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CDUnkraut?

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Foto: pixabay

Von Edgar Vögel

Mehr Sauberkeit, weniger Unkraut“ – mit diesem und weiteren Law-and-Order-Sprüchen aus dem letzten Jahrhundert – hier dazu noch biologisch unterlegt – gehen die CDU und ihr OB-Kandidat gegenwärtig auf Stimmenfang in Braunschweig. Dass sich dabei einige Abgründe auftun, die zu einer eindeutigen Wahlempfehlung führen, wird in diesem Beitrag vorgestellt. 

Prolog: CDU-Zentrale, Gieseler Wall

Auch wenn wir hier beginnen – nein, es geht nicht um Landwirtschaft, Haus- oder Schrebergärten, es geht um den öffentlichen Raum. Doch eine einfache Aktion hat die CDU und ihr Saubermann-Image gleich erheblich in Verlegenheit gebracht. Wie die BZ nach einem Hinweis aus der Leserschaft berichtet, macht „Unkraut“ offenbar auch um die CDU- Zentrale keinen Bogen. Das veranlasste die CDU um Spitzenmann Pohler, um die Peinlichkeit nicht noch zu vergrößern, es von einem Gärtner kurzfristig entfernen zu lassen. Ins Handeln kommen, kompromisslos! Auf Stadtebene dürfte das aber etwas komplizierter, personalintensiver und natürlich auch viel teurer – und fast schon illusorisch werden. Eine schlanke Verwaltung ist nämlich auch eine CDU-Forderung.

Unkraut ist eine abwertende, nichtwissenschaftliche Sammelbezeichnung für Pflanzen der spontanen „Begleitvegetation“ in Kulturpflanzenbeständen, Grünland oder Gärten, die nicht vom Menschen angebaut wurden. Alternativ werden heute häufig die Bezeichnungen BeikrautWildkraut oder Kulturpflanzenbegleiter verwendet. Zitat Wikipedia

Unkrautstadt Braunschweig?

Ein Blick auf die Nachbarstädte Salzgitter und Wolfsburg, deren Flächen nur wenig größer sind, zeigt Erstaunliches: Kein Thema. Entweder gedeiht dort Unkraut schlechter, oder die örtliche CDU hat vordringlichere Probleme. Nähere Hinweise liefert vielleicht ein Blick in die Bibel (AT). Im ersten Buch Mose (drittes Kapitel) wird Unkraut als Strafe Gottes für den Sündenfall erwähnt. Mehr sündige Menschen vor Ort, mehr Unkraut? Das könnte ein Antrieb für eine Partei mit dem „C“ im Namen sein, wäre aber reine Symbolpolitik, da die Ursachen für die Strafe so nicht zu bearbeiten sind.

Ist das Unkraut und muss das weg?

Nicht die Pflanze entscheidet, ob sie Unkraut ist. Wir tun es (bzw. künftig die CDU für uns). Denn eine Pflanze ist ja nicht von sich aus Unkraut. Sie wächst einfach. Und manche wachsen eben erstaunlich gut. Ca. 500 verschiedene Pflanzenarten haben sich allein in Deutschland an die spezifischen Bedingungen in Feldern und Städten angepasst. Um letztere geht es: Stark verdichteter Wurzelraum, Staub, Schmutz, Trittbelastung, Salzeintrag, stark wechselnde Temperaturverhältnisse und Wasserversorgung, oft sehr wenig Platz, den Maschinen der Stadtreinigung standhalten, um nur einige Bedingungen zu nennen, denen sie trotzen müssen. Ungefähr zwei Prozent der Flächen im Inneren der Städte sind ihr Lebensraum: Zwischen Pflaster, Rinnsteinfugen und in Mauerritzen. Diese ungenehmigten Existenzen sind der CDU ein Dorn im Auge. Nur was aus der Sicht bestimmter Menschen nützlich erscheint, darf bleiben. Für Braunschweig hat die CDU entschieden: Das ist Unordnung und nicht sauber, das muss weg. Sie hat offenbar genaue Kriterien, was weg muss: nämlich alles, und das mit hoher Priorität! Im Kommunal-Wahlprogramm „100 Tage CDU“ schreibt sie: „9. Sauberkeit: … Grafitti und Unkraut werden schneller entfernt.“

Die Versuchung liegt nahe, das Thema als Marotte einiger Christdemokratischer Ordnungsfanatiker abzutun – wäre das nicht mit Leitsätzen wie „Braunschweig kann mehr“ und „Ganz klar: Braunschweig braucht einen neuen Kurs“ überschrieben. Jetzt wird es bitter. Gut und gern 50 Jahre wissenschaftliche Forschung und Entwicklung – zumal oft in und aus Braunschweig – werden einfach ignoriert, beiseitegeschoben. „Ein neuer Kurs“? Dann lasst uns das Rad der Geschichte zurückdrehen, in eine Zeit, als alles noch sauberer war.

