Muss ein Protest eigentlich immer groß und laut sein?

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Eine besondere Form der Klima-Strassensperre bei der Demonstration in Braunschweig durch eine Aktivistin von Extinction Rebellion.

Von P. Foelz

Am 27.03. fanden in Braunschweig eine Neonazi-Demonstration mit etwa 50 Teilnehmern und mehrere größere Gegendemonstrationen statt. Doch zur gleichen Zeit, ebenfalls um 13 Uhr, konnte man wenige Straßen entfernt, an einem Zebrastreifen nahe des Prinz-Albrecht-Parks, einen weiteren Protest von ganz anderer Art beobachten. Eine Person saß dort, mitten auf der Straße, ein Schild haltend auf dem stand:“Ich habe Angst um die Zukunft meiner Kinder wegen der Klimakrise.“ Ganz still, allein. Einige Passanten blieben stehen und fotografierten oder beobachteten die Szene von Weitem. Ein paar der Autofahrer, die kurz ausgebremst wurden, hupten verärgert, ein oder zwei fuhren auch beängstigend eng an der Person vorbei, doch es gab auch mehrere positive Reaktionen. 

Die Sitzblockaden fanden von Extintion Rebellion fanden in 40 Städte Deutschlands statt. Quelle: Extinction Rebellion

Und auch wenn es so aussah, eigentlich ist diese sitzenden Person nicht allein, denn jeden Tag und überall auf der Welt haben viele Menschen große Sorgen vor den Auswirkungen der Klimakrise; sowohl jene, die bereits massiv unter diesen leiden wie auch jene, die bisher lediglich die ersten Auswirkungen zu spüren bekommen, wie wir hier in Europa. 

Corona dominiert momentan so sehr die Nachrichten und Gedanken aller, dass wohl viele das Gefühl haben, der Klimawandel und das 6. große Artensterben würden gerade stillstehen, so wie gerade eben so vieles in unserem Leben stillsteht aufgrund des Lockdowns. Doch der Klimawandel steht leider keineswegs still nur weil es durch die Corona-Beschränkungen ein paar Monate lang weniger Flugreisen und Konsum gegeben hat. Wir werden alle täglich in den Nachrichten über die aktuellen Corona-Infektionszahlen und -todesfälle informiert; vielleicht wären uns diese anderen Probleme mit denen wir noch so viel länger werden kämpfen müssen und gegen die sicherlich keine Impfstoffe erfunden werden, wesentlich bewusster, wenn uns diese Zahlen ebenso häufig genannt werden würden, beispielweise die ca. 150 Arten die täglich aussterben und damit für immer verloren sind?

Quelle: Extinction Rebellion

Gerade weil schon die Corona-Krise uns derart überfordert, sollte umso mehr daran gelegen sein, die anderen Krisen, die uns in vielerlei Hinsicht noch weit mehr kosten werden, einzudämmen solange dies noch möglich ist und das nicht aufzuschieben bis das Virus vorbei ist und man wieder „Zeit für andere Dinge“ hat.  Doch genau dieser Eindruck drängt sich einem unweigerlich auf. Dabei: würde im Bezug auf Klimawandel und Artensterben auch nur annähernd soviel und so schnell gehandelt wie bezüglich Corona könnte schon sehr viel erreicht werden. 

Es sitzt vielleicht nicht jeden Tag jemand mit einem Schild vor uns auf dem das steht, aber nicht nur vor Corona haben viele Menschen Angst. Darauf sollte dieser kleine Protest laut Veranstaltern aufmerksam machen.  Sie war Teil einer bundesweiten Aktion der ursprünglich aus Großbritannien stammenden Umweltbewegung Extinction Rebellion, an der Menschen in über 40 Städten teilnahmen und einzeln protestierten, da Aktionen mit großen Menschenmengen aktuell corona-konform schwer machbar sind.  Und muss ein Protest immer groß und laut sein? Das Bild von Greta Thunberg, allein mit ihrem Schild vor dem schwedischen Parlament, hat vielleicht auch so manchen mehr berührt als die Zehntausenden die gemeinsam durch die Straßen zogen. Doch unabhängig davon, ob einen so eine Aktion nun berührt, ob man sie gut und richtig findet oder nicht, ist es vielleicht manchmal wichtig, dass uns jemand daran erinnert, dass wir neben Corona nicht alles andere vergessen.

