Sehenswert!

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Bild:MDR/Hoferichter&Jacobs

Da ist dem Mitteldeutschen Rundfunk wirklich etwas Eindrucksvolles gelungen. Hier wird nicht von außen über die AfD berichtet, nein, fünf frühere Insider wurden einzeln vor die Kamera geholt, um über ihre „AfD-Geschichte“ Auskunft zu geben. Sie geben einen Einblick über die Motive, die sie zum Eintritt bewogen haben, über ihre Erfahrungen in der Partei und schließlich über den Prozess, der dazu geführt hat, dass sie sich – meist in einem quälend langen Prozess – von der Partei getrennt haben. Es handelt sich bei den Aussteigern um vier junge Leute, intelligent und redegewandt, und den ehemaligen AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen. Sie alle waren sehr aktiv in der Partei, keine Mitläufer. Umso wertvoller ihre Erfahrungen.  

Sie haben ihre eigene Entwicklung selbstkritisch untersucht und beeindrucken durch eine ganze Reihe wichtiger Beobachtungen und Erkenntnisse. Seit der Anfangszeit der Partei unter Herrn Lucke hat sich diese zunehmend radikalisiert, wie an einzelnen eingestreuten Szenen, etwa von wichtigen Parteitagen, verdeutlicht wird. Die Befragten haben das natürlich realisiert, haben es aber nach eigener Aussage entweder beiseite geschoben oder zu rechtfertigen versucht, bis es nicht mehr ging. Lediglich bei Jörg Meuthen ist schwer nachvollziehbar, dass er nicht verstanden haben soll, was es bedeutet, mit dem Höckeflügel zusammenzuarbeiten. Er versucht sich subjektiv ehrlich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, beim Zuschauer bleiben aber trotzdem Fragen offen. 

Die Dokumentation lässt alle ausführlich zu Wort kommen (deshalb hat sie eine Länge von 90 Minuten), die offenbar gestellten Fragen werden nicht genannt, der Interviewer tritt nicht in Erscheinung, so dass man sich voll die Aussagen der Aussteiger konzentrieren kann. 

Auch auf die wichtige Frage, wie man mit Freunden oder Bekannten oder Arbeitskollegen umgehen soll, die in der Partei sind und noch ansprechbar sind, werden gute Antworten gegeben, die sich umsetzen lassen – allerdings erfordert das offenbar einen langen Atem; durch vorschnelle Ablehnung würde man sowieso alle Brücken abbrechen. Je weniger „Außenkontakte“ ein Parteimitglied noch hat, desto schwerer wird es für ihn bzw. sie, sich von der Partei zu lösen.

Alles in allem eine gute Gelegenheit, einen langweiligen Winterabend zu vermeiden und lebendige Diskussionen mit anderen Zuschauern zu führen. 

Die Dokumentation „Wir waren in der AfD – Aussteiger berichten“ ist in der ARD – Mediathek zu finden.

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