Die Schlafwandler stehen als Metapher für Leute, die sich bequem in ihrem Weltbild eingerichtet haben, sich treiben lassen und sehenden Auges trotzig auf eine Katastrophe zusteuern. Historiker nutzten das Bild bei dem Versuch der Erklärung, wie es zum Ersten Weltkrieg 1914 gekommen war: Die Akteure handelten kurzsichtig, nur auf eigene Interessen und Bündnispflichten schauend, ohne den Versuch zu unternehmen, die drohende Eskalation durch Krisendiplomatie, Anerkennen der Interessen der jeweilig anderen Akteure und Deeskalation zu verhindern. Gut 110 Jahre später steht die europäische Welt wieder vor der gleichen Lage: vor dem Abgrund unaufhaltsamer Eskalation, einem großen europäischen Krieg, der alles zerstören wird.
Die Warnzeichen:
Die Europäische Union unter Ursula von der Leyen hat sich ehern eingerichtet in ihrer Haltung: Russland muss diesen Krieg verlieren, wir müssen die Ukraine bedingungslos mit allen verfügbaren Waffen und Hunderten Milliarden unterstützen, nach dem in der Eurokrise schon genutzten Schlachtruf „whatever it takes“. Das vorletzte betrug 50 Milliarden. das letzte Unterstützungspaket 90 Milliarden Euro als Kredit, von dem jeder weiß, dass er von der Ukraine nie zurückgezahlt werden kann, aber das Schuldenpaket der EU wächst und damit auch ihr Finanzmarktrisiko.
Der konflikterfahrene ehemalige UN-Diplomat Michael von der Schulenburg beschreibt die trügerische Euphorie der Europäer in seinem sehr lesenswerten Artikel in der Berliner Zeitung so:
„Noch am 26. Juli zeigte sich Ursula von der Leyen bei ihrem Besuch in Kiew voll Siegeszuversicht: Das Blatt habe sich gewendet, die Ukraine habe die Initiative zurückgewonnen. Russland sei in der Defensive. Als Ursache des vermeintlichen Umschwungs nach viereinhalb Jahren eines verheerenden Krieges gilt eine neue „Wunderwaffe“: Drohnen, die mithilfe der von Palantir & Co. bereitgestellten Künstlichen Intelligenz den Krieg tief ins russische Hinterland tragen und dort Ölraffinerien und andere kritische Infrastruktur präzise zerstören. Die russische Wirtschaft – insbesondere der Energiesektor – ist laut dieser Lesart schwer angeschlagen, der von Russland begonnene Krieg in voller Wucht im eigenen Land angekommen. Auch auf dem Schlachtfeld habe die Ukraine mit autonom operierenden „Killerdrohnen“ erhebliche Erfolge erzielt. Diese könnten in einer Todeszone von mindestens 30 Kilometern Breite alles Leben automatisch erfassen und vernichten.“ [1]
Michael von der Schulenburg mahnt den Westen dagegen, sich auf eine ukrainische Niederlage vorzubereiten. Denn Politiker wie Bürger der EU sind Opfer der eigenen Propaganda. In allen Leitmedien werden Erfolge der Ukraine hochgeschrieben und gefeiert, sodass selbst FAZ-Journalisten ihren kriegerischen Ungeist schamlos offenbaren können, wie kürzlich die verabscheuungswürdige Frage ihres Korrespondenten in Belgrad zeigte: „Können Sie uns Europäern sagen, was wir konkret tun können, um Ihnen zu helfen, mehr Russen zu töten. Natürlich mehr russische Soldaten.“
Inzwischen sind die proukrainischen Erfolgsmeldungen weniger geworden. Insbesondere Trumps Irankrieg, die Erschöpfung der Raketenabwehr und seine Abkehr von der militärischen Unterstützung der Ukraine haben deren Lage massiv verschlechtert. Videos und Bilder aus der Ukraine zeigen stets nur die Bilder, die eine eindeutige Botschaft transportieren sollen: Russland tötet wahllos Zivilisten und zerstört zivile Anlagen, verhält sich als kriegsverbrecherisches Regime, das keine Rücksicht nimmt. Besonders die deutschen Medien zeichnen kein realistisches Bild der Lage und lullen die Bevölkerung mit selbstüberschätzenden Kommentaren und Durchhalteparolen ein, Haltung zeigen eben.
