„Querdenker“ sagten gestern Demonstration auf Grund der vielen Proteste ab – Ein Erfolg!

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Nach dem Novemberpogrom wird eine Kolonne Juden zur Schutzhaft ins KZ gebracht, Baden-Baden, November 1938. Foto: Von Bundesarchiv, Bild 183-86686-0008

Der breite Protest gegen diese ungeheuerliche Provokation der „Querdenker“ fand trotzdem statt. Obgleich die Kundgebung sehr kurzfristig angekündigt wurde und die „Querdenker“ abgesagt hatten, nahmen gut 300 Braunschweiger teil.

Die „Querdenker“ hatten mit folgendem Demo-Aufruf provoziert:

Der 9.11. ist das Datum der Reichsprogromnacht. 18 steht für die Buchstaben A und H, dies wird bei den Faschisten als Symbol für Adolf Hitler genutzt (88 steht übrigens bei den Faschisten für Heil Hitler). Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Nennung von 18:18 als Demobeginn ein Zufall ist. Demnach wäre die Übersetzung: Reichsprogromnacht gemeinsam wiederholen. Adolf Hitler : Adolf Hitler.

Kurzfristige Absage von Querdenken:

„Bevor es zu weiteren Fehlinterpretationen und Missverständnissen kommt hinsichtlich Datum, Uhrzeit und Inhalt, hat sich die Initiative Querdenken 53 Braunschweig dazu entschieden, die geplante Versammlung abzusagen.

Wir entschuldigen uns ausdrücklich für das gewählte Datum und die unglücklich gewählte Uhrzeit, welche von uns nur aus Gründen der Einprägsamkeit gewählt wurde und bitten um eure Nachsicht.

Uns war nicht bekannt, dass diese Zahlenkombination mit rechtsextremer Symbolik und Gedankengut in Verbindung gebracht wird.

Wir sind überparteilich und schließen keine Meinung aus. Wir sind Demokraten. Wir leben einen friedvollen Umgang. Rechtsextremes, linksextremes, faschistisches, diskriminierendes oder menschenverachtendes Gedankengut hat in unserer Bewegung keinen Platz. Gleiches gilt für jede Art von Gewalt.“

Hier die Rede von Sebastian Wertmüller auf der Kundgebung:

Reichspogromnacht 09.11.1938

Attentat als Vorwand: der siebzehnjährige polnische Jude Herschel Grynszpan, dessen Familie vertrieben worden war, erschoss am 7. November 1938 in der Deutschen Botschaft in Paris auf den der NSDAP angehörenden Sekretär Ernst Eduard vom Rath. Dieser starb am 9. November. Vom 7. bis 13. November etwa 800 Juden ermordet, 400 davon in der Nacht vom 9. auf den 10. November über 1.400 Synagogen, Betstuben und sonstige Versammlungsräume sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört. Ab dem 10. November wurden ungefähr 30.000 Juden in Konzentrationslagern inhaftiert, wo mindestens weitere 400 ermordet wurden oder an Haftfolgen starben.

In Braunschweig wurden die wenigen noch nicht „arisierten“ jüdischen Geschäfte sowie zahlreiche Privatwohnungen verwüstet
es wurden in der Nacht und am Folgetag im Land Braunschweig 149 Juden verhaftet, davon 71 aus der Stadt Braunschweig. Diese wurden in das KZ Buchenwald gebracht. Die Synagoge in der Alten Knochenhauerstraße wurde zerstört, die Inneneinrichtung zertrümmert und das Gebäude teilweise gesprengt.

