, sondern nutzen die Räume selbst als Material, möchten das körperliche und sinnliche Erleben von Raum, Licht und Materialität provozieren.

Manchen Besucher:innen wird das vielleicht ein bißchen Geduld beim Schauen abverlangen oder sie manchmal sogar etwas ratlos, aber überrascht durch die Räume schlendern lassen. Den Kunstschaffenden geht es wohl auch weniger um ein schnelles Verstehen oder um einen „konventionellen“ Besuchsgenuss.

Genau hier beginnt das eigentliche künstlerische Experiment dieser Ausstellung. Die gezeigten Arbeiten wollen nicht auf den ersten Blick gefallen oder irgendetwas abbilden. Sie wollen eher die Wahrnehmungsspektren der Besuchenden öffnen, erweitern und vertiefen. Wer sich darauf einlässt, kann mit außergewöhnlichen künstlerischen Seh-Abenteuern rechnen.

Die deutsch-österreichische Künstlerin Liesl Raff startet im Erdgeschoss gleich mit einem opulenten Latex-Angriff auf das Baudenkmal Salve Hospes.

Liesl Raff (Foto M. Brandes)

Die frühklassizistische Villa (1808) war während des 19. Jahrhunderts ein Mittelpunkt im gesellschaftlichen Leben Braunschweigs für Militär, Adel sowie Ministerialbürokratie und beherbergte Gäste wie Hans Christian Andersen oder Caroline Schelling.

Unter dem Titel Slant (Neigung oder Schräge) konfrontiert Raff die Besucher:innen beispielsweise mit an einer Metallstruktur befestigten, lichtdurchlässigen Latexbahnen, die sich durch fünf Räume entlang der südöstlichen Gartenseite des Spiegelsaals ziehen.

Ausstellungsblick „Slant“ (Foto: M. Brandes)

In ihrer Arbeit Bridge reiht sie zehn Bühnenpodeste aneinander, die sie mit dicken Latexabdeckungen verkleidet hat. „Die Arbeit spiegelt die Logik des Raumes als Repräsentationsapparat wider, indem sie dessen grundlegende Funktion im historischen Kontext der Architektur, Sichtbarkeit und Hierarchie zu erzeugen, symbolisiert“ (Zitat aus dem Ausstellungskatalog).

Raff nutzt das weiche, organische Latex – das sie selbst gießt – als direkten Gegenspieler zur starren, symmetrischen Pracht der historischen Villa. Das Material reagiert auf das einfallende Licht und die Raumtemperatur; es „arbeitet“ und altert während der Ausstellungsdauer.

Ausstellungsblick „Slant“ (Foto: M. Brandes)

Indem die Künstlerin gezielt barocken Stuck und klassizistische Sichtachsen mit ihren Arbeiten blockiert, zwingt sie das Publikum auf sehr freundliche Art, sich körperlich neu zum Raum zu verhalten und auch die eigene Präsenz im Raum zu überdenken.

Wer jetzt die herrschaftliche Treppe der Villa Salve Hospes nach oben steigt, erlebt einen ziemlich radikalen atmosphärischen Bruch.

Denn das Obergeschoss gehört Annette Senneby – eine der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen Schwedens, die hier mit Attic ihre erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland präsentiert.

rechts im Bild: Annette Senneby mit ihrer Kuratorin Emily Fahlén (Foto: M. Brandes)

Arbeiten aus vier Jahrzehnten existieren hier nebeneinander, ganz im Hier und Jetzt – losgelöst von Epochen oder biografischen Anekdoten.

Senneby arbeitet extrem minimalistisch. Diese Werke drängen sich nicht auf; sie fordern vom Betrachter viel Geduld und das Aushalten von Stille, während das Auge versucht, die geometrischen Formen im Zusammenspiel mit dem Tageslicht zu ordnen.

Ausstellungsblick „Attic“ (Foto: M. Brandes)

Ihre Arbeiten setzen sich mit Grenzen und deren Verschiebung auseinander. Sie wollen die Unterscheidung zwischen Werk und Raum auflösen und das Gegenständliche in Richtung des Nicht-Materiellen verschieben.

Wer sich darauf einlässt, erlebt, wie die strengen, geometrischen Formen im wechselnden Tageslicht lebendig werden und sich mit der Architektur der Villa verbinden.

Ausstellungsblick „Attic“ (Foto M. Brandes)

Michael Ray-Von sorgt mit Regenwürmern in der Remise und einem „Labor der optischen Täuschungen“ für garantiert spannende, spielerische Perspektivwechsel.

Dafür sorgen schon die Fotografien zweier selbst gefangener Regenwürmer hinter irritierenden Einwegspiegeln (Floaters).

Michael Ray-Von scheint es auch zu mögen, wenn sein Publikum aktiv mitmacht und sich beim Irritiertwerden gut unterhält.

Bei Wattle Hurdles unterteilt er einen Abschnitt des Hauptraumes durch Mini-Gartenzäune und verwandelt ihn so in eine Art Schrebergarten. Die Besucher:innen sind eingeladen, die Flächen zu betreten, zu spüren und zu testen, wie sich das eigene Raumempfinden durch die vorgegebene „Zaunordnung“ verändert.

Ausstellungsblick „Interference Pattern“ (Foto M. Brandes)

Die Arbeit Pasture besteht aus einem großen Tisch. Darauf befinden sich über die gesamte Fläche verteilt Trennwände und von Lasern ausgeleuchtete Hologramme, die elementare pastorale Landschaftsmotive wie Schafe und Blumen zeigen. Die Hologramme verkomplizieren diese teleologische Einbahnstraße, indem sie die Vorstellung einer festen Blickordnung unterlaufen.

Ausstellungsblick „Interference Pattern“ (Foto: M. Brandes)

Ray-Von zeigt so auf wunderbar spielerische, aber technisch präzise Weise, wie leicht sich unsere visuelle Wahrnehmung austricksen lässt.

Im Rahmen der Einladung von Faltpavillon zeigt FONDATION TSCHUESS auf dem Hof des Kunstverein Braunschweigs ein florales Arrangement.

Villa: LIESL RAFF Slant – ANNETTE SENNEBY Attic – Remise: MICHAEL RAY-VON Interference Pattern – Hof: FOUNDATION TSCHUESS: Weeds

vom 27.06. bis 27.09.2026 im Kunstverein Braunschweig, Lessingplatz 12

https://kunstvereinbraunschweig.de

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