Start Kultur Hat der Lokaljournalismus in Braunschweig noch eine Zukunft? Interview mit Henning Noske

Hat der Lokaljournalismus in Braunschweig noch eine Zukunft? Interview mit Henning Noske

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Foto: pixabay

Henning Noske, Jahrgang 1959, ist Journalist, Autor und Moderator in Braunschweig. Von 1982 bis 2025 war er Lokalredakteur, Sportredakteur, Chefreporter, Wissenschaftsredakteur und schließlich 12 Jahre lang Lokalchef der Braunschweiger Zeitung. Kürzlich erschien sein neues Buch „Journalismus! Meine Bilanz“, das im Buchhandel erhältlich ist. Am Mittwoch, 2. September, spricht Henning Noske in der Abt-Jerusalem-Akademie in Braunschweig über „Die Zukunft des Lokaljournalismus“. Vorher beantwortet er die Fragen des Braunschweig-Spiegels:

Nach 43 Jahren im Journalismus, zuletzt zwölf Jahre lang als Lokalchef der Braunschweiger Zeitung, ziehen Sie Bilanz. Wie fällt diese aus? 

Als ich begann, gab es nur die Schreibmaschine und ein Telefon an der Schnur mit Wählscheibe. Es gab keinen Computer, kein Internet, kein Google, kein Handy, kein Smartphone. Die Zeitungen hatten phantastische Auflagen und Werbeeinnahmen, in den Verlagen arbeiteten noch Hunderte Menschen in zig Berufen, die es heute alle nicht mehr gibt. Die Herausgabe einer Tageszeitung glich einer Lizenz zum Gelddrucken, die Abos waren sicher wie eine Grundbucheintragung. Aus all dem speiste sich ein wirklich bemerkenswertes Selbstbewusstsein gut besetzter Redaktionen nach außen und nach innen. In Zeiten krisenhafter Umbrüche und Niedergänge ist es zunehmend verloren gegangen. Entscheidender Auslöser dieser Prozesse war eine Medienrevolution, die es in dieser Dynamik noch nie gegeben hat. Als Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand, dauerte es noch deutlich mehr als 100 Jahre, bis die erste Zeitung entstand. Selbst Radio und Fernsehen konnten Print jahrzehntelang nicht wirklich etwas anhaben. Doch Gamechanger wie World-Wide-Web, iPhone und jetzt KI pulverisieren binnen weniger Jahre und in immer kürzeren Abständen Gewohntes, Vertrautes. Journalisten in ausgedünnten Redaktionen agieren in einer zerklüfteten Landschaft schwindender Gewissheiten. Gleichzeitig ist unabhängiger, kritischer Journalismus notwendiger denn je. Es gibt ihn noch, aber die Rahmenbedingungen sind zunehmend prekär. 

In Ihrem Buch schreiben Sie sarkastisch: „Wann ist Print endlich tot?“ Gleichzeitig bezeichnen Sie sich selbst als „Print-Gruftie“. Wie lange gibt es die gedruckte Tageszeitung noch? 

Es gibt valide Berechnungen, nach denen der seit dem Beginn der 1990er-Jahre sichtbare Sinkflug der Printauflagen der deutschen Tageszeitungen zur Mitte der 2030er-Jahre hin zum Aufschlag auf der Null-Linie führen könnte. Dabei spielt nicht nur die Mathematik des Kurvenverlaufs eine Rolle, sondern verschärfend auch die Demographie. Mittlerweile verbringen Menschen sogar bis hinauf zum Rentenalter zwei bis fünf Stunden täglich oder mehr mit digitalen Medien, die Jungen sowieso. Da bleibt für Print keine Zeit, und der hohe Preis und schwankende Zustell-Qualität tun ein Übriges. Irgendwo findest Du im Netz halt immer was umsonst. Das alles heißt aber sicher nicht, dass es gar keine gedruckten Zeitungen mehr geben wird. Wenn eine Stadt oder eine Region Glück hat, wird das vertraute Blatt vielleicht noch einmal in der Woche kommen. Parallel dazu möglichst gute Inhalte täglich online.