Vom Nutzen der sogenannten „Unkräuter“ für uns Stadtmenschen 

Das Senckenberg Naturforschungsinstitut in der Leibniz-Gemeinschaft fragte: Was nützen sie uns Stadtbewohner:innen? und stellte fest:

• „Ein dichter Bewuchs in den Fugen des Kopfsteinpflasters erhöht dessen Festigkeit.

• Grüne Fugen nehmen Oberflächenwasser auf, erhöhen die Versickerung und binden Staub. 

• An heißen Sommertagen tragen sie beträchtlich zur Kühlung der gepflasterten Flächen bei – sogar im zweistelligen Gradbereich (spanische Studie: 28°C kühler).“

Hinzuzufügen wäre weiter: 

Viele Wildkräuter sind Nahrungsquellen für Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten. Sie bieten außerdem Lebensraum für zahlreiche Tierarten. Ihre Samen dienen Vögeln als Nahrung. Die bewachsenen Bereiche stellen wertvolle Mikroökosysteme für zahlreiche Insekten dar – mitten in der Stadt. Nicht zuletzt für Wildbienen – wichtige und wertvolle Bestäuberinnen – also auch für uns!

Braunschweig auf dem Weg zur Wildbienen-Hauptstadt?

Stellvertretend für viele andere neuere Entwicklungen eine, die Schlagzeilen machte und zeigt, wie es weitergehen könnte: „“Bienenstadt Braunschweig“ ist ein Forschungsmodellprojekt zur Förderung und zum Schutz von Wildbienen in Braunschweig und Umgebung. Das Projekt ist eine Kooperation des Instituts für Bienenschutz des Julius Kühn-Instituts mit dem Fachbereich Stadtgrün und Sport der Stadt Braunschweig.

Gemeinsam mit verschiedenen Partnern werden zahlreiche Forschungsansätze im Rahmen der „Bienenstadt Braunschweig“ realisiert. Die Umsetzungsmaßnahmen werden nach aktuellem Stand des Wissens konzipiert und fortlaufend wissenschaftlich evaluiert, um die Wirksamkeit nachzuweisen.“ (https://www.bienenstadt-braunschweig.de)

Dass Wildbienen für ihre Ernährung Nektar und Blütenstaub von Pflanzen brauchen, woran Wildpflanzen in der Stadt einen unverzichtbaren Anteil haben, ist logisch. Wildbienen sind wichtige Helfer bei der Bestäubung von Blütenpflanzen. Natürlich gehört zu deren Schutz viel mehr, als die Finger vom Unkraut zu lassen. Ob die CDU-Wahlprogrammierer schon mal was von Wildbienen gehört haben? Brauchen wir das?

Mehr Sauberkeit, weniger Unkraut“. Wie sauber ist die CDU?

Mit dem Helmholtz-Zentrum, dem Johann Heinrich von Thünen-Institut, dem Julius Kühn-Institut und last but not least der renommierten Geoökologie der TU hat Braunschweig gleich vier angesehene Forschungseinrichtungen im biologischen Bereich.                                     Eigentlich sollte es ein leichtes sein, sich auch nur bei einer dieser Institutionen im Vorfeld der Kommunalwahlen zu melden und eine ganz einfache Frage zu stellen. Wir wollen als CDU eine Wahlkampagne für Sauberkeit und gegen Unkraut machen – was halten sie davon? Nach der verständnislosen bis entrüsteten Reaktion der anderen Seite wäre schnell alles klar gewesen: nicht mit uns, sondern gegen uns – widerspricht es doch allen wissenschaftlichen Forschungen der letzten Jahrzehnte.  Aber der „neue Kurs“ der CDU kennt keine Fragen. Vor wenigen Wochen beantragte die CDU im Rat: „Die Verwaltung wird beauftragt, mit der Stadt Salzgitter ein Interkommunales Gewerbegebiet zu errichten“ (erster Satz der Beschlussvorlage). Schnell stellte sich heraus, dass die CDU es nicht für nötig gehalten hatte, zuvor in Salzgitter nachzufragen, ob dort überhaupt Interesse besteht.

Sollte sich bundesweit herumsprechen – wovon wohl auszugehen ist – dass die CDU ausgerechnet am Standort mehrerer renommierter biologischer Forschungseinrichtungen eine Anti-Unkraut-Kampagne betreibt – so trägt sie damit zu einem Standort-Nachteil für diese Institutionen und zu einem Imageschaden für Braunschweig bei und macht sich zusätzlich überregional ob ihrer fundamentalen Unkenntnis zum Gespött der Forschenden.

Klare Wahlempfehlung: Schon allein wegen ihrer Unkrautkampagne muss dringend davon abgeraten werden, dieser Partei durch ihre Wahl größeren Einfluss auf die Zukunft Braunschweigs zu geben!

Links

https://www.senckenberg.de/de/krautschau/
https://www.tvo.de/mediathek/video/tvo-spezial-auf-der-krautschau-in-bayreuth/

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