Aus den USA und auch aus der Ukraine selbst mehren sich die Zweifel am Erfolg des Drohnenkriegs im russischen Hinterland. Russlands Drohnentechnik und Abwehrsysteme lernen schnell und sind in mancher Hinsicht der Ukraine überlegen. Man müsse nur auf die Warnungen des Generals (und derzeitigen ukrainischen Botschafters in London) Walerij Saluschnyj hören, schreibt Schulenburg in seinem Artikel,
„der Drohnenkrieg sei wenig erfolgreich und viel zu teuer. Als ehemaliger Oberkommandierender der ukrainischen Streitkräfte sollte er es wissen. Nach Angaben der proukrainischen Kriegsbeobachter Dron-Bomber erzielen die Russen inzwischen eine hohe Rate an Abschüssen ukrainischer Drohnen. Die Absetzung des ukrainischen Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow dürfte ebenfalls mit dem sich abzeichnenden Scheitern des Drohnenkriegs zusammenhängen.“[2]
Von einem in westlichen Medien behaupteten Patt sei die militärische Lage weit entfernt, russische Truppen eroberten immer weitere Gebiete, ihr Vormarsch sei langsam und darauf gerichtet, in diesem Abnutzungskrieg gegnerische Truppen zu vernichten.
„Noch schwerwiegender für die Ukraine ist, dass ihre Drohnenangriffe zu einer Verhärtung der russischen Position geführt haben. Die russische Führung spricht nun offen von Krieg – auch von einem Krieg der Nato gegen Russland – und hat diesen Krieg wesentlich intensiviert.“
Groß berichtet wurde in unseren Medien von erfolgreichen Angriffen ukrainischer Langstreckendrohnen auf Raffinerien, Warenlager und auf Ziele in Moskau selbst. Über die Reaktion Moskaus berichtet die Braunschweiger Zeitung:
„Kreml droht Großbritannien wegen ukrainischer Angriffe.“
Es sei die schwerste Angriffswelle mit „ukrainischen Drohnen“, made in Great Britain gewesen. Daraufhin drohte Russland nach Angaben aus der britischen Presse mit Konsequenzen, für die das Land wegen dieser Eskalation des Drohnenkriegs zur Rechenschaft gezogen werde. Der britische Premier bekräftigte dagegen seine unnachgiebige Unterstützung der Ukraine. Den Hintergrund der russischen Drohung hätte die BZ allerdings auch noch nachliefern müssen: Großbritannien liefert in diesem Jahr mindestens 120.000 Drohnen für die Ukraine.
Das hat Folgen für die russische Kriegführung. Angesichts der v.a. durch fehlende Patriots zusammengebrochenen Luftverteidigung der Ukraine intensivieren sich die zerstörerischen Angriffe Russlands, die vor allem auf die Energieversorgung gerichtet sind. Helfen der Ukraine weitere tief reichende Drohnenangriffe auf Russlands Öl- und Gasproduktion? Was wird die NATO unternehmen, um den totalen Blackout der Ukraine im Winter zu verhindern? Was unternimmt sie beim zu erwartenden Zusammenbruch der Armee, gegen die wachsende Fahnenflucht der Rekruten, für die Rückkehr von Millionen wehrfähiger Männer in der EU? Die Eskalationsgefahr ist jetzt akut.
Der hochrangige russische Analyst und Außenpolitikexperte Dmitri Trenin beschreibt die russische Sichtweise auf diese Phase des Krieges so:
Der Ukraine-Krieg transformiert sich gerade zum „Vaterländischen Krieg gegen den Westen“.