Was macht der Online-Journalismus anders, was macht er besser? 

Schneller. Immer. Mehr. Immer schneller. Immer mehr. Immer schneller immer mehr. In dieser Beschleunigungsspirale spielt sich online alles ab. Nichts ist genug. Schon klar: Jetzt kann jeder Journalismus machen, mehr als ein Smartphone brauchst du dafür nicht. Du kannst damit schreiben, Audio und Video machen, alles schneiden – und gleich senden. Klasse! Eine Riesenchance, gerade im Lokalen, wo wir ja schließlich nur vor die Tür zu gehen brauchen, und schon hast du da das pralle Leben. 

In der Ankündigung für Ihren Vortrag in der Abt-Jerusalem-Akademie sprechen Sie von den „Auswüchsen der digitalen Erregungsökonomie“? Kann man unter solchen Vorzeichen überhaupt noch von Qualitätsjournalismus sprechen? 

Das wird schwierig. Ich habe es Journalismus im Affekt genannt. Im Affekt aber kann man eigentlich nicht mehr klar denken. Ein früherer Kollege sagte mir kürzlich: „Ich mache keinen Journalismus mehr, ich mache Klicks.“ Das bedeutet: Du schreibst nicht mehr über alle relevanten Themen, sondern nur noch über jene, die halt garantieren, dass der Kunde oder die Kundin sie auch tatsächlich anklickt. Und zwar massenhaft, denn es gibt viel an Verlust und Einbruch zu kompensieren. Am besten geht das, wie wir wissen, mit Skandalisierung, Krawall, idealerweise Mord und Totschlag. Mit Kultur und Kommunalpolitik, Hintergrund und Zwischentönen geht es nicht so gut. Das reizt nicht so. Also nicht genug Werbung, nicht genug Reichweite, erst recht keine Abos. Hinzu kommt etwas, das ich mal das Social-Media-Syndrom nennen möchte. Auch der Qualitätsjournalismus nähert sich derzeit immer mehr den algorithmusgesteuerten Erregungsmechanismen der sozialen Netzwerke an. Schlechte Nachrichten potenzieren sich, Hass-Kommentare stacheln einander an, im idealerweise stets personalisierten Konflikt liegt die Energie für permanenten Nachschub, der fatalerweise auch noch Sucht- und Abhängigkeitspotenzial für die Akteure birgt. Im Endstadium, das mancherorts schon erreicht ist, veröffentliche ich nicht, um zu informieren, sondern um mit bekannten Schlüsselreizen Erregungspotential aufzuschließen, das für weitere besinnungslose Transaktionen sorgt. In dieser Hetzjagd im Affekt, das zeigt sich schon jetzt, gibt es keine Gewinner. 

Mehr als vier Jahrzehnte lang haben Sie für die Braunschweiger Zeitung gearbeitet. Die Lokalzeitung ist aus der Stadt nicht wegzudenken und wichtig für die Demokratie, zuletzt jedoch gab und gibt es auch viel Kritik. Was sagen Sie? 

