Braunschweig: Wollen wir ein solches Kraftwerk von vorgestern?

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Heizkraftwerk Mitte. Foto: BS-Energy

Immer wieder gelingt es BS-Energy im Einvernehmen mit dem Aufsichtsrat, der die politische Verantwortung trägt, die Braunschweiger Bürger/-innen sowie die Kunden zu überraschen. Alle Welt redet vom Klimawandel, Biodiversität und Nachhaltigkeit, und Braunschweig baut ein Kraftwerk zum Verbrennen von Biomasse! Braunschweig entscheidet sich also nachhaltig für CO2- und Dioxin-Emissionen. Zusätzlich muss bis jetzt davon ausgegangen werden, dass Braunschweig auch Wälder verfeuern wird– falls erforderlich. Das wäre dann der Beitrag der Stadt zum nachhaltigen Klimaschutz. Braunschweig hat sich entschieden den Umwelt- und Klimaschutz auszuhebeln – dafür sorgt das neue Biomasse-Heizkraftwerk von BS-Energy.

Warum gelingt es dieser Stadt einfach nicht zukunftsorientiert, das heißt enkeltauglich, zu investieren? Mit Holz haben schon die Steinzeitmenschen geheizt – und in dieser Steinzeit beginnt nun Braunschweig „fortschrittlich“ zu handeln?

Dadurch, dass auf die Kohleverbrennung verzichtet wird, um Altholz zu verbrennen wird sich so gut wie nichts an der CO2-Problematik und für nachhaltigen Klimaschutz verändern. Im Gegenteil – Klimaschutz und Biodiversität stehen in der „Stadt des Bienenschutzes“ zur Disposition. Klimaschutz und Biodiversität sind nicht garantiert.

Aber es geht noch weiter: Obwohl die vollständige Prüfung aller Einwendungen längst nicht abgeschlossen ist, gab das Staatliche Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig (GAA) Ende Juli bereits den Startschuss für das neue Heizkraftwerk von BS-Energy an der Uferstraße. Damit wird also die umstrittene Biomasse-Verbrennung (also Altholz aus Sperrmüll, Dachstühlen, Bahnschwellen und Masten) mit der Emission von Schadstoffen, wie z.B. Dioxin, bis knapp unter den momentanen Grenzwerten inmitten der Stadt gestartet. Nennt man das vorbeugenden, nachhaltigen Gesundheitsschutz?

Die Öffentlichkeitsbeteiligung ist längst nicht abgeschlossen – Einwendungsfrist war nämlich gerade erst vor drei Wochen, der 22.7.2020, die Erörterungen zu den Einwendungen sind noch nicht durchgeführt. Einwendungen liegen dem B-S vor.

Natürlich ist der „vorzeitige Baubeginn“ rechtens. Aber ist es klug, die Bürger nur pro forma zu beteiligen? Doch die Erfahrung lehrt, dass Klugheit im Handeln oft keine Kategorie bei BS-Energy ist. Man denke u.a. nur an die langfristigen unvorteilhaften Verträge beim Stromeinkauf von EON. Im Grunde ein Desaster. Schon jetzt ist absehbar, dass auch das Biomasse-Kraftwerk ein solches wird.

Aber wie sieht es denn nun konkret mit dem Umwelt- und Klimaschutz beim neuen Biomassekraftwerk aus?

Die Einwendungen beziehen sich im Wesentlichen auf drei Punkte:

1. Bereits in wenigen Jahren eine Altanlage. Das Projekt ist in der beantragten Form (teilweise Neuerrichtung bei einigen Erweiterungen der Bestandsanlagen)  nicht zukunftsfähig, da die aktuell beschlossenen Klimaziele der EU und auch das seitens der Bundesregierung avisierte Ziel der Einsparung von CO2- Emissionen mit derartigen Verbrennungstechniken nicht (und schon gar nicht mit Altholz)  erreichbar sind. Selbst die eigenen Klimaschutz-Ziele der Stadt Braunschweig werden mit dem beabsichtigten Bauvorhaben verfehlt, wie eine aktuelle Studie der Stadt BS mit Präsentation  im Rahmen des sog. IKSK (Integrierten Klimaschutz-Konzeptes) zeigt.

