Wie kommen wir aus der Corona-Krise heraus?

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Labor Foto: Michal Jarmoluk auf Pixabay

Vorbemerkung:

Dieser Artikel geht nur dort auf Versäumnisse im Kampf gegen Corvid-19 ein, wo dieses für das Verständnis sinnvoll ist. Wenn ich von Infizierten spreche, spreche ich von den offiziell festgestellten Zahlen. Auf die Abweichungen zur Realität komme ich gesondert zu sprechen. Die Abweichungen zur Realität liegen in der Regel an unterschiedlichen Kapazitätsgrenzen.

Folgenden Staaten mit Millionenstädten ist es gelungen den Virus von ihrem Land durch aktive Maßnahmen lange fernzuhalten: Taiwan, Japan, Singapur und Russland. Taiwan und Japan scheinen auch die Ansteckung im Inneren im Griff zu haben. Bei Singapur sind die Zahlen noch nicht eindeutig. Bei Russland sieht es so aus, als würde es bei der Ansteckung im Innern des Landes auf westeuropäische Raten kommen. Damit hätte es dem Land mehrere Wochen zur Vorbereitung auf eine schwierige Lage wie sie etwa bei uns herrscht eingebracht. [1]

Südkorea hat trotz insgesamt 9,5 Tausend Infizierter die Lage im Griff und ist daher ein Land, von dem die anderen lernen können, die schon viele Infizierte haben. Die Anzahl der Infizierten geht hier mit jetzt 4,5 Tausend kontinuierlich und in ähnlichen Schritten wie in China herunter (ungefähr 10% je Tag). [1]

Wohl nicht zufällig sind alle Staaten mit SARS-Erfahrungen erfolgreicher im Kampf gegen Corona.

Die höchste Ähnlichkeit zu der Situation in Deutschland hat wohl die chinesische Provinz Hubei (etwa 50 Millionen Einwohner) mit der Hauptstadt Wuhan. Deutschland hat etwa 60% mehr Einwohner (etwa 80 Millionen). Wenn sich die Infizierten in Deutschland noch mehr als verdoppeln, haben wir ähnlich hohe Zahlen wie Hubei in seiner schwersten Zeit.[1] Da Hubei sehr große Unterstützung aus dem übrigen China erhalten hat, könnte die medizinische Betreuung vergleichbar zu Deutschland gewesen sein (Spekulation).

Als Wuhan und kurz danach die ganze Provinz unter Quarantäne gestellt wurde, hatte man 400 gemeldete Infizierte. Durch nachträgliche Befragung der Erkrankten ergab sich eine Anzahl der Infizierten zu diesem Zeitpunkt von 4000, also zehnmal soviel wie in den Tests festgestellt wurden!

Wenn wir davon ausgehen, dass 50% keine Symptome zeigten, dann lag die wirkliche Anzahl sogar bei 8000 Infizierten zu diesem Zeitpunkt. Später wurde die Testsituation in Hubei wesentlich besser.

Island hat prozentual sehr viel getestet. Bei stichprobenartigen Tests ergab sich, das 50% der positiv getesteten Bürger keine Symptome zeigten. Wenn wir davon ausgehen, das Hubei überwiegend Menschen mit Symptomen getestet hat, lag die Gesamtzahl der wirklich Infizierten nicht bei 80.000, sondern bei 160.000.

Demnach müssten wir auch in Deutschland von mindestens der doppelten Zahl von Infizierten ausgehen. Nun könnte man glauben, dass dadurch die Letalität (Todesrate) niedriger wäre als angegeben. Da aber wahrscheinlich bei den Toten nicht auf Covid-19 getestet wird, haben wir auch hier zu kleine Zahlen. Die beiden Zahlen gleichen sich bezüglich der Letalität mindestens teilweise aus.

Die Todeszahlen bei einer Grippeepidemie werden nicht durch Zählen ermittelt, sondern durch die erhöhte Zahl von Toten gegenüber Zeiten ohne Epidemie. Dies ist bei großen Epidemien tatsächlich viel genauer, da auch dort die Toten nicht auf Grippe untersucht werden. [2]

Welche Vorteile hat Deutschland gegenüber Hubei/Wuhan und Italien:

Die zuerst Infizierten waren überwiegend Winterurlauber aus den Alpen und gehörten kaum zu den Risikogruppen. Anders als in Wuhan und Italien, wo die Bevölkerung nach dem Zufallsprinzip getroffen wurde und damit die Gesundheitssysteme von Anfang an voll gefordert wurden. In Deutschland konnten die Risikogruppen (Alte und Vorerkrankte) gewarnt werden. Deutschland hat mehr Intensivbetten als Italien. Deutschland kann von den anderen Ländern lernen. Aus Italien wird berichtet, dass zumindest anfangs in den Krankenhäusern nicht immer spezielle Bereiche für Covid-19-Patienten eingerichtet waren (Quelle Deutschlandfunk).

Die brennende Frage ist, wie bekommt man es in den Griff, dass symptomfreie Menschen andere anstecken, weil sie noch keine Symptome haben oder gar keine bekommen. Hier wären die Erfahrungen aus Hubei und Wuhan sehr hilfreich, denn die haben mit vielen Menschen die Lage in den Griff bekommen. In Hubei haben übrigens 1800 Teams a 5 Personen die Ansteckungswege analysiert.