Die Mord- und Zerstörungsorgie war kein spontaner Ausbruch, sie war organisiert über SA und SS. Aber ganz viele Menschen, deutsche Bürgerinnen und Bürger haben mitgemacht beim Drangsalieren, beim Schikanieren, beim Plündern und Zerstören und noch viel mehr haben zugesehen! – manche grinsend und innerlich zustimmend, manche passiv und innerlich ablehnend – nur angegangen dagegen sind nur die allerwenigsten. So wie auch davor schon nicht, als die Juden bis zum Novemberpogrom schrittweise immer mehr aus dem wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Leben im Deutschen Reich herausgedrängt wurden

Gesetz für Gesetz, Verordnung für Verordnung, per Aushang oder Satzungsänderung – überall wurde ihnen das Leben so sehr erschwert, wie nur irgend möglich. Es geschah vor aller Augen, es stand in den Zeitungen, es war im Radio zu vernehmen, bei den Ansprachen der Nazis sowieso. Man konnte die Ausgrenzung und Absonderung auch sehen: wilde Gewaltaktionen auf den Straßen, Boykottplakate an jüdischen Geschäften, wochenlange Ausschreitungen. Wer wissen wollte, konnte wissen und wer nichts hören und sehen wollte, d.h. wer zur übergroßen Mehrheit zählte, tat das einfach nicht. Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der Juden seit 1933 zur systematischen Vertreibung. Dieser folgte dann die Vernichtung….

Querdenker

und an so einem Tag kommen sog. Querdenker und wissen von nichts oder wollen von nichts wissen oder sie wissen ganz genau, was sie sagen und was sie tun und stellen sich nur doof, wenn man sie erwischt

Leipzig:

Berichte vom Samstag in Leipziger – Großdemonstration von Querdenken:

  • massenhafter Verstoß gegen Auflagen
  • eine gnadenlos überforderte Polizei (konnte sie nicht oder wollte sie nicht? man wusste, was und wer da kommt!)
  • hunderte von Hooligans und Neonazis auf der Straße
  • Durchbrechen von Polizeisperren
  • über 30 Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten
  • Jagd auf Linke

Ich frage: Zeichnet das eine friedvolle und gewaltfreie Bewegung aus?

Ich frage: Was wäre geschehe, wenn die Menschen auf einer der Großkundgebungen des Bündnisses gegen rechts sich ähnlich verhalten hätte?

unpolitisch:

Distanzierung von linksextrem und rechtsextrem – aber: „keine Meinung ausschließen“

wer sich so positioniert, hat auch schon Position bezogen!

  • denn was wollten sie schon alles: das Grundgesetz schützen, dann im liebsten von ihrer Kundgebung in Berlin aus einfach mal so eine neue Verfassung schreiben
  • der Drang zum angeblichen Volk und weg vom angeblichen Establishment, der Größenwahn, der fehlende Respekt vor den Regeln einer bürgerlichen Demokratie begleitet sie
  • ganz klar: wer seinen Meinungspluralismus bis nach weit rechts offenhält, wer die Bundesrepublik zu einer Corona-Diktatur umlügt, wer gewählte Politiker*innen hinter Gittern sehen will, hat viel mit Rechtsextremismus und wenig mit dem Grundgesetz am Hut!

Braunschweig: Nazis voll integriert, schon bei den bisherigen Veranstaltungen der Coronaleugner, auch am 31.10. auf diesem Platz konnten die Braunschweiger Nazis sich willkommen fühlen. Einige von ihnen wurden am Samstag auch in Leipzig gesichtet. Schrullige Impfgegner*innen, softe Esoteriker*innen, angebliche Kämpfer*innen für die Freiheit und gegen die Corona-Diktatur, besorgte Bürger*innen usw….

…. wenn dieses Bild je getroffen hat, jetzt weiß man mehr.

Der Versuch einer neuen rechtsextremen Sammlungsbewegung, so ist es gemeint und so wird es von den Nazihools, der AfD, der Partei Die Rechte, der NPD und anderen Bekannten aus dem Verfassungsschutzbericht auch verstanden.

Wenn wir heute am Jahrestag der Reichspogromnacht sagen „nie vergessen“, dann meinen wir nicht nur die Geschichte, wir meine auch alles was heute geschieht: von der AfD bis zur NPD, von Nazihooliogans bis zu Querdenkern, von angeblichen Intellektuellen, die sich im ultrarechten Lagern wohlfühlen.

