Die Ausbreitung von Covid-19 ist eine Pandemie

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Foto: Niedersächsische Landesschulbehörde

„Eine Pandemie bezeichnet eine weltweite Epidemie“, heißt es beim Robert-Koch-Institut (RKI). Im Unterschied zur Epidemie ist eine Pandemie örtlich nicht beschränkt. Die Pandemie ist also eine länder- und kontinentübergreifende Ausbreitung einer Krankheit beim Menschen, im engeren Sinn die Ausbreitung einer Infektionskrankheit.

Nach dieser Definition haben wir längst eine Pandemie. Erstaunlich sind die gelassenen Reaktionen der Behörden in Deutschland. Schutzmasken sind in Braunschweig schon ausverkauft. Ob die überhaupt etwas nützen ist fraglich.

Derzeit breitet sich das Coronavirus, offiziell nun Covid-19 genannt, jeden Tag weiter aus. Die weltweite Ausbreitung von Covid-19 ist kaum mehr zu stoppen. Und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis auch hierzulande die Zahlen deutlich steigen werden – zumal kein europäisches Land so intensiven wirtschaftlichen Kontakt mit China pflegt wie die Bundesrepublik. Neben dem Epizentrum China, wo mittlerweile weit über 75.000 Infizierte festgestellt sind, gehört Japan zu den am stärksten betroffenen Ländern. Das Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ musste bis zum Mittwoch zwei Wochen lag mit 3.700 Passagieren an Bord vor der Küste von Yokohama in Quarantäne gehalten werden.

Nach der Abriegelung einiger italienischer Städte wegen des Coronavirus Covid-19 stellt sich die Frage: Kommen solche drastischen Maßnahmen demnächst auch auf Deutschland zu? Die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Virus auch in Deutschland weiter ausbreitet, ist extrem hoch. Es gibt keinen Grund, warum Deutschland kein Infektionsgebiet werden sollte. Eine Dunkelziffer an Infizierten dürfte in Deutschland vorhanden sein. Die heute bekannt gegebenen zwei neuen Fälle in Erkelenz und Göppingen waren zu erwarten. Wahrscheinlich sind sie nur die Spitze des Eisberges. Jede Stunde sind neue Infektionsmeldungen zu erwarten. Auch solche, bei denen der Ursprung nicht zurück verfolgt werden kann.

In dieser schon jetzt dramatischen Situation erstaunt die Nachlässigkeit, mit der Deutschland bislang agiert. Anders als an anderen wichtigen europäischen Flughäfen, wird im internationalen Drehkreuz Frankfurt auch weiterhin bei ankommenden Passagier/-innen aus Fernost nicht standardmäßig erhöhte Temperatur gemessen. Die derzeitigen amtlichen Schutzvorkehrungen sehen vor, dass an einigen Flughäfen lediglich Informationsmaterial für ankommende Passagiere aus China verteilt werden.

Deutschland steht in einem intensiven wissenschaftlichen und geschäftlichen Austausch mit China. Deutlich stärker als Italien. Rund 10.000 Deutsche lebten vor Ausbruch des Virus allein in Peking, im Großraum Schanghai sind es mehr als doppelt so viele. Die Zahl der chinesischen Staatsbürger/-innen, die in Deutschland leben, studieren und arbeiten, dürfte ebenfalls bei mehreren Zehntausend liegen. In Braunschweig gibt es alleine etwa 900 Student/-innen, die in unserer Stadt leben.

Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums versicherte am 24. 02., zusammen mit dem Auswärtigen Amt und dem Robert-Koch-Institut habe man die Lage im Blick. Grund zu Alarmismus gebe es nach derzeitigem Stand nicht. Zu konkreten Maßnahmen könne sich das Ministerium nicht konkret äußern.

Grundrechte können eingeschränkt werden

Ob vergleichbare drastische Quarantänemaßnahmen notwendig werden können wie in Italien oder gar eine totale Sperrung, wie die Absperrung von Millionenstädten wie derzeit in China – zu dieser Frage will sich ein Ministeriumssprecher nicht äußern. Er verweist auf das Infektionsschutzgesetz (IfSG). Darin wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass „zur Verhütung und Bekämpfung von übertragbaren Infektionskrankheiten beim Menschen“ Grundrechte eingeschränkt werden können.

Verstörend wirkt am Verhalten der Behörden auch, dass sie keine Gründe nennen, warum keine Empfehlungen ausgesprochen bzw Schutzvorkehrungen getroffen werden.

Die Wisenschaft ist sich nicht einig

So langsam regt sich in Deutschland Kritik am Vorgehen der Behörden. Gesundheitsminister Jens Spahn habe den Ernst der Lage nicht früh genug erkannt, sagte Virologe Alexander Kekulé im Dlf. Seine Behörden würden das Coronavirus immer noch harmloser als die Grippe darstellen. Das Virus sei aber für den Infizierten zehn Mal gefährlicher als eine Grippe-Infektion. Lesen oder hören Sie hier das Interview.

Alexander Kekulé ist Arzt und Biochemiker. Er ist seit 1999 Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie des Universitätsklinikums Halle.

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