Die Ergebnisse der Gemeinde Vo in Italien sagen uns, wir müssen auf Dauer fast alle testen:

In der venezianischen Gemeinde Vo hat sich die Situation besser als im übrigen Italien entwickelt: Die Ortschaft zählt etwa 3.400 Einwohner. Hier wurden 95% der Bürger auf das Sars-CoV-2-Virus getestet. Dadurch konnte man auch die prozentual sehr große Gruppe isolieren, die infiziert war, aber keine Symptome zeigte. Die Ausbreitungsrate ließ sich so um 90 Prozent reduzieren. Der WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus war sehr beeindruckt und gab aus: „Testet, testet, testet“.

Nur ist das leichter gesagt, als getan. Obgleich Deutschland prozentual mehr Labore als die südeuropäischen Staaten hat, sind die Kapazitäten der Labore am Limit! Laut MTA Dialog testete Deutschland am 20.März etwa 160.000 mal. Ein Vorschlag des Innenministerium kalkuliert mit Zahlen von 200 Tausend je Tag (Berliner Zeitung vom 28. März). Dies ist für unsere Labore demnach eine eine realistische Zahl – aber wir bräuchten 380 Tage um auf 95% der Bevölkerung zu kommen. Um aus unsere verfahrene Situation herauszukommen, ist das bei weitem nicht ausreichend! Südkorea testet in einer sehr viel komfortableren Situation knapp 2,4 mal so oft, wie das Innenministerium in Deutschland plant. Daher ist es nicht angemessen, sich auf Südkorea zu berufen. Südkorea hat 89 Infizierte je 1 Million Einwohner, Deutschland hat 614 Infizierte je 1 Million Einwohner.

Es wird weltweit an schnelleren Tests gearbeitet. Darunter ist ein automatischer Test von Bosch für Arztpraxen und Krankenhäusern, der 2,5 Stunden benötigt und damit wesentlich schneller als bisheriger Tests ist. Ein weiterer wird von einer japanisch – russische Kooperation hergestellt, der im April in die Produktion gehen soll. Dieser Test soll 30 Minuten benötigen und ohne Labor auskommen. (Die Angaben stammen in beiden Fällen von den Herstellern, beide sprechen von guten Ergebnissen). Aber wann stehen diese Entwicklungen wirklich in Deutschland zur Verfügung?

Ebenfalls gut wäre es, wenn auf Antikörper getestet werden könnte, um die schon immunisierte Bevölkerung zu erfassen. Diese wären selbst nicht mehr in Gefahr, sie könnten in Ihrem Arbeitsbereich die gefährdeten Bereiche übernehmen und würden nicht mehr andere anstecken. An solchen Tests wird derzeit mit Hochdruck gearbeitet. Von der Berliner Charité zum Beispiel können Antikörper gegen das Corona-Virus bereits nachgewiesen werden, was allerdings in einem „handwerklichen Prozess“ noch viel Arbeit und Zeit erfordert. Nun kommt es darauf an, daraus einen „massentauglichen“ Test zu entwickeln.

Eine wirkliche Entspannung der Lage gibt es erst, wenn Impfungen zur Verfügung stehen. Damit ist im günstigem Fall Ende des Jahres zu rechnen. Nur solange können wir nicht die Wirtschaft ruhen lassen, ohne schwerste Folgen in Kauf zu nehmen.

Fazit:

Aus der jetzigen schwierigen Lage kommen wir nur gut heraus, wenn soviel getestet wird, dass wir die Infizierten zum größten Teil ermitteln wie in der Gemeinde Vo. Dann können die Infizierten sich unter Quarantäne begeben, genauso wie die gefährdeten Personengruppen. Durch diesen Weg können die nicht Infizierten und Immunen die Arbeit wieder aufnehmen und die Wirtschaft stürzt nicht so radikal ab. Die nicht erfassten Infizierten würden das Gesundheitssystem auch dann noch voll fordern.

Um die Wege der Infektionen wie in China und Südkorea detailliert zu verfolgen scheint es schon zu spät. Wir können also nur hoffen, dass sich die Lage auf Seiten der Tests schnell entspannt und sich die Staaten weltweit bei der Lösung der Probleme unterstützen, um schnell die besten Lösungen umzusetzen.

Zum Schluss noch ein persönlicher Kommentar zu aktuellen Aktivitäten:

VW ist zu loben, da es aus eigenen Beständen 200.000 Atemschutzmasken gespendet hat und für 40 Millionen Euro Güter für den Kampf gegen Corona in China einkaufen will, um sie Kliniken und Arztpraxen zur Verfügung zu stellen. (Quelle: Braunschweiger Zeitung vom 27. März)

Die Arroganz der deutschen Regierung, chinesische Hilfe abzulehnen, ist dagegen äußerst dumm. (s. Braunschweig-Spiegel)

[1] Aus den Angaben der Johns Hopkins University herausgerechnet

[2] Wikipedia Abschnitt Todesfälle, Stichwort Übersterblichkeit

Letzte Änderung: 29.März 12 Uhr

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