Die Gier ist es nicht

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Wie im klimatauglichen Mischwald der Zukunft die Verluste von Morgen erzeugt werden. Foto: Karl-Friedrich Weber Der Altbestand wird unterhalb der Zieldurchmesserreife innerhalb weniger Jahre eingeschlagen und eine maschinengerechte Freifläche geschaffen, die Boden- und Vegetationsstruktur durch mechanische Verformung und Mineralisierung geschädigt oder zerstört, ebenso wie das Bestandesinnenklima durch die erhöhte Wärmezufuhr und Verdunstung. Es werden anschließend ca. 5 000 zumeist Eichen oder Douglasien gepflanzt und in den folgenden 5 – 8 Jahren in ein- bis zwei jährlichen Durchgängen maschinell „gepflegt“. Die Erstellungskosten liegen bei 25 000 EUR pro Hektar. Sie verdoppeln sich bei einem unterstellten Kapitaldienst von 2% etwa alle 35 Jahre. Zuwachsverluste, ökologische Schäden, erhöhter Klimastress sind dabei nicht bewertet. Dieses Standardverfahren von heute führt u.a. auf über 90% der heutigen Gesamtwaldwaldfläche Deutschlands zu neuen unwirtschaftlichen und ökologisch instabilen so bezeichneten Altersklassenwäldern.

28. Waldbrief vom 07.03.2021: Die Wirkungen der Exponentialfunktion und ihre Folgen, auch für die Forstwirtschaft.

„Nichts wäre derzeit wichtiger als eine Entlastung der Ökosphäre. Dennoch wandeln sich die Lebensstile ausnahmslos in die entgegengesetzte Richtung. Politikern und vielen Wissenschaftlern fällt dazu nichts Besseres ein, als ausgerechnet jetzt weiteres, wenngleich „grünes“ Wachstum zu propagieren.
Das kann nicht funktionieren, weil auch vermeintlich grüne Produkte und Technologie nie zum ökologischen Nulltarif zu haben sind, sondern oft nur Schäden verlagern. Zudem steigert auch grünes Wachstum das Einkommen, so dass die erhöhte Nachfrage über den sogenannten „Bumerang-Effekt“ jede Ressourceneinsparung wieder zunichtemacht.“

(Niko Paech, Lehrstuhl für Produktion und Umwelt, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg,
Gastkommentar in Braunschweiger Zeitung vom 7.1.2013)

Lebendige Systeme kennen kein dauerhaft exponentielles Wachstum. Ist ein Kipppunkt erreicht, bricht deren Ordnung teilweise oder ganz zusammen, so dass aus einer emergenten Situation neue und ungerichtete Komplexität entstehen kann. Unsere Art zu wirtschaften setzt exponentielles Wachstum voraus. Sie kann anders nicht funktionieren. Die Folgewirkung sind globale Krisen, deren wirkliche Ausmaße wir heute nur erahnen, weil wir
den Zeitpunkt des Kollapses nicht voraussagen können. Die Forstwirtschaft ist ein Teil des herkömmlichen Wirtschaftssystems. Sie versucht Wachstum aus dem System Wald zu erzeugen und hat auch nach ihrem gegenwärtigen wirtschaftlichen Zusammenbruch die Notwendigkeit einer Ursachen-Wirkung-Analyse nicht erkannt. Das Paradigma bleibt festgefügt, wie der aktuelle Aufruf der Landwirtschaftskammer Niedersachsen an die Privatwaldbesitzer (1) einmal mehr verdeutlicht. Eine Fehlerkultur ist nicht entwickelt
worden. Wer alles richtig macht, kann sie entbehren.

Die Politik sieht darin keinen grundlegenden Widerspruch. Er ist zwar als falsch erkennbar, aber systemkonform. Eine Abkehr von exponentiellem Wachstum wäre demnach Ideologie. So werden die „klimafit“ erklärten „enkeltauglichen“ Wälder für morgen die Altersklassenforste von gestern sein, wenngleich erweitert um den Begriff des Mischbestandes. Sie erzeugen heute neue offene Rechnungen, die morgen bezahlt werden müssen – auch das alles wie gehabt. Mit Nachhaltigkeit und Vorsorge hat das nichts zu tun.

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