Raubzüge – wie die letzten Urwälder Europas geplündert werden

0
Das Foto von 2015 zeigt einen Kahlschlag im Fogaras-Gebirge. Mehrere tausend Hektar alter, naturnaher Wälder fielen hier illegalen Einschlägen zum Opfer. (Foto: Christoph Promberger, Fundatia Conservation Carpathia)

Waldbrief Nr. 51 vom 06.11.2021

„Eine Lebensgemeinschaft kann dann als naturnah gelten, wenn sie sowohl typisch als auch möglichst vollständig ausgeprägt ist, d.h. wenn sie diejenigen Arten und Strukturen aufweist, die für das Naturraumpotenzial unter Berücksichtigung von natürlichen Störungen charakteristisch sind.“

(Albert Reif, 2000)

Der deutsche Vegetationsökologe Prof. Dr. Dr. h.c. Albert Reif i. R., bis 2018 an der Fakultät für Umwelt und Natürliche Ressourcen an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg tätig, hat mit der bisher umfassendsten Definition naturnaher Lebensgemeinschaften dem Begriff der Naturnähe eine wissenschaftlich tragende Form gegeben. Bezeichnend ist, dass weder dieser, noch möglicherweise ein anderer noch zu entwickelnder besser geeigneter Leitsatz von der etablierten Forstwissenschaft, Forstwirtschaft oder Politik verwendet wird.

Bisher fehlt eine klare Begriffsdefinition, die gegenüber Politik und Gesellschaft erläutert, was das politisch unstrittige waldpolitische Ziel beinhaltet – die Entwicklung unserer gegenwärtigen überwiegend naturfernen Forste zu naturnahen multifunktionalen Wäldern. Es geht dabei nicht nur um die Werte und Funktionen von Ökosystemen auf einem Drittel der Fläche Deutschlands und für ganz Europa. Eine für alle Menschen nachvollziehbare Inhaltsbestimmung von Naturnähe wird vom forstlichen Cluster vermieden oder offen abgelehnt. Dieser Peinlichkeit durchaus bewusst, entwickelt sich im Fachgebrauch und nicht nur im Forstwesen eine Sprache, in der Ersatzbegriffe in floskelhafter Beliebigkeit zur wohlklingenden Desinformation werden.

Mit der Herausgabe des Bandes Nr. 24 „Urwälder im Herzen Europas (2021)“ der Autoren Rainer Luick, Albert Reif, Erika Schneider, Manfred Grossmann und Ecaterina Fodor hat der renommierte Badische Landesverein für Naturkunde und Naturschutz von 1881 (BLNN) ein bekanntes und in seiner Dimension erschütterndes Problem offengelegt: Die Vernichtung der letzten großflächigen Urwälder Rumäniens. Durch die akribische wissenschaftliche Arbeit der Autoren bekommt das Unfassbare ein politisches Gesicht. Während die europäische Staatengemeinschaft nur allzu oft auf die globalen Ursachen und Folgewirkungen der Tropenwaldvernichtung hinweist, lässt sie zu, dass in ihrem eigenen Wirkungsbereich und getrieben durch einen ungezügelten Kapitalismus der irreversible Verlust wertvollster Natur von der Öffentlichkeit fast unbemerkt erfolgt. Auch von der deutschen Forstwissenschaft und dem Cluster Forst und Holz hören wir davon wenig bis nichts. Umso dankbarer begrüßen wir die Arbeit des Albert Reif, seiner Gruppe und den Report eines ehrwürdigen Vereins.

Weiter

Möchten Sie den Artikel kommentieren

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.