Weltraumtourismus – Geniale Geschäfts-Idee oder Klimagefahr?

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Raketenstart Foto: Pixabay

Tausende Tonnen von Ruß würden unser Klima schädigen!

Zwei Milliardäre erfüllen sich den Traum, die Erde von oben zu betrachten und dabei für einen kurzen Moment der Schwerelosigkeit ausgesetzt zu sein; gleichzeitig arbeiten sie an einem neuen Geschäftsmodell: dem Tourismus sehr begüterter Menschen an die Grenze zum Weltraum (Richard Branson gibt zum Beispiel an, er hätte bereits 600 Interessenten auf seiner Warteliste). Die meisten Medien sind schier begeistert. Sie greifen gern die „spannende Geschichte“ vom Wettlauf in den Weltraum auf.

Massive Energieverschwendung für Fun–Zwecke trotz Ressourcenknappheit? Unnötige zusätzliche Belastung der Umwelt? Bedeutung solcher Aktionen vor dem Hintergrund des Klimawandels? Überhaupt soziale Fragwürdigkeit? Für die große Mehrzahl der Medien kein Thema! Selbst kritische Anmerkungen am Rande suchte man – jedenfalls in den ersten Tagen nach den „Events“ – meist vergebens.

Förderung der Umweltbewegung? Nachhaltige Aktivität?

Dabei versuchen die Milliardäre selber, der zu erwartenden Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen. Schon die ersten Fotos der Erde aus dem All hätten großen Einfluss auf die Umweltbewegung gehabt. Je mehr Menschen nun als Touristen dasselbe mit eigenen Augen sähen, desto stärker würde deren Umweltbewusstsein, das dann positiv auf die Menschheit zurückwirken werde. Außerdem wäre der CO2 – Ausstoß pro Passagier etwa mit dem eines Langstreckenfluges vergleichbar. Es handle sich also um „nachhaltige Aktivitäten“.

Tatsächlich aber ist der C02 – Ausstoß gar nicht das Hauptproblem. Neben einer möglichen Schädigung der Ozonschicht durch Abgasprodukte von Raketenantrieben in der Mesosphäre (also im Bereich von 50 bis 80 km über der Erdoberfläche) und der durch Raketenstarts stark begünstigten Wolkenbildung gibt es ein Hauptproblem: den Transport von Ruß- und Aluminiumpartikeln in die Stratosphäre (zwischen 15 und 50 km über der Erde)! Amerikanische Wissenschaftler wiesen schon 2010 in einer Studie auf die mögliche Schadenswirkung dieser Partikel hin, deren Wirkung auf das Klima 100.000 mal größer sein könne als die des CO2.

Amerikanische Wissenschaftler warnen schon 2010 vor Ruß in der Stratosphäre

Die Partikel verbleiben zwischen drei und zehn Jahren in den höheren Schichten der Atmosphäre (in den tieferen werden sie durch Regen ausgewaschen). Über mehrere Jahre könnten sich daher dort mehrere tausend Tonnen Russ anhäufen, die durch einen recht komplexen Prozess schwerwiegende Auswirkungen auf das Klima hätten. In der Folge würde etwa am Nordpol die Temperatur um mehr als ein Grad steigen, in unseren Regionen immerhin noch um 0,5 Grad. Die Forscher waren bei ihren Berechnungen von der Zahl von 600 Tonnen Ruß ausgegangen, die pro Jahr in die Stratosphäre gelangen würden. Im Jahr 2018 brachten 114 Raketenstarts auf der ganzen Erde immerhin 225 Tonnen dorthin.

Durch den angestrebten Weltraumtourismus könnte sich diese Zahl nun schnell vervielfachen. Folgerichtig erhoben die beiden Forscher schon vor zwei Jahren öffentlich die Forderung, die Auswirkungen stark zunehmender Raumfahrtaktiväten auf das Klima durch einen Beirat sorgfältig zu prüfen. „Und zwar vorher“, sollte man ergänzen. Die Vereinten Nationen sollten dabei die Regie übernehmen – schließlich ist die Erdatmosphäre für die gesamte Menschheit ein kostbares, schützenswertes Gut. Und nicht die Sache einiger hochentwickelter Staaten. Schon gar nicht einiger reicher Menschen, die zu glauben scheinen, die Welt gehört ihnen.

(Quelle: FAZ vom 20. Juli 2021)

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