Darf Stadt Bein zeigen?

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Grüne und Gleichstellungsbeauftragte sind offenbar der Meinung, Frauen würden durch diese Abbildung von Frauenbeinen herabgewürdigt, denn: „die Frauenbeine stehen nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Produkt, für das es wirbt“ – so die Aussage. Das Produkt, für das geworben wird, ist die „Einkaufsmöglichkeit“ in Braunschweig – d. h. die Möglichkeit, die Braunschweig nackten Frauenbeinen bietet, mittels überlassung eines kleineren oder größeren Geldbetrages ein kleineres oder größeres Stück Textil zu erwerben, mit dessen Hilfe man den Körper bzw. das Körperteil vom Zustand der Nacktheit in den der Verhülltheit versetzen kann. Ich denke, es kann ein legitimes Ansinnen von Frauen sein, die von nackten Beinen getragen werden, diese auf die eine oder andere Weise teilweise oder ganz zu verhüllen und ich denke, das Versprechen, dass Braunschweig die Möglichkeit bietet, ein solches Ansinnen in die Wirklichkeit zu überführen, ist folgerichtig und sachgerecht ins Bild gesetzt worden. (Deswegen muss man das Bild ja nicht unbedingt mögen.)

Ralf Ehlers schreibt und meint nun, dass es bei der Reaktion der Grünen um „Aufrechterhaltung überkommener Herrschaftsverhältnisse von Frauen über Männer“ geht – wenn ich das richtig verstehe.

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Wie auch immer: ich möchte nicht in einer Republik leben, in der es Frauen verboten ist, in der Öffentlichkeit „Bein zu zeigen“, wenn sie es denn möchten. Kann doch ein nacktes Gesicht eine viel eroterische und „anziehendere“ Wirkung haben als ein nacktes Bein. Dennoch (vielleicht auch deshalb) möchte ich auch nicht in einer Republik wohnen, in der es Frauen verboten ist, in der Öffentlichkeit „Gesicht zu zeigen“. Ein Gesicht kann solche Wirkung durch Verstärkung der Physiognomik (z. B. Lippenstift) und Mimik unwillkürlich oder willkürlich kontrolliert hervorrufen, wie Beine das durch Stellung, Bewegung und Bekleidung ebenfalls unwillkürlich oder willkürlich kontrolliert können. – Schlimm?

Im Anschluss einige nackte Beine, die Rubens ins Bild gesetzt hat. Gegenüber den Beinen in der Braunschweiger Werbung zeigen sie sich insofern depraviert, wie ihnen kein kleidsames Textil zur Hand liegt, das es ihnen erlauben würde, ihren Körper vom Zustand der Nacktheit in den Zustand der Verhülltheit zu überführen.

„Es gilt der heutigen Völkerkunde als sicher, dass die Bedeckung der Schamteile – wie die Bekleidung überhaupt – ursprünglich mit dem Schamgefühl nicht das Geringste zu tun hatte, vielmehr nur dem Schmuckbedürfnis und der nahe damit verwandten Absicht dient, durch die Verhüllung einen sexuellen Reiz auszuüben: es kommt vor, dass bei nackt gehenden Völkern nur die Buhlerinnen sich bekleiden!
Die Gürtel und Schürzchen, die die Funktion des Feigenblattes erfüllen, sind oft so minimal und oft so angebracht, dass Verhüllung als solche überhaupt gar nicht ihr Zweck sein kann; sie müssen einen andern haben.
Und welches dieser ist, zeigt die andre Erscheinung: dass sie in außerordentlich vielen Fällen aufs grellste gefärbt und aufs auffallendste verziert sind.
Ihr Zweck ist also ersichtlich, auf diese Teile aufmerksam zu machen. … Unvermeidlicherweise aber kann jener Schmuck, wie der des Körpers überhaupt, diese Funktion nur erfüllen, indem er zugleich verhüllt. Um dieser Koinzidenz willen ist mit der Primitivform der Bekleidung das Moment der Koketterie gegeben: das Versagen, das Sich-Entziehen ist hier mit dem Aufmerksam-Machen, Sich-Darbieten, in einen unteilbaren Akt verschmolzen, dadurch, dass man sich oder einen Teil seiner schmückt, verhüllt man das Geschmückte, dadurch, dass man es verhüllt, macht man darauf und auf seine Reize aufmerksam.“ (Georg Simmel)

„Der Koketterie in ihrer banaleren Erscheinung ist der Blick aus dem Augenwinkel heraus, mit halbabgewandtem Kopfe, charakteristisch.
In ihm liegt ein Sich-abwenden, mit dem doch zugleich ein flüchtiges Sich-geben verbunden ist, ein momentanes Richten der Aufmerksamkeit auf den Anderen, dem man sich in demselben Momente durch die andere Richtung von Kopf und Körper symbolisch versagt.
Dieser Blick kann physiologisch nie länger als wenige Sekunden dauern, so dass in seiner Zuwendung schon seine Wegwendung wie etwas Unvermeidliches präformiert ist.
Er hat den Reiz der Heimlichkeit, des Verstohlenen, das nicht auf die Dauer bestehen kann, und in dem sich deshalb das Ja und das Nein untrennbar mischen. …
In derselben Oberschicht koketter Effekte liegt das Wiegen und Drehen in den Hüften, der „schwänzelnde“ Gang.
Nicht nur, weil er durch die Bewegung der sexuell anregenden Körperteile sie anschaulich betont, während zugleich doch Distanz und Reserve tatsächlich besteht – sondern weil dieser Gang das Zuwenden und Abwenden in der spielenden Rhythmik fortwährender Alternierung versinnlicht.“ (Georg Simmel)

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