25 Jahre nach dem Terrorangriff auf das World-Trade-Center wäre es an der Zeit, die ganze Geschichte zu erzählen und nicht nur den Teil, in dem Amerika und die westliche Welt zum Opfer einer radikalislamistischen Ideologie geworden ist. Wo man eine Geschichte beginnen lässt und welche Geschehnisse in den Fokus gerückt werden, das entscheidet maßgeblich über die Deutung und Einordnung des Geschehens. Beginnt man mit dem exzessiven Ausbruch von Gewalt, dann richtet sich der Fokus schnell auf die Hilfs- und Verteidigungsanstrengungen des Opfers. So ist es im Falle des russischen Kriegs gegen die Ukraine und so ist es auch bei den Erzählungen zum „Krieg gegen den Terror“, der mit dem Krieg der US-geführten NATO-Truppen in Afghanistan kulminierte, um dann später unter fadenscheinigen und erfundenen Vorwürfen sich zum Krieg gegen den Irak unter Saddam Hussein zu wenden.
Das ZDF sendete nun ein zweiteiliges Dokudrama, in dem das Schicksal von entführten Entwicklungshelfern in Afghanistan im Vordergrund stand. Die Mitglieder der christlichen Hilfsorganisation „Shelter Now“, deren Zentrale in Braunschweig im Christus-Zentrum liegt, waren seit 1988 in Afghanistan tätig, um humanitäre Projekte zu organisieren, Schulen und Kliniken zu bauen und notleidende Menschen zu unterstützen. Im August 2001 wurden sie plötzlich von den Taliban verhaftet und in Geiselhaft überführt, die sie über 100 Tage ertragen mussten. Vermutlich um sie als Geiseln zum Schutz vor US-Angriffen zu benutzen. Kurze Zeit später kaperten Terroristen von Al-Qaida, die in afghanischen Trainingslagern unter Leitung von Osama Bin Laden ausgebildet wurden, Passagiermaschinen in den USA und steuerten diese direkt in das World-Trade-Zentrum und in das Pantagon, das Finanz- und militärische Zentrum der Vereinigten Staaten. Hier beginnt die übliche Erzählung von der Bedrohung westlicher Zivilisationen durch radikalislamische Terroristen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, denn woher kamen die „Gotteskrieger“, wer gab ihnen die Waffen, wer bezahlte ihre Trainingslager, wer unterstützte sie wohlwissend, wie radikal, gewaltbereit und skrupellos sie gegenüber Nichtgläubigen zu handeln bereit waren?
In ihrem sehr informativen und gründlich vor Ort recherchierten Buch beschrieben Susanne Koelbl und Olaf Ihlau die Hintergründe und den Verlauf des Afghanistan-Kriegs[1]. Das Land geriet schon im 19. Jahrhundert in das Fadenkreuz rivalisierender Mächte, des britischen Empire und des russischen Zarenreichs. Den Konflikt hat der Schriftsteller Rudyard Kipling in seinen Erzählungen als „Great Game“ beschrieben, als einen geopolitischen Konflikt um den Zugang zu den zentralasiatischen Öl- und Gasvorkommen und um die Beherrschung der Region. Mit Kriegen ist die in Stammesverbänden lebende Bevölkerung leidvoll vertraut. Im Dezember 1979 waren die Sowjets einmarschiert, um das linke Revolutionsregime zu stützen, das von den „Mudschahidin“ (heilige Krieger) bedroht wurde, die eine strenge Islam-Auslegung verfolgten. Unterstützt wurden diese von Saudi-Arabien und von den USA, die eine Gelegenheit sahen, die Sowjetunion zu schwächen, wie der Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinski, es dringend empfahl.
„Den Vereinigten Staaten ging es bei der Kooperation mit dem afghanischen Widerstand weder um Religion noch um Freundschaft mit den Muslimen, sondern allein um einen entscheidenden Schlag gegen die Sowjets“, schreiben Koelbl und Ihlau. Brzezinski hatte „eine Präsidentendirektive an die CIA eingefädelt, die Aufständischen am Hindukusch mit Geld, Medikamenten, Funkausrüstungen zu versorgen“[2], vor allem mit damals hochmodernen mobilen Stinger-Raketen, die russische Panzer und Kampfhubschrauber erledigten. 35000 arabische Islamisten erhielten zusätzlich ihre Ausbildung in pakistanischen Militärcamps, finanziell unterstützt von den Saudis und auch von der CIA. Der enorme Waffennachschub blieb natürlich im Land. Nach dem Abzug der Sowjets erlebte Afghanistan einen blutigen Bürgerkrieg der Stämme. Der östliche Nachbar Pakistan hatte aber Pläne mit Afghanistan: Das Land sollte ein sicherer Rückraum für Pakistans Konflikt mit Indien werden und dazu bildete es in seinen Religionsschulen (Madrassen) die arbeitslosen und armen Söhne des Landes und auch des Nachbarlandes zu gottesfürchtigen, aber extrem radikalen Gotteskriegern, den Taliban, aus, die hauptsächlich dem Stamm der Paschtunen angehörten. Saudi-Arabiens Geld und die logistische und militärische Ausbildung durch CIA und den pakistanischen Geheimdienst machten daraus eine schlagkräftige Truppe, die bald ganz Afghanistan eroberte und unterwarf. So haben sich die USA einen „Verbündeten“ geschaffen, der ihre Drecksarbeit machen sollte.
Aber die Geister, die man rief, ließen sich nicht mehr einfangen. Osama bin Laden und Al Qaida gingen eine Verbindung mit den Taliban ein und planten in ihrem Schutz Anschläge gegen die verhassten USA, was schließlich in dem schrecklichen Terrorangriff auf das World-Trade-Zentrum mündete. Der dann folgende „Krieg gegen den Terror“ durch US- und NATO-Truppen, auch mit deutscher Beteiligung zerstörte das Land, das früher seine Bevölkerung mittels weit verzweigter Bewässerungssysteme landwirtschaftlich versorgen konnte, vollständig. Hunderttausende Menschen kamen zu Tode, das Land blutete wirtschaftlich und finanziell aus und dies ermöglichte schließlich die Rückkehr der Taliban.
Ohne den geopolitischen Konflikt der Großmächte und die Profitgier der fossilen Konzerne hätte es vermutlich weder den Afghanistan-Krieg noch die Terroranschläge von Islamisten im Westen gegeben. Dies reiht sich ein in eine lange Reihe von Übergriffen der USA. Die Geopolitiker in den USA haben seit 1946 allein 24 größere militärische Interventionen skrupellos durchgeführt zur Sicherung ihrer globalen Interessen. Russland dagegen?
Es wäre an der Zeit, auch im Ukraine-Konflikt die geostrategischen Hintergründe in der Öffentlichkeit stärker bekannt zu machen, denn auch hier geht es wieder um eine Neuauflage der alten US-Strategie der Eindämmung gegenüber dem sowjetischen bzw. russischen Rivalen im „Great Game“ um den Zugang zu den zentralasiatischen Lagerstätten von Öl und Gas, um den Einfluss und die Vorherrschaft in Eurasien, ein „Spiel“, bei dem die USA die EU und die NATO nur als Schachfiguren und zu taktischen Spielzügen benutzen. Eine ausgezeichnete Darstellung der Vorgeschichte des Ukraine-Konflikts findet sich bei Günter Verheugen, Petra Erler: Der lange Weg zum Krieg, München 2024.
[1] Susanne Koelbl, Olaf Ihlau, Krieg am Hindukusch. Menschen und Mächte in Afghanistan, München 2009
[2] Ebenda, S.14



