Der vorsichtige Optimismus, mit den USA eine Verhandlungslösung zu finden, sei seit 2025 geplatzt, als es Trump nicht gelang, die Ukraine zu Zugeständnissen bei Gebietsabtretungen zu bewegen, da die Europäer Trumps Pläne konterkariert hätten. Während der Westen erwartet, dass seine Strategie, den Krieg nach Russland zu tragen, zu Protesten in der Bevölkerung gegen Putin führen, sieht Trenin die Reaktion ganz anders:
„Die Angriffe tief im russischen Hinterland markieren in der Tat ein neues Stadium des Krieges. Millionen Menschen spüren die Folgen des Konflikts nun unmittelbar in ihrem Alltag. Die Stimmung in der Bevölkerung wandelt sich, jedoch nicht in jene Richtung, die westliche Strategen bei der Entwicklung dieser Taktik angenommen haben. Der Krieg in der Ukraine transformiert sich von einer Spezialoperation zu einem „Vaterländischen Krieg“ gegen den Westen. Während in Russland bisher ein breiter gesellschaftlicher Zorn gegenüber dem Westen ausblieb, beginnt er nun zu wachsen.“[3]
Wenn der Westen darauf abzielt, das Russland den Krieg verliert, begreift er nicht, was es aus russischer Sicht und seiner Erfahrung mit dem Westen bedeuten würde. Dazu Trenin:
„Viele Bürger begreifen, dass es nicht länger bloß um den internationalen Status Russlands geht, sondern um die Existenz des Staates. Es gibt kein Zurück mehr: Sollte der Westen siegen, wird er Russland nicht in Ruhe lassen, sondern versuchen, es zu vernichten. Daraus folgt: Je geringer die Hoffnung auf ein Friedensabkommen, desto sinnloser werden Beschränkungen der militärischen Handlungen. Präsident Putin sagte bereits 2018 öffentlich: Wozu brauchen wir eine Welt, in der es kein Russland gibt?“
Und hier zeigt sich ein Bedrohungsgefühl, dass geschichtlich nicht unbegründet ist. Mehrfach war Russland einem Angriff aus den westlichen Staaten ausgesetzt, durch Napoleon 1812, im Krimkrieg 1853 bis 1856, sowie der Überfall der deutschen Wehrmacht ab 1941 mit geschätzten 27 Millionen getöteten Sowjetbürgern. Die Erinnerung an die mit den Deutschen kollaborierenden ukrainischen Faschisten (siehe Bandera und Melnyk) spielt dabei auch eine große Rolle. Die russische Atomdoktrin ist ganz klar: Eine Bedrohung Russlands durch auswärtige Mächte erlaubt und gebietet im äußersten Fall den Einsatz der Atomwaffen.
Wirkt diese nukleare Abschreckung noch glaubhaft? Viele im Westen halten das nur für eine Drohgebärde und verweisen auf den atomaren Schutzschirm der USA, Frankreichs und Großbritanniens. Aber ist es glaubhaft, dass Trump für Europa vernichtende atomare Vergeltungsschläge auf US-Metropolen riskiert? Gefragt nach der Glaubwürdigkeit der Abschreckung antwortet Trenin:
„Ich bin der Auffassung, dass unter den aktuellen Bedingungen – einer forcierten militärischen Eskalation durch den Westen – eine reaktive Gegenbewegung mit einer Ausweitung des Kriegsschauplatzes in westliche Richtung logisch ist. Atomwaffen sind dabei weder das einzige noch das erste Mittel einer solchen Ausweitung, doch zu einem gewissen Zeitpunkt könnten sie von Russland eingesetzt werden. Im Gegenzug schließe ich nicht aus, dass England oder Frankreich ihrerseits Atomschläge gegen Russland führen könnten. Nach solchen Schlägen wären diese Länder vermutlich vollständig vernichtet. Eine solche Analyse erscheint mir einfach und offensichtlich. In Europa wird dies vermutlich als Bluff abgetan, doch eine solche Blindheit der Eliten ist meiner Ansicht nach unheilbar. Ich erwarte daher keine diplomatischen Manöver vonseiten des Westens. Sie verfolgen das Ziel, Russland zu zerschlagen – und werden dafür den Krieg erhalten.“
Wie weit stehen unsere Politiker in ihrer blinden Unterstützungswut schon am Abgrund – ohne es zu merken? Wir Bürger müssen sie aufwecken, ehe es zu spät ist!
[1] https://www.berliner-zeitung.de/article/treiben-die-westlichen-siegesillusionen-die-ukraine-in-den-zusammenbruch-10288789
[2] ebenda
[3] https://www.berliner-zeitung.de/article/kreml-politologe-ukraine-krieg-transformiert-sich-zum-vaterlaendischen-krieg-gegen-den-westen-10272199

