Das muss und will ich etwas vorsichtig sein. Schließlich wird man mich ja immer fragen dürfen, was ich denn dort wohl mehr als vier Jahrzehnte lang selbst getan habe. Ich hänge an der Braunschweiger Zeitung, sie ist mein Leben. Ich habe vom Bleisatz bis zum Livestream, von der fauchenden und spuckenden Zeilensetzmaschine bis ins mit Kameras und Mikrofonen gespickte Studio alles mitgemacht. Ich lungerte noch in der Druckerei herum, um mir aus dem Schuppenstrom schon den ersten Andruck mit dem eigenen Aufmacher zu fischen. Ich habe es genossen, wie die Stadt gelesen hat, was wir schrieben. Und ich habe den schleichenden Prozess bemerkt, wie unser Einfluss immer mehr sank. Am Anfang haben wir manchmal noch selbst die Zeitung zum Abonnenten gebracht, wenn sie da mal nicht angekommen war, was aber selten vorkam. Eine Abo-Kündigung war noch eine sehr ernste Sache, den Gründen wurde nachgegangen. Mit Konsequenzen. Später dann war es ein Gefühl, als würde man den Boden unter den Füßen verlieren. Meine Journalisten-Generation, die die Erosion von Print erlebt hat, bekam dann die Pionier-Aufgabe, den Qualitätsjournalismus wenigstens online zu retten. Ich habe die Euphorie-Phase als Aufbruch erlebt, auch mit Staunen, und war in meinem mittlerweile ausverkauften Lese- und Lernbuch „Online-Journalismus – Was man wissen und können muss“ (2015) noch sehr optimistisch. Was ich unterschätzt habe, waren zwei sehr schwer zu verarbeitende Komplexe. Erstens ist es Gift für die Qualität und für glaubwürdige Informationen, wenn die notwendigen Einnahmen des herausgebenden Privat-Unternehmens entscheidend auf die Reichweite einzelner Artikel angewiesen sind. Und zweitens hat der öffentliche Diskurs nicht jene Reife, von der wir gern träumen. Es ist halt noch lange nicht Demokratie, wenn jeder sofort weltweit losledern und sich in Sekundenbruchteilen ungeheure Resonanzräume erschließen kann. Das ist gefährlich, wie wir sehen. Wir brauchen Verantwortung und Anstand beim Veröffentlichen, Zurückhaltung, Respekt – und, ja, nicht alles gehört auf „Publish“, und dann kann man es nicht wieder zurückholen. Wir brauchen Medien-Kompetenz, und davon haben wir ganz offensichtlich zu wenig. Was die Braunschweiger Zeitung betrifft, so kann man allerdings Hoffnung haben: Sie ist stabil in den größten deutschen Medienkonzern für lokalen und regionalen Qualitätsjournalismus integriert, und es gibt dort nicht nur das Versprechen, sondern auch die Konsequenz, mit unabhängigem Journalismus die Pressefreiheit als einen der wichtigsten Grundpfeiler der Demokratie abzusichern. Dass sich dies als Geschäftsmodell mit jenen Erlösen generieren lässt, auf die ein Privatunternehmen zwingend angewiesen ist, das wünsche ich mir und hoffe ich aufrichtig.

Erfolgreiche KI-Projekte hängen heute nicht nur von der Technik ab, sondern vor allem vom richtigen Partner und von Erfahrung, technisches Know-how und ein gutes Verständnis für Ihre Branche sind entscheidend. Mein Partner ist die Zeitung. Glaube ich diesem Medium noch? Wo sind die Grenzen?

KI ist ein besonderes Thema, eins, das elektrisiert, aufwühlt, polarisiert. Das liegt auch daran, dass Viele die Geschwindigkeit nicht verarbeiten können, mit denen die großen KI-Programme derzeit alles verändern. KI ist natürlich auch in den Redaktionen längst im Einsatz, und dabei geht es um Assistenz, Übersicht, Analyse von großen Datenmengen, Hilfestellung bei der Themenauswahl. Es ist ein phantastisches Werkzeug, das Ressourcen freisetzen kann für die Recherche und die notwendige zeitaufwendige Präsenz direkt im Geschehen. Brisant wird es, wenn die KI eigene Texte generiert, was sie zweifellos in verblüffender Qualität kann. Ich möchte jetzt gar nicht darauf hinaus, dass sie dann anfangen kann, zu spinnen, zu halluzinieren, wie inzwischen ja jeder weiß. Entscheidend ist tatsächlich, ob ich als Leserin und Leser noch wissen kann, wer dies tatsächlich geschrieben hat. Dieses Vertrauen ist im Journalismus das entscheidende Kapital, denn es geht am Ende um fundamentale Meinungsentscheidungen für die Demokratie. Wir alle müssen entscheiden, ob wir noch dazugehören, dazugehören wollen, ob wir auf Distanz sind oder engagiert, ob wir noch verstehen können, was da passiert. Hier hat Journalismus, dem man durch Authentizität vertraut, die wichtigste Aufgabe. Und im Idealfall hilft uns KI als gesteuertes und kontrolliertes Werkzeug mit ihren ungeheuren Möglichkeiten, die Komplexität zu bewältigen und eine Persönlichkeit zu bleiben. 