Ich habe heute mit einer Kollegin Blumen am Mahnmal der Synagoge niedergelegt – und dort den riesigen Kranz der AfD stehen gesehen – meine Antwort darauf: Erinnerung und Gedenken sieht anders aus, egal ob am 27.Januar, am 8.Mai oder am 1.September.

Das machen wir nicht mit Querdenkern und nicht mit der AfD, sondern mit Antifaschistinnen und Antifaschisten, mit Menschen aller Religionen und aller Verbände und Parteien, die eine klare Haltung gegen Nazis an den Tag legen!

Sebastian Wertmüller (Geschäftsführer ver.di Bezirk Süd-Ost-Niedersachsen)

3 KOMMENTARE

  1. Der zuständige Dezernent für die Genehmigung der Demonstration blieb heute im Rathaus abgetaucht.
    Auch hat er auf meine emails von Samstag, Sonntag und Montag-morgen nicht reagiert.

    Seine Behörde hatte am Donnerstag, den 5.11. nachmittags die eindeutig provokative, volksverhetzende Anmeldung 18 : 18 für den sensiblen Jahrestag 9. November angenommen und dann wohl von sich aus dran herumkorrigiert (Beginn 18 Uhr) und mit neutralem Motto „Licht für Freiheit, Frieden und Wahrheit“ am Freitag, den 6.11. „bestätigt“, so heißt es nun.

    Die Pflicht, alle Mitglieder des Verwaltungsausschusses von der eingegangenen Demo-Anmeldung zum Gedenktag der Pogrome zu informieren, wurde gebrochen; allgemeines bedröppeltes Schweigen dazu im Rathaus.

    Fazit: die rechtzeitige Info durch Sebastian Wertmüller (verdi) am Samstag und dann folgende Kundgebung am Montag, dem Gedenktag der Nazi-Pogrome, durch das Bündnis gegen Rechts haben dem Dezernenten buchstäblich den Arsch gerettet.

  2. Ich erinnere an die Worte von Sally Perel auf der Kundgebung gegen den AfD-Parteitag 2019 in BRAUNschweig, dass es, sinngemäß, genau so auch damals, vor 90 Jahren anfing!!

  3. In Braunschweig geschieht Unfassbares, kaum zu Entschuldigendes

    Der Pflicht ist genüge getan, die Kränze vor der Synagoge abgelegt, die Schleifen protokollarisch geordnet. Die Gesichter versteinert. So ist es jedes Jahr am Tag des großen Pogroms, am 9. November. Dem Tag als die Synagogen brannten, Juden verhaften und auch getötet wurden. Das Offizialgedenken ist Pflicht und für einige sicher auch Bedürfnis.

    Und nun das: Eine Demonstration wird im Rathaus von sog. Querdenkern unter dem Motto: „Geschichte gemeinsam wiederholen“ für den hoch sensiblen Tag des Pogroms angemeldet. Demobeginn 18:18.
    Was ist denn da im Rathaus los: regiert dort die totale Unfähigkeit, Unwissenheit und geschichtsvergessene Ignoranz, dass es diese Bündelung an Provokation und Verachtung nicht erkennen will? Welche Geschichte soll wiederholt werden? Vielleicht das Drama der Pogromnacht oder 12 Jahre Hitlerdiktatur, oder was? Als wenn dieses Demo-Motto nicht schon schlimm genug wäre, wird mit den bekannten Neo-Nazi-Kürzeln 18:18 auch noch Hitler an diesem Tag verehrt. Und so eine Demo wird von unserem Rathaus genehmigt, von einem SPD-geführten Rathaus?
    Das muss politische Folgen haben, sonst fällt dieses Behördenversagen auf die Stadt, ihre Organe und die Bürger zurück.

    Und ist das nur dem Ratsherrn Peter Rosenbaum (BIBS) aufgefallen? Alle anderen im Rat haben nichts bemerkt?

    Die TAZ berichtete heute über den Fall Braunschweig: Nazi-Code-Demo gecancelt https://taz.de/Nazi-Code-in-Demo-Ankuendigung/!5726931/

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