2 KOMMENTARE

  1. Traurig an der Sache ist, dass die Demonstranten eine Anzeige wegen Nötigung erhalten haben, weil die Autofahrer „genötigt wurden woanders lang zu fahren“.
    Würde ich den gleichen Maßstab ansetzen müsste ich die Stadtverwaltung Braunschweigs jeden Tag wegen Nötigung anzeigen, weil viele Radwege zeitweise oder ständig in unbenutzbaren Zustand sind, ich also zum Ausweichen wegen nicht beseitigter Schäden, Hindernisse, Schneehaufen oder Überschwemmungen genötigt werde.
    Würde ich den gleichen Maßstab ansetzen, müsste ich jeden Autofahrer der Radwege blockiert anzeigen, weil ich genötigt werde auszuweichen. Die Polizei wird mir da was husten, habe ich nämlich schon ein mal erlebt.

    Was lernen wir also daraus, Auto darf alles und darf nicht behindert werden, Stadt darf alles und macht alles immer richtig, Radfahrer sind Verkehrsteilnehmer dritter Klasse und sind nicht gleichwertig.

    Aber was nützt so eine Demo, wenn die ganzen Regierenden, Politiker und Verwaltungen trotz Lippenbekenntnissen immer noch Großgewerbegebiete, Autobahnen, Waldabholzung, Einfamilienhausneubaugebiete und weiteren umweltschädlichen Flächenverbauch durchdrücken?
    Mangelt es an grundsätzlicher Aufklärung in der Schule? Ist es der Egoismus in der Gesellschaft, sich immer größere Häuser und Autos leisten zu müssen?
    Muss der Protest nicht ganz woanders stattfinden und noch sichtbarer werden? Muss man den Leuten nicht mal die toten Wälder in der Region zeigen und nochmal genauer erklären, was Bäume produzieren? Muss man den Leuten genauer erklären, was ein Acker ist und wozu dieser gut ist, bevor der Landwirt diesen für Gewerbe- und Neubaugebiete für ein paar Euro veräußert und wer dannach daraus dann richtigen Gewinn schlägt?
    Muss man den Leuten erklären, dass 8 Milliarden Meschen auf einer empfindichen Kugel mit einer besonderen Hülle drumrum leben und ein Großteil dieser Kugel sich rein zufällig in Millionen Jahren entwickelt hat und nur dafür da ist, die Lebenserhaltung auf dieser Kugel zu ermöglichen, aber der Mensch gerade 200 Jahre benötigt hat das zu zerstören, was sich in den Millionen Jahren zuvor unter ganz anderen Bedingungen entwickelt hat.

    Die ganze Menschheit sägt an dem Ast, auf dem sie gerade sitzt. Jedes Umweltproblem ist hausgemacht, gewarnt wird schon seit den 1960-70ern, das erste Waldsterben und der Smog waren damals alltäglich, aber ist weitgehend vergessen worden. Wenn man gerade mal wieder eine alte Doku über die schlechte Luft um Ruhrgebiet oder das Fischsterben in Rhein und Elbe sieht, wird die Erinnerung wach.
    Heute gibt es Wirrköpfe, die behaupten sogar das war alles nicht und verbreiten ihre Thesen im WWW. Das Internet halte ich deswegen auch gefährlich, weil man da in einer Filterblase landen kann, die die eigenen Ideologien und Erkenntnisse stützt und formt.
    Die breite Masse muss richtig informiert werden, damit ein ökologisch verträgliches Umdenken auch von oben her stattfindet. Leider gibt es zuviele Informationskanäle, die alle was anders sagen, gewollte Desinformation und Verwirrung also. Nur ein schlauer, aufmerksamer Mensch sieht den Raubbau, ein abgelenkter Computerspieler oder Internetjunkie eher nicht. Was wäre wohl, wenn von heut auf morgen das alles, was uns so an Technolgie umgibt und was wir für unverzichtbar halten einfach ausfallen würde? Auweia, dann drehen nicht wenige richtig durch, andere wachen vielleicht auf!

    und das ist kein Aprilscherz.

  2. Die großen Medien sind gefragt, endlich Umweltthemen, die uns alle betreffen neben Corona-und den Familienstreitigkeiten der Royals-mehr in den Fokus zu nehmen, nicht nur dann wenn spannende Bilder von gezeigt werden können wie zur Earth Hour .
    Jeder von uns sollte sich fragen, was wir in dieser Zeit eigentlich besonders vermissen und ob die besonders umwelt-und klimaschädlichen Dinge da überhaupt so weit oben auf der Liste stehen.
    Und vorallem ist die Politik gefragt, in diesem Superwahljahr 2021, Umwelt- und Klimaschutz nicht nur für gut klingende Wahlkampfslogans und schwammige Versprechen zu benutzen, sondern endlich konkret zu handeln (ohne endlose Bürokratie und Aufschübe), vor und nach den Wahlen.

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