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Wer die Demokratie verteidigen will, muss raus aus den Schützengräben – und wieder miteinander reden.

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pixabay, soramang

Wir müssen „richtig für diese Demokratie kämpfen“, so appellierte die Altkanzerin Angela Merkel eine Woche vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit eindringlichen Worten an die Wähler. Anlass sind die hohen Umfragewerte für die AfD und der wachsende Vertrauensverlust der Bürger in die Parteien der sogenannten „demokratischen Mitte“.  Für die Demokratie zu „kämpfen“ soll in diesem Kontext vermutlich heißen, die demokratischen Parteien zu wählen, nicht die angeblichen Feinde der Demokratie, die AfD. Ein Appell zum „Kampf“ klingt aggressiv und konfrontativ, es ist ein Aufruf zur Frontenbildung, zur Sammlung in Schützengräben, um „unsere Demokratie“ zu verteidigen gegen einen Gegner, der danach trachtet, die Demokratie abzuschaffen. Wer das so sieht, befindet sich im Wahlkampfmodus und ist nicht offen für einen Dialog mit Menschen, die trotz aller Warnungen und Mahnungen immer noch bereit sind, der verfemten Partei ihre Stimme zu geben.

Erinnern wir uns noch an den massenhaften Ruf der Bürger der DDR „Wir sind das Volk“, womit der fundamentale Verfassungssatz „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ eingefordert wurde?

Soll man nun 40% der Wahlberechtigten in Sachsen-Anhalt zu Anhängern von Nazis erklären oder zu „diktatursozialisierten“ Ossis, wie einige West-Kommentatoren meinen? Sollen überall im Land Brandmauern errichtet oder weiter befestigt werden, weil mit der Politik unzufriedene Bürger eine Partei wählen, die ihnen eine Alternative verspricht?

Brandmauern sind eben Mauern, hinter denen wir nichts wirklich sehen können, hinter denen die Menschen nicht erkennbar sind, so dass der Phantasie und den Projektionen viel Raum gegeben werden kann. So können die Menschen hinter der Mauer pauschal als Nazi-Anhänger, Rassisten, Ausländerfeinde und dergleichen denunziert werden. So werden die Gräben in der Gesellschaft immer tiefer.

Gegen dieses konfrontative Denken richtet sich der Friedensappell des Friedensforums Johanniskirche 1631–2031 aus Magdeburg unter dem Mottto:

„Lasst uns reden – nicht übereinander, sondern wieder miteinander!“[1]

Die Initiative sorgt sich, „dass der gesellschaftliche Frieden in unserem Land auf dem Spiel steht. Viele Menschen fühlen sich nicht mehr gehört. Sie sorgen sich um bezahlbare Energie und Arbeit, um Frieden in Europa und der Welt, um Gerechtigkeit und um die Glaubwürdigkeit der Politik. Enttäuschung treibt Menschen in Lagerdenken, konstruktiver Dialog scheint kaum noch möglich. Der Riss geht inzwischen durch Vereine, Kollegien, Freundschaften, Familien und Beziehungen. Aktuelle Umfragen zeigen: Mehr als 40% der Wahlberechtigten wenden sich ab und suchen nach einer politischen Alternative. Das ist ein Weckruf und zugleich das Symptom einer tieferen Krise.“

In Erinnerung an die komplette Zerstörung Magdeburgs im 30-jährigen Krieg und die schwierigen Friedensverhandlungen, bei denen sogenannte Friedensreiter zwischen den verfeindeten Parteien vermittelten, indem sie zuhörten und Brücken bauten über damalige Brandmauern hinweg, appelliert das Friedensforum an uns alle, diese Rolle als Friedensvermittler in unseren alltäglichen Beziehungen und Gesprächen zu übernehmen:

„ Wir appellieren:

1. Dialog statt Ausgrenzung. Es braucht Orte, an denen auch mit den Menschen geredet wird, die sich abgewendet haben. Nicht über sie, sondern mit ihnen. Wer aus Protest wählt, muss eine andere Antwort bekommen als Verachtung und Schuldzuweisungen.

2. Meinungsfreiheit und Respekt. Demokratie lebt vom Diskurs. Die Verengung von Meinungskorridoren treibt Debatten an die Ränder und in die Echokammern der sozialen Netzwerke. Auch unbequeme Positionen gehören in die Mitte der Gesellschaft und müssen dort gehört und diskutiert werden – ohne Vorurteile und ohne Hass.

3. Extremismus klar benennen. Unsere freiheitliche Ordnung wird von Rechtsextremismus, aber auch von Linksextremismus und durch radikalen Islamismus bedroht. Doppelte Standards bei der Beurteilung der Gefahren spalten und zerstören Vertrauen. Wir lehnen jegliche Legitimation und jede Verharmlosung von Gewalt ab.

4. Heimat und Vielfalt zusammendenken. Überall dort, wo Menschen sich begegnen, können Vorurteile abgebaut werden und gemeinsame Werte gelebt und verteidigt werden. Wahre Integration gelingt vor allem im Gespräch und durch gegenseitiges Kennenlernen. Wer seine eigene Geschichte kennt, kann den interkulturellen Dialog sinnvoll gestalten.“

Dieser Appell richtet sich an alle, die bereit sind, in ihren jeweiligen sozialen Orten, Einrichtungen oder Begegnungsstätten die Rolle als „Friedensreiter“ zu übernehmen.

„Im Geiste der Friedensreiter von 1648 sagen wir:

Führen wir den offenen Diskurs mit demokratischen Mitteln ohne Ausgrenzung, Hass und Gewalt. Zuhören. Verstehen. Zusammenhalt stärken. Gemeinsam Lösungen suchen. Nur so überwinden wir den Riss in unserer Gesellschaft und bewahren Frieden und Demokratie in unserem Land. Nur so können wir die Krisen auch in Zukunft gemeinsam überwinden.“

Wer sich diesem Appell anschließen möchte, kann  dies hier tun:

https://friedensforum-johanniskirche.de/friedensappell

Es bleibt zu hoffen, dass die politischen Vertreter in den Kommunen, im Land und auf Bundesebene diesen Appell ebenfalls hören und sich aus der konfrontativen Atmosphäre lösen, um einander zuzuhören, auch dem politischen Gegner gegenüber, und bereit werden, den eigenen Standpunkt kritisch und ehrlich zu überdenken.


[1] https://friedensforum-johanniskirche.de/friedensappell

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