Wenn „Schloss“-Freunde träumen

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Zum Vortrag Herrn von Boddiens im Landesmuseum zum Thema: „Der Wiederaufbau des Braunschweiger Schlosses – ein Vorbild für Berlin und Potsdam?“

Hier soll nicht der gesamte Vortrag Herrn von Boddiens, Vorsitzender des Vereins für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses, referiert werden, sondern nur ein Aspekt, der in dem sachlichen BZ-Artikel von Herrn Duin über den besagten Vortragsabend –vielleicht aus Rücksichtnahme– nicht erwähnt wird, obwohl er diesen Abend wie eine Grundmotiv durchzog.

(Ein Querschnitt des Braunschweiger „Schlosses“)

Herr Hoffmann, der eine kurze Vorrede hielt, intonierte das besagte Motiv zunächst zurückhaltend: Der Wiederaufbau des Braunschweiger Schlosses sei prozesshaft zu begreifen. Schon in 10 Jahren liefen die Ladenmietverträge mit ECE aus, und dann könnte die Stadt vielleicht das gesamte „Schloss“ für kulturelle Zwecke mieten.

Mit dem Begriff ‚Prozess’ war das Stichwort gefallen, das dem Vortrag Herrn von Boddiens seine Richtung geben sollte. Wiederaufbau vollziehe sich gerne prozesshaft. Erst kämen die Fassaden, das sei das Wichtigste, der Rest käme dann schon nach und nach.

Anlass zur Hoffnung sieht Herr von Boddien diesbezüglich auch in Braunschweig. Es sei doch so: die ostasiatischen Länder holten wirtschaftlich immer mehr auf. Wir werden da bald nicht mehr mithalten können, und dann käme es zu einer Wirtschaftskrise, allgemeine Verarmung und Zusammenbruch der Konsumgesellschaft sei die Folge. Und dann wäre ECE froh, wenn es weitere Räumlichkeiten an die Stadt vermieten könnte. Das ECE ist so angelegt, das auch eine Konzerthalle eingebaut werden könnte. So könnte aus dem bisher auch mit Kommerz gefülltem Schloss ein richtiges Kulturzentrum werden.

Herr von Boddien meinte das ernst.

Als ehemaliger Vorsitzender der IHK Lübeck ging Herr von Boddien aber auch auf die wirtschaftlichen Aspekte des ECE ein. Er meinte, dass ECE den Einzugsbereich von Braunschweig immens vergrößern würde. Da im ECE aber nur Filialisten mit Allerweltsangeboten wären (hatte man uns da nicht einmal ganz anderes versprochen?), müsste die alteingesessene Braunschweiger Händlerschaft nur ein individuelles Angebot bereithalten, und schon würden auch sie Dank der von ECE nach Braunschweig gezogenen Kundschaft besser florieren denn je.

Herr von Boddien meinte auch das ernst.

Herr von Boddien sieht also, wenn ich seine beiden hoffnungsfrohen Gedanken zusammenfasse, im Braunschweiger ECE-Center einen Publikumsmagneten, der Kundschaft in die Braunschweiger Innenstadt ziehen soll, selbst aber wegen der Globalisierung hoffentlich bald pleite machen wird, so dass dann die Stadt mit einer Konzerthalle ins Center ziehen kann. (Trotz allgemeiner Verarmung, die Herr von Boddien erhofft, geht er also davon aus, dass die Stadt dann noch ein paar Milliönchen für den Umbau des Centers in eine völlig überflüssige Konzerthalle übrig hat; wahrscheinlich wg. Hoffmanns Haushaltswunder)

Irgendwie redete Herr von Boddien dann noch davon, dass die ECE wertvolle, seriöse Innenräume geschaffen hätte und die Verbindung zwischen innen und außen außerordentlich gut gelungen wäre. Das Innere sei Gott sei Dank mit leicht verschiebbaren Wänden gebaut, -und so stände einem Prozess eigentlich gar nichts mehr im Weg, der aus dem jetzigen Gebäude peu a peu das originalgetreue Ottmer-Schloss machen würde. (Vielleicht hat das Herr von Boddien nicht explizit gesagt. Die Quintessenz seiner Überlegungen war es jedenfalls.)

Bei dem eisernen Realitätssinn, den Herr von Boddien in seinem Vortrag an den Tag legte, wollte man nicht danach fragen, ob auch die Deckenhöhen im ‚Schloss’ so ohne weiteres verschiebbar sind. (So eine Art Fahrstuhldecken vielleicht? Das Ottmer-Schloss war schließlich 3-geschossig, das ‚Schloss’ ist dagegen 4-5 geschossig.)

Man wollte auch nicht danach fragen, warum dann jetzt Millionen in Stuhlemmers Phantasie-Potpourri historischer Reminiszenzen gesteckt wird, die doch über kurz oder lang wieder vollständig entfernt werden müssen, wenn aus dem ‚Schloss’ noch das Ottmer-Schloss werden soll.

Man wollte auch Herrn Hoffmann nicht fragen, warum ECE in 10 Jahren sämtliche ‚Schloss’- Flächen der Stadt zu einem bezahlbaren Preis überlassen sollte. (Die Stadt hat es doch nicht einmal geschafft, ECE von diesem Bereich fernzuhalten, als sie noch alle Trümpfe in der Hand hatte: als sie nämlich sowohl das Grundstück noch nicht verschleudert als auch die Schlossfassade noch nicht verschenkt hatte. Nun hat ECE beides. Mit welchem Druckmittel soll die Stadt ECE jetzt noch dazu bewegen können, sich aus den Flächen zurückzuziehen, die für das Prestige des ECE-Centers dank des ‚Schloss’-Nimbus Gold wert sind?)

Kurz: Man wollte den beiden Herren nicht die Befürchtung mitteilen, das man vom Wiederaufbau des originalen Ottmer-Schloss weiter entfernt sein könnte als zu Zeiten, als die Stadt noch Eigentümerin des Schlossparks war. (Die Schlossfassade für 13 Mio € klebt schließlich an der Betonwand einer 200 Mio € -Investition, die sich sich erst mal rentieren muss, ehe sie wieder abgerissen werden kann.)

Man wollte nicht Fragen und Bedenken äußern, weil man Visionäre nicht mit kleinkariertem Unglauben behelligen soll.

Am Ende sprach dann Herr Biegel ein schönes Schlusswort, in dem er vom Abriss des ECE-Centers und dem Wiederaufbau der Rotunde sprach.

Ob er das im Ernst meinte, kann ich allerdings nicht sagen.

Das zahlreich erschienene Publikum, weitüberwiegend ‚Schloss’-Befürworter in einem Alter, für das die ‚Schloss-Rekonstruktion’ gerade noch rechtzeitig kommt, applaudierte jedenfalls herzlich und verließ den Saal freudig erregt in dem gestärkten Glauben an die kommende prozesshafte Verwandlung des ‚Schlosses’, an deren Ende das alte Ottmer-Schloss wiederauferstanden sein wird.

 

P.S. Administrator:

Für die Problematik der anzumietenden bzw. abzureißenden Flächen vor dem Grundriss des ECE-Komplexes, vergl. die Kommentare auf dieser Seite: LinkLink
sowie die Materialzusammenstellung und einen Kommentar der Schlossparkfreunde: LinkLink

 

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