Heiße Luft statt guter Luft

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Das Land Niedersachsen misst die Braunschweiger Luftqualität hier am Altewiekring und am Broitzemer Fernsehturm. Ausführende Behörde ist das Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim. Foto: Klaus Knodt

Schadstoff-Grenzwerte in BS längst überschritten

Es gibt NICHT-Meldungen, die Journalisten aufhorchen lassen. Beispiele: Der Vorstand eines Automobilkonzerns hat NICHTS von Abgasmanipulationen seiner Dieselingenieure gewusst. In China ist KEIN Sack Reis umgefallen. Oder auch: Die Stickstoffdioxid-Werte am Braunschweiger Bohlweg haben zwischen Januar und April 2019 die EU-Jahresgrenzwerte NICHT überschritten.

Für wie dumm halten städtische Behörden eigentlich ihre BürgerInnen, um ihnen so eine Meldung aufzutischen? Über einen Jahresgrenzwert für das „erste Halbjahr 2019“ kann man bis April schlechterdings noch gar nichts aussagen: Da fehlen dann nämlich noch zwei Monate bis zum Halbjahr. Und auch der „Halbjahreswert“ wäre nicht repräsentativ für das gesamte Jahr 2019, in dem weitere Messmonate folgen. Denn Letztere sind gekennzeichnet von höherer Sonneneinstrahlung, geringerem Niederschlag, anderen Windverhältnissen und einem anderen Verkehrsverhalten der AutofahrerInnen. Das darf man in Summa höchstens im Januar oder Februar 2020 hochrechnen und veröffentlichen – wenn das Ergebnis halbwegs seriösen wissenschaftlichen Standards entsprechen soll.

Sie lagen im 4-monatigen Berichtszeitraum sogar „etwa 15 Prozent unter dem Jahresgrenzwert“, vermeldet am 7. Juni das Referat Kommunikation der Stadt Braunschweig. Somit habe „der Mittelwert der ersten Jahreshälfte 2019“ bei „33,6 Mikrogramm/Kubikmeter“ gelegen. Im Mai 2019 lag er dann allerdings bei 55 Mikrogramm und somit 30 % über dem Grenzwert von 40 Mikrogramm. Aber diese Zahl verschweigt die Stadt geflissentlich und hat sie auch noch nicht eingerechnet in ihre selbstgebastelte Schönheits-Statistik.

Die staatliche Luftmessstelle am Altewiekring hat das Kürzel BGVT und vermeldete für das erste Vierteljahr 2019 schon vier mal überhöhte Feinstaubwerte.
Repro: Klaus Knodt, Quelle Nds. Ministerium für Bauen, Umwelt und Klimaschutz

Aber darum geht es den Stadtoberen offenbar gar nicht. Nach dem Europawahl-Desaster will die regierende SPD im Rathaus sich so grün wie möglich gerieren und greift deshalb zu den letzten statistischen Strohhalmen, um mit ihrem „Luftreinhalteplan“ in der Wählergunst zu punkten. Und verbiegt dabei schamlos und ohne Grün zu werden die Wahrheit. Doch die „Messungen des Gewerbeaufsichtsamtes am Bohlweg“, mit denen man wenigstens 15 Prozent unter dem EU-Grenzwert blieb, sind völlig irrelevant. Am Bohlweg gibt es keine amtliche Messeinrichtung mehr. „Durch die ständige Verbesserung bzw. deutliche Unterschreitung der Grenzwerte konnte in den vergangenen Jahren die Zahl der Messorte reduziert werden“, sagt sogar die Stadt Braunschweig selbst hierzu. Wahr ist: Der Messcontainer vor’m Rathaus-Neubau wurde schon vor einem Jahrzehnt abgebaut. Es war weder von den Kommunen noch vom Land politisch gewollt, für unliebsame Messergebnisse auch noch Geld auszugeben. Stecken wir die Kohle doch lieber in die Reklame…

