Schloss-Attrappen – nur ein Vorspiel zur Vertreibung der Farbe aus dem Stadtbild?

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In der Juni-Ausgabe des populären Kunstmagazins „Art“ wurde auch aus dieser berufenen Quelle – anbei eine Collage aus Bruchstücken; eine ausführliche Wiedergabe würde einen Bruch des Copyrights bedeuten – ein Urteil abgegeben über die Braunschweiger „Schloss-Arkaden“: Was die Braunschweiger damit „bekommen haben, ist keine Rekonstruktion, sondern eine Attrappe“ heißt es, und:

„Hier handelt es sich schlicht um eine Mogelpackung“ – so das Fazit von „Art“ über die prätentiöse Prachtentfaltung des Braunschweiger Potentaten.

Dabei hatte es an gutem Rat durchaus nicht gefehlt.


So verwies im Juli 2003, als es noch nicht zu spät war, Professor Jürgen Weber in einem Extrablatt auf die „bizarre“ Vermischung von Klassizismus und Kommerz: „Die klassizistische Fassade hat keinerlei Identität mit der Kaufhaus-Architektur. Wo früher Festbälle abgehalten wurden, sollen jetzt Socken verkauft werden … Eine Kulturschande und ein Schlag ins Gesicht des Klassizismus … Wir machen uns damit unsterblich lächerlich.“ – mahnte Weber, aber vergeblich: die Spitze der Braunschweiger Verwaltung erwies sich als bemerkenswert beratungsresistent und immun gegen die Stimme der Vernunft.

Postkarte, erhältlich bei guten Adressen.

Wenn auch die städtebauliche „Mogelpackung“ über dem ehemaligen Schlosspark ein denkbar schlechter Ausweis für städtebauliche Kompetenz ist, ja, ein denkbar schlechter Ausweis für redliche Politik, so wird doch von Seiten der Verwaltungsspitze auf überwältigende, positive Effekte des Projektes verwiesen: Der Bohlweg sei extrem aufgewertet. Aus der ehemaligen Schmuddelmeile der Stadt sei die erste Adresse geworden. Schaut man aber genau hin, dann hat sich nicht viel geändert – ja, eigentlich gar nichts. Erneuert und verbreitert wurde der Gehbelag und alte Bäume wurden durch junge ersetzt, eine Erneuerungsmaßnahme, wie sie regelmäßig und überall alle 30 bis 50 Jahre durchgeführt wird; aus einem Foto-Geschäft wurde ein angenehm durchschnittliches Restaurant – sonst blieb alles beim Alten.

Weil aber die versprochene Aufwertung des Bohlwegs bisher doch weitgehend ausblieb, soll sie nun per Obrigkeitserlass verfügt werden. Wenn man es nur ernsthaft gewollt hätte, hätte man aber genauso solche Maßnahmen auch schon vorher treffen können, was von der Verwaltung regelmäßig bestritten wurde: nur mit Hilfe der ECE Ansiedlung auf der anderen Seite des Bohlwegs könne man auch den westlichen Bohlweg aufwerten. Wobei sich noch die Frage stellt: Kann das jetzt Geplante überhaupt als eine willkommene Aufwertung bezeichnet werden, und was ist es dann für eine Aufwertung?

Per obrigkeitlichem Dekret will jetzt die Spitze der Verwaltung die Farbe zuerst aus dem Bohlweg heraustreiben und in der Folge dann möglichst aus der ganzen Innenstadt. Der Verwaltungsspitze der Stadt gefolgschaftlich ergeben, wie wir das von Ernst-Johann Zauner, dem treuen Megaphon des Oberbürgermeisters, nicht anders kennen, präsentiert die Braunschweiger Zeitung den Bohlweg schon einmal nach den Plänen des Oberbürgermeisters unicoloriert im sinnenfeindlichen, grauen maoistischen Einheitslook. (Dagegen zeigt die Peiner Allgemeine Zeitung am gleichen Tage den gleichen Bohlwegabschnitt noch in fröhlich belebter Buntheit.)

Denn laut Zauner-Bericht in der Braunschweiger Zeitung „soll in Zukunft bunte Werbung untersagt sein … sollen farbige Werbebotschaften verboten werden. … Nur noch weißes Licht darf scheinen.“ – und jetzt wird es beinahe lustig: „In einem zweiten Schritt möchte die Stadt das dann auch für die Schloss-Arkaden durchsetzen.“ weiß Zauner aus dem Rathaus wieder einmal mehr als das Rathaus selber und fast soviel wie der Oberbürgermeister.

Man merke: Das Kaufhaus mit Schlossfassade hat man angesiedelt mit dem starken Argument, den Bohlweg, ja das ganze Quartier damit grundlegend aufzuwerten. Weil das ganz offensichtlich gründlich misslang, soll die (fragwürdige) Aufwertung jetzt per Dekret verfügt werden. In einem zweiten Schritt sollen dann mit gleicher Verfügung auch die Schloss-Arkaden so aufgewertet werden wie der Bohlweg! Welch überraschende Wendung.

Und weiter hören wir Zauners spannende Berichterstattung aus dem Rathaus: „Als Fassadenfarben werden Weiß, Grau und Creme erlaubt, auch Natursteinfassaden.“ – weiß Zauner zu berichten. Bedeutet das dann, dass auch die Schloss-Arkaden „edler aussehen“ sollen, indem die Messingimitate aus gelbgoldenem Blech und die smaragdgrünen Imitate aus Plastik – trotz ihres wohnzimmerhaft verkitschten Monumentalismus sind diese Fassadenpartien immer noch die Schokoladenseiten des Kaufhauskomplexes – ebenfalls durch den grauen Betoneinheitslook des ECE-Parkhauses an der Georg-Eckert-Straße und Am-Schlossgarten ersetzt werden sollen?

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P.S. Vielleicht demnächst hier im Anschluss noch etwas Allgemeines über Farbe und Farbe im Stadtbild – gestern Morgen eigentlich schon einmal geschrieben – nur hatte dann BS-Energy freundlicherweise ohne Ankündigung den Strom gekappt und alles war futsch, da verliert man dann doch etwas die Lust am erneuten Ausspucken des schon einmal Durchgekauten, um im Bild zu bleiben: „like a dog, chained to its vomit“ (Beckett).

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