Bereits für die zurückliegenden Jahre von 2010-2020 verfehlte demnach die Stadt Braunschweig ihre Klimaschutzziele drastisch. Mit der jetzt geplanten Wärme-Erzeugung mittels Erdgas, Holz und sonstiger Biomasse sind demnach die gesteckten Ziele nicht zu erreichen. Stattdessen wäre Solarenergie die nachhaltige Alternative (siehe Power-Point-Präsentation der Stadt Braunschweig unter dem Stichwort Integriertes Klimaschutzkonzept IKSK).

2. Dioxine.  Die geplante Verbrennungs-Temperatur ist mit 850 Grad Celsius vorgesehen. Um die Dioxine unschädlich zu machen benötigt es aber mindestens 1.150 Grad Celsius.

Der Immissionswert für Dioxine für die Altholzverbrennung wird so zwar mit 2,3% des Grenzwertes veranschlagt, also unter der Irrelevanzschwelle von 3%. Die Schwelle wird also nur knapp unterschritten. Da Dioxin eine chemisch stabile, hochgiftige Substanz ist mit gesundheitlichen Schäden unter Dauerbelastung auch bei geringen Mengen, sollte der Grenzwert nicht nur knapp unterboten werden. Ein vorbeugender Gesundheitsschutz unter Einbeziehung möglicher worst case Szenarien, ist anzustreben. Außerdem können sich die Grenzwerte der Immissionen wieder ändern.

3. Verbrennung von Holzhäcksel aus intakten Wäldern

BS-Energy garantiert bis jetzt nicht, dass für den Brennstoff keine Wälder, ob tote oder lebendige, vernichtet werden. Diese Praxis der Wärmegewinnung durch Waldvernichtung ist heute durchaus üblich. https://braunschweig-spiegel.de/eu-subventioniert-waldzerstoerung/

2 KOMMENTARE

  1. Alte Erinnerungen kommen da hoch:

    Ein von PseudoKrupp betroffenes Kleinkind hatte im Jahre 1983 das damals zunächst ohne Rauchgasreinigung gebaute Heizkraftwerk lahmgelegt und der Rat der Stadt hatte deshalb Rauchgasreinigungsanlagen nachrüsten müssen.

    Das jetzt geplante „neue“ Kraftwerk fällt technisch selbst hinter dieses alte zurück – wenn es ist schon in wenigen Monate als Altanlage gelten wird, wenn z.B. neue CO2 – Grenzwerte oder auch noch etwas strengere Grenzwerte gegen die ganz neu und erstmals anfallenden DIOXINE eingeführt werden. Denn jetzt sollen ja u.a. behandelte (giftige) Hölzer verfeuert werden – Bahnschwellen, Masten …

    Der damalige CDU-Fraktionvorsitzende Wolfgang Sehrt forderte 1983 im Rat, den Vater des im Widerspruchsverfahren erfolgreichen Kleinkindes (und übrigens damaligen Fraktionsvorsitzenden der Grünen) für den „Schaden“ der Stadtwerke ersatzpflichtig zu machen; denn er, Sehrt, die CDU und die SPD im Aufsichtsrat hätten ja extra für den teuren, hohen Schornstein zur Einhaltung aller Grenzwerte für NOx und SOx gesorgt.
    Knapp drei Jahre später, zur Einweihung der Rauchgasreinigung (Entstickungs- und Entschwefelungsanlage), war dann der Vierjährige als Ehrengast geladen… und viele Väter des Erfolges mit ihm …

    Nichts dazugelernt, liebe Politiker im Aufsichtsrat?
    Die Parallelen zu heute sind ernüchternd …

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