Wer ist verantwortlich für die Bildungsmisere?

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Vor wenigen Tagen schrieb Hans-Jürgen Bandelt einen kritischen Essay über unser Bildungssystem „Was ist Bildung? Eine Diskussion darüber ist nötiger denn je.“ Auch aufgrund eines Kommentars, der meinte, dass die Eltern eine erhebliche Mitschuld an der Misere hätten, legt Herr Bandelt nun argumentativ nach.

Ein Einwand der Art „Das Problem liegt nicht nur in der Politik, sondern auch …“ ist meist einerseits richtig, weil viele Gruppen von Akteuren daran auf ihre Weise mitwirken, und andererseits falsch, da die herrschende Klasse, die hinter der Politik steht, erst die vielen Unterstützer rekrutiert, die letztlich gegen die Eigeninteressen verstoßen sollen. Eltern und Lehrer handeln so oft angesichts der herrschenden Ideologie und öffentlichen Meinung gegen ihre eigenen Ansichten und trauen nicht den eigenen spontanen Reaktionen bzw. fürchten (teils zu Recht) die beruflichen Konsequenzen.

Die Geringschätzung von Allgemeinwissen und die Abi-Schwemme etwa sind nicht durch die Eltern oder Lehrer verursacht. Vielmehr hat die Politik (der OECD) mit der Forderung nach höheren Studierquoten die Initialzündung gegeben, während die Bertelsmann Stiftung die entsprechenden Begleitmantren liefert und willige Didaktiker im Kompetenztaumel angeblich totes Wissen brandmarken und lehrerzentrierten Unterricht verteufeln. Wenn Eltern über Jahre eingeredet wird, daß ihr Nachwuchs ohne Abi chancenlos ist, dann glauben sie es schließlich und tragen zur Beschleunigung des Akademisierungswahns bei. Viele junge Menschen – ob mit oder ohne Abi – haben heutzutage kaum berufliche Chancen. Wir alle stehen in der Verantwortung, jeder auf seine Weise, der neoliberalen Bildungszerstörung und der Prekarisierung breiter Bevölkerungsschichten entgegenzuwirken.

Was schließlich Erziehung zum Lernen von Respekt und Disziplin betrifft, so kann man nur die Argumente des Psychiaters Martin Winterhoffs wiederholen, die er in seinem neuesten Buch und dem rezenten Interview äußert. Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren lernen von ihrem Entwicklungsstand her noch nicht aus tiefer innerer Überzeugung für das Gelingen ihres späteren Lebens, sondern eben doch unmittelbar für den Lehrer, für die Eltern, wenn diese mit ihnen in Beziehung treten. Durch Beziehungslosigkeit oder Symbiose kann der Respekt anderen Menschen gegenüber nicht erwachsen. Auch Mangel an Disziplin ist ein typisches Entwicklungsdefizit bei jungen Menschen.

Die ganze Problematik kann man jedoch weder mit Tiefenpsychologie allein erfassen noch mit Appellen an ermüdete Eltern oder mit Vorwürfen an gestreßte Lehrer auflösen. Es braucht den politischen Blick auf das gesamte System, also eine umfassende Analyse der Wirkmechanismen des neoliberalen Raubtier-Kapitalismus. Und man darf sich fragen: „Gibt es Hoffnung für die Lämmer?

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