Wolfenbüttel: Belgier auf den Spuren der NAZI-Verfolgten

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Foto Jürgen Kumlehn Die Besuchergruppe vor dem Schloss Wolfenbüttel

14 Studierende des Masterstudiengangs „Mehrsprachige Kommunikation“ der Universität Gent besuchten am 4. Oktober in Begleitung ihrer Dozentinnen für „Angewandte Sprachwissenschaft“, Sofie De Cock und Christophe Wybraeke, Wolfenbüttel, mit dem Anliegen einer Spurensuche zur jüdischen Geschichte und insbesondere zur Familie Esberg.

Ivan Esberg, einst ein bekannter Unternehmer und Pferdehändler und sein Sohn Joachim waren schon bald nach der Machtübergabe 1933 an die Nationalsozialisten nach Gent geflüchtet. Joachim Esberg machte am Genter Athenäum das Abitur und studierte an der Universität Germanistik. Nach dem Überfall der Wehrmacht auf unsere westlichen Nachbarn wurden beide in einem Lager in den Pyrenäen interniert. Joachim Esberg wurde schon bald darauf nach Auschwitz deportiert. Seinem Vater gelang es mit Hilfe von Franzosen, sich bis zur Befreiung zu verstecken. Er lebte danach in Gent und zeitweise auch wieder in Wolfenbüttel.

Nachdem 2007 von Joachim Esberg geschriebene Gedichte aufgefunden worden waren, fand im vergangenen Jahr der Genter Universitätsprofessor, Jürgen Pieters, seine bis dato von einem flämischen Dichter aufbewahrte Bibliothek. Um das Exilleben der Esbergs in Gent hat sich in den vergangenen Jahren auch eine Erinnerungskultur entwickelt.

Mit der Gewissheit dieses Gedenkens kamen die Studierenden nach Wolfenbüttel, um nun vor Ort ihre Kenntnisse zum Leben der Familie Esberg zu erweitern. Auf dem jüdischen Friedhof informierte Eckart Wagner über jüdische Bestattungstraditionen. Hier fanden die Studierenden auch das Grab der Ehefrau und Mutter Suse Esberg.

Anschließend begleitete der Erinnerer Jürgen Kumlehn, aus Wolfenbüttel die Besucher auf einem ausführlichen Stadtrundgang zu Stätten jüdischen Lebens. Ihrem Wunsch folgend informierte Kumlehn die jungen Belgier außen vor dem Eingang der JVA über die Einkerkerung von mehr als 400 belgischen Staatsbürgern und Widerstandskämpfern in diesem Gefängnis bis 1945. 56 von ihnen wurden hier durch ein Fallbeil hingerichtet. Ein Besuch der Gedenkstätte war von der Gefängnisleitung sowie der Gedenkstättenleiterin aus Personalmangel abgelehnt worden.

Im Haus der ersten Synagoge in der Harzstraße informierte Professor Dr. Christoph Helm, über die Grundlagen der entstehenden Bildung und das Werden der Samsonschule aus der einstigen Tora-Schule. Am Lessinghaus erinnerte Dr. Kristlieb Adloff die Studierenden an Lessing und sein nicht immer glückliches Leben in Wolfenbüttel. Er interpretierte „Nathan der Weise“ aus einer nicht dem Mainstream folgenden Sicht.

Der von strömenden Regen begleitete Rundgang führte zu den jüdischen Denkmälern und dem Ort der zerstörten Synagoge. Vorbei an der Großen Schule, die Joachim Esberg bis August 1933 besucht hatte, endete der Stadtrundgang in der Langen Herzogstraße am Haus, das der Familie Esberg 1939 vom nationalsozialistischen Staat geraubt worden war. Am Tag darauf besichtigten die Gäste das Bürger Museum mit der Aufgabe, dort Spuren jüdischer Geschichte zu finden. Der Besuch endete nach einer kleinen Führung in der Herzog August Bibliothek mit der interessanten Vorstellung des Evangeliars. Trotz des Dauerregens äußerten sich die jungen Leute sehr positiv über die Fachwerkstadt Wolfenbüttel und den Rundgang, den sie interessant fanden für ihr nun zu verwirklichendes Projekt, einen ähnlichen Rundgang in Gent zu entwickeln.

Am 7. November wird in der flämischen Stadt eine Ausstellung über Joachim Esberg und die Bücher seiner Mutter Suse Esberg eröffnet. Am 8. Mai soll auch in Gent ein Stolperstein für Joachim Esberg gelegt werden. Nebenbei wird noch versucht, zwischen den von Joachim Esberg besuchten Schulen, der Großen Schule und dem Athenäum in Gent, einen möglichst dauerhaften Kontakt herzustellen.

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