Am verkehrlich hochbelasteten Bohlweg seien die Stickstoffdioxid-Werte seit Einführung des „Luftreinhalteplans“ zurückgegangen, behauptet die Stadtverwaltung. Dabei werden am Bohlweg Luftwerte gar nicht mehr amtlich gemessen. Foto: Klaus Knodt

Das Luftmessnetz des Landes Niedersachsen verzeichnet in Braunschweig lediglich die Messstationen BGVT im Altewiekring 24 und BGSW in luftiger Höhe am Fernsehturm in Broitzem. Und diese Stationen vermelden: Nicht Stickstoffdioxid ist das Problem in Braunschweig, sondern der Feinstaub. Dessen Grenzwert wurde seit Jahresbeginn schon an 4 Tagen überschritten (3x in Broitzem, 4 x im Altewiekring). Und durchgeführt werden die niedersächsischen Messungen durch das neutrale Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim, anstatt durch eine lokale Braunschweiger Behörde.

Mit 55 Mikrogramm Stickstoffoxiden pro Kubikmeter Luft hat Braunschweig die Grenzwerte für ein Fahrverbot in der Innenstadt längst gerissen. Aber die SPD-Verwaltung tut so, als ob alles in Ordnung sei.
Repro: Klaus Knodt, Quelle Nds. Ministerium für Bauen, Umwelt und Klimaschutz

Die Stadt wäre gut beraten, ihr Tricksen mit Halbwahrheiten zu beenden und für gute statt heiße Luft zu sorgen. Die BürgerInnen sind ja nicht doof. Es gibt zuviel Feinstaub in Braunschweig und in den warmen Monaten zuviel Stickoxid (NOx). Und leider keinen Bürgermeister, der Eier hat und dagegen was tut.

Es wird Fahrverbote in der Innenstadt geben müssen; auch auf dem Bohlweg. Und man wird automobile Zuwegungsmöglichkeiten zum ECE-Center kappen müssen. Nicht mehr brumm-brumm mit dem SUV auf’s Dach (!) im fünften Stock des Shopping-Paradieses, sondern mit Tram und zu Fuß ins Erdgeschoss. Zum Wohle der Anwohner; zum Wohle des nächsten Kommunalwahlergebnisses, zum Wohle der Stadt, zum Wohl der nächsten Generation. Ob’s noch zum Wohl der SPD gereicht, sei dahingestellt.

1 KOMMENTAR

  1. In dem BZ-Artikel ist ja auch die Rede von einem „Ausbau des Radverkehrs“. Ich frage mich welchen Ausbau die Stadt BS meint. Etwa das Entfernen der Radwege an der Helmstedter Straße, Kastanienallee oder Messeweg? Oder das Nichtbeseitigen von Schäden überall auf den Radwegen? Vielleicht meint die Stadt BS ja das Ringgleis, welches bei Regen so matschig ist, dass man es nicht benutzten kann und teilweise schon wieder kaputt gefahren wurde oder mit Brombeerranken und Büschen zuwächst? Oder meint die Stadt BS das wieder eingestellte, frühere „Sattelfest“?
    Könnte der vorbildliche Umgang der Verwaltung mit Radfahrern gemeint sein, die Probleme bemängeln und dann nach 1 Jahr lapidar abgewatscht werden?
    Sind vielleicht die vielen Schrottfahrräder gemeint, die ewig und drei Tage rumliegen und trotz Meldung nicht entfernt werden, oder sind es die Massen an Fahrradständern und Fahrradparkhäusern, die in der Vergangenheit doch noch nicht gebaut worden sind?
    Es könnten auch die tollen, diskriminierenden Ampelphasen gemeint sein, wo man z.B. in der Berliner Straße und vor dem Hauptbahnhof hinten eher grün und wieder rot bekommt als vorne und deshalb nach wenigen Metern Fahrt ausgebremst wird.

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