BELIEVE IN ME –

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Die Künstlerinnen Sarai Meyron und Rita de Matos im Braunschweigischen Landesmuseum und im Dom

Kunst ist ja immer auch ein Experiment mit sich selbst.

Believe in Me ((c) Rita de Matos und Sarai Meyron

Bei Sarai Meyron und Rita de Matos Arbeiten wird Besucher*in sofort zu einem experimentellen Element in den Interventionen zweier außergewöhnlicher Künstlerinnen. Sie nehmen uns mit zu sehr unterschiedlichen “Erlebnis-Reisen”, die aber doch auch vieles Gemeinsam haben. 

Memory of maybe tomorrow von Sarai Meyron (c) Sarai Meyron

In der traumhaft-fantastischen Videoinstallation Memory of maybe tomorrow begegnet uns Sarai Meyron als eine Verkörperung des Zionismus, als eine mehrdeutige, widersprüchliche Figur. Halb Kind, halb Erwachsener, körperlich eine Frau, doch männlich nach der Sprachform, die im Hebräischen verwendet wird.

“Die Frage, was Zionismus heute bedeutet, und was Israel geworden ist, bildet das Herzstück dieses Kunstwerks, mit dem ich versuche, die zionistische Denkart meiner Familie zu verstehen, während ich gleichzeitig meine politische Kritik daran zum Ausdruck bringe” sagt Sarai Meyron über ihre Intentionen zu dieser künstlerischen Arbeit, die durch die dramatischen zivilgesellschaftlichen Dispute und Proteste in Israel noch eine ganz besondere, sehr aktuelle Relevanz erlangt.

Sarai Meyron ist in ihrer Videoinstallation Körper und Stimme. Die Dauerausstellung des Jüdischen Museums im Kloster St. Aegidien ist der wunderbar passende Raum dafür. Hier führt sie den poetisch-politischen Dialog mit sich selbst als einen Dialog mit der Idee des Zionismus vom Beginn bis zur aktuellen Gegenwart.

Sie stellt kluge Fragen über Gerechtigkeit, nach individueller Betroffenheit, nach dem Sinn einer Idee, die durch ihre Verwirklichung zu einer Ideologie wird, die sich in Gerechtigkeit für die Einen und Unrecht für die anderen verwandelt. Sie erspürt durch Emotion und Intellekt weit darüber hinaus aber auch den Widerspruch, den jede Idee in sich trägt –  dass sie durch ihre Verwirklichung schließlich zu einer Ideologie wird, die sich irgendwann selbst  exekutiert.

Rita de Matos: Questions of Faith, 2023, VR Video stereoscopic Installation, Photo: Tobias_Stelzer.

In Rita de Matos Virtual–Reality-Videoinstallation Questions of Faith (Part I and II) begeben wir uns mittels einer VR-Brille auf eine rasante assoziative Reise durch vergangene Denk- und Glaubenswelten und wir sind plötzlich mittendrin in Dialogen mit längst verschwundenen Göttern, mit längst vergessener und vergangener Spiritualität.  

„Questions of Faith (Part I and II)“ von Rita de Matos (c) Rita de Matos

Der Dom Heinrichs des Löwen, einst einer der mächtigsten Herrscher seiner Zeit, wird in Rita de Matos Arbeit zum virtuellen Symbol der Politisierung des christlichen Glaubens, der staatlich-patriachalen Machtausübung, der blutigen Prozesse nationaler und religiöser Vereinheitlichung durch die christliche Religion.

In der mitreißendenden Virtual Reality Installation fliegen wir durch die Sakralarchitektur des Doms und wir hören dabei im poetischen Dialog über die Verwebungen persönlicher Spiritualität und politischer Kontrolle und Disziplinierung. Aus Sicht der Künstlerin prägend für das abendländische Christentum bis heute.

Dass die künstlerischen Arbeiten aus der Sammlung des Braunschweigischen Landesmuseums, namentlich den Drucken des zionistischen Künstlers Ephraim Moses Lilien (1874–1925), und auch aus der Architektur des Braunschweiger Doms heraus inspiriert wurden, ist für die gastgebenden Institutionen ein erfreulicher Umstand. „Wir begreifen das Museum als Raum, in dem Fragen unserer Gegenwart und Zukunft vor dem Hintergrund unserer Vergangenheit diskutiert werden können“, so Heike Pöppelmann, Direktorin des Landesmuseums.

Die Künstlerinnen Rita de Matos und Sarai Meyron (c) Ronny Aviram

Beide Künstlerinnen sind begeistert von Braunschweig als einer offenen, kunstbegeisterten Stadt, mit einer aktiven, lebendigen Kunstszene und natürlich mit der HBK, an der  Rita de Matos und Sarai Maron studiert haben und mit der sie sich sehr verbunden fühlen.

Sie lieben an Braunschweig auch die direkte Nähe zum Publikum, zu den anderen Künstlern und die Offenheit und Aufgeschlossenheit der  Verantwortlichen in Kultur und Verwaltung. So vieles in unserer Stadt ist aus ihrer Sicht hier oft viel persönlicher, freundlicher, durchlässiger, spontaner als in den sogenannten Metropolen.

P.S. Egal ob Metropole oder Provinz – es scheint, eine im Grunde in sich abgeschlossene, formalistische Sprache, mit der sich Kunst (und Künstler*in) definiert, ist inzwischen allgemein zu einem formalen Erkennungsmerkmal für “Insider” geworden.  

Ein Ausstellungsbesuch führt deshalb oft in eine Wörterwelt, die sich vielleicht aus der “Antrags-Poesie” für Projekt-Förderungen entwickelt hat, durch die sich inzwischen aber auch die “Eingeweihten” erkennen – wie eine Art zusätzlicher, verbaler Mitgliedsausweis für die Kunstwelt.

So wird über eine Künstlerin (die sicher gar nichts dafür kann) beispielsweise geschrieben:  “Ihre künstlerische Praxis basiert auf kollaborativen und partizipatorischen Prozessen als Strategien der Anklage und Subversion sozialer Ausgrenzungsdynamiken, die sowohl in audiovisuellen Installationen als auch im öffentlichen Raum zum Tragen kommen”.

Das sollte aber natürlich gar niemanden abhalten, in Ausstellungen zu gehen und sich an Kunst zu erfreuen und zu begeistern. Natürlich mit allem was dazu gehört: sich möglicherweise irritieren zu lassen, sich vielleicht aufzuregen, sich zu ärgern oder unter Umständen auch etwas zu lernen, inspiriert zu werden oder für sich selber mitzunehmen.  Alles ist möglich und gehört dazu.

Die Interventionen können zu den Öffnungszeiten des Landesmuseums Hinter Aegidien (Di–So von 11 bis 18 Uhr) und des Braunschweiger Doms (Mo–So von 10 bis 17 Uhr) besucht werden. Der Eintritt zur Klanginstallation im Braunschweiger Dom ist frei, der Besuch der Intervention im Landesmuseum Hinter Aegidien ist im Eintrittspreis enthalten.

Weitere Infos gibt es hier:

https://3landesmuseen-braunschweig.de/braunschweigisches-landesmuseum/veranstaltung/believe-in-me

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