Die KI ist nicht mehr aufzuhalten, auch nicht in den Redaktionen. Soll der Intellekt des Menschen verbesserungswürdig sein?

Etwas habe ich dazu eben schon gesagt. Wir müssen Menschen mit Fehlern, mit verschiedenen Meinungen, die sich streiten und um den besten Weg ringen, bleiben dürfen. Dazu gehören Prozesse des Denkens und Schreibens, die leider oft beschwerlich sind, die Zeit kosten. Wir brauchen Ausdauer und Geduld. Wir müssen, um es einmal plakativ zu sagen, durch eigene kognitive Leistungen, durch Kreativität und Phantasie, durch Versuch und Irrtum, durch das also, was uns immer ausgezeichnet und nach vorn gebracht hat, weiter das Vorbild für die Algorithmen und Programme bleiben. Wir müssen sie steuern, nicht sie uns. Wir haben aber leider immerzu gar keine Zeit mehr. Und es fehlen uns oft die Mittel und die Gelassenheit. Wir brauchen Zeit für uns! Die allgemeine Erregung und der fehlende Konsens in grundlegenden Dingen wie Demokratie, Menschenwürde, Gerechtigkeit macht Gesellschaften anfällig für Manipulationsstrategien, die längst greifen und wirken, wie wir schmerzlich sehen. Betrachten wir es doch mal so: KI kann zum Beispiel auch dabei helfen, so etwas aufzudecken.

Welche Zukunft hat der Lokaljournalismus also noch?

Hoffentlich eine große und gute. Und eigentlich bin ich da auch zuversichtlich. Klar ist, dass wir den Lokaljournalismus hauptsächlich auf Online-Kanälen erleben werden, neben denen der Zeitungsverlage übrigens auch auf Portalen wie dem Braunschweig-Spiegel. Hier treten alle miteinander in eine große Konkurrenz. Dann könnte es gewiss noch einmal in der Woche, wie gesagt, vorzugsweise zum Wochenende, eine Premium-Wochenausgabe der gedruckten Lokalzeitung geben. Und dann gibt es da ja auch noch eine ganz besonders interessante Entwicklung. Schon jetzt sind die täglichen E-Paper-Ausgaben ein wichtiges finanzielles Standbein und eine entscheidende Brücke der Verlage in die digitale Zukunft. Und das bedeutet ja: Immerhin das, was in der Optik noch eine Anmutung der lokalen Tageszeitung hat, wird bleiben, generiert übrigens nicht mehr von Redakteuren, sondern von einer speziellen KI, die aus dem kompletten Online-Inhalt der jeweiligen Marke etwas zaubert, das aussieht wie eine Tageszeitung – und das man am Vorabend bereits pünktlich und zuverlässig erhalten kann. Das ist erstens gut und zweitens eine feine Ironie: Die gute, alte Zeitung – sie wird niemals untergehen. Und das korrespondiert mit der nächsten guten Nachricht: Wir haben und wir brauchen das kritische Potential, das neugierige und wache Journalistinnen und Journalisten in die hoffentlich noch für lange Zeit demokratische Gesellschaft einbringen. Wir brauchen sie, um uns mit unseren Widersprüchen, mit unseren Fehlern und Unzulänglichkeiten zu konfrontieren, aber auch, um aufzuzeigen, wie viele gute Lösungen wir schon haben, wie gut es uns in Wirklichkeit immer noch geht – und wie viel wir zu verlieren haben.

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