Von Pappeln und Säuleneichen und anderen Lästlingen

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Wir haben uns gefragt, warum in unserer Stadt, in den Wäldern, Parks und vor allem an den Straßenrändern (z.B. Riddagshausen) vor allem Pappeln immer wieder zum Opfer der Kettensägen werden und plötzlich überall Pyramideneichen (=Säuleneichen) herumstehen. Mit ein bisschen Recherche im Internet lässt sich diese Frage beantworten. Doch wer macht sich schon die Mühe? Die Bäume sind ja gefällt, und wieder aufstellen geht nicht …

Vor einiger Zeit hieß es noch, Pappeln seien ökologisch bedenklich und gehören nicht in unsere Region. Tatsächlich verdrängen Pappeln andere Arten. „Viele Arten sind aufgrund ihres raschen Wachstums im Jugendstadium und der vegetativen Vermehrung aggressive Kolonisten auf zuvor gestörten Standorten.“ (Quelle: Wikipedia) Die Pappel wurde damit zur Ratte unter den Bäumen.

Als Straßenbaum wurde sie früher gerne gepflanzt. Nun wird im Falle eines Falles fast immer behauptet, Pappeln würden den Straßenverkehr behindern oder gar gefährden. Müssen wir den ehemaligen Leitern des Straßenbauamtes unterstellen, sie seien so dämlich gewesen, diese gefährliche Baumart als straßenbegleitendes Grün gepflanzt zu haben? Wohl kaum. Als Straßenbaum befindet sich die Pappel nicht in einem geschlossenen Ökosystem und kann sich nicht ungehemmt ausbreiten. Sie wächst steil nach oben, bietet Schatten und bindet Feinstaub. Warum also gilt sie neuerdings als Störenfried des Autoverkehrs?

Gute Frage, nächste Frage: Warum wird zur Abwechslung nicht einmal die Wahrheit gesagt? Weil Geld stinkt. Mit Pappelholz lässt sich immer besser verdienen.

 

Das betrifft nicht nur Pappelholz. „Einige Holzsorten seien wegen der starken Nachfrage von Kaminholz und des boomenden Export-Geschäfts mit China sogar im Preis gestiegen. Vor allem Fichte, Eiche und Buche lägen mit 60 bis 80 Euro pro Festmeter zurzeit rund 15 Prozent über dem Preis des Vorjahres. Auch Pappel und Lärche seien sehr gefragt.“
Quelle: Westfälische Nachrichten (15. November 07).

Trotz Kyrill ist der Holzmarkt nicht eingebrochen. Und Pappeln werden nun nicht mehr nur für holländische Holzschuhe gebraucht oder gleich geschreddert und zu Spanplatten verarbeitet. Vor allem für das Geschäft mit China wird in Massen abgehackt. Bei diesem guten Geschäft sind nicht mehr die Pappeln, sondern die BaumschützerInnen die Störenfriede.

Pappeln verkaufen sich jetzt so gut, weil sie für die Herstellung von Europaletten gebraucht werden. Dafür muss das Holz leicht sein. Europaletten entsprechen mit ihren Maßen einer Norm, die dem Handel erlaubt, die Paletten zu tauschen, ähnlich dem Pfandsystem bei Bierflaschen. Die Paletten sind auf die Größe von Containern abgestimmt. Einmal in Umlauf gebracht, machen Paletten bis zur Unbrauchbarkeit eine Weltreise. Danach lassen sie sich immer noch schreddern und zu billigen Spanplatten verarbeiten.

„Im Rahmen des ersten Logistiktages Europaletten der GPAL¹ sprach Harry F. Jacobi, CEO² der European Pallet Association /EPAL) über den Ausbau der weltweiten Wettbewerbsfähigkeit der Europalette. Trotz des hohen Produktionszuwachses stößt der Europäische Palettenpool mit dem Maß 800x1200m an seine Grenzen. In Großbritannien, Frankreich, Holland ist das Maß 1000x1200mm weit verbreitet, in den USA wird 1219x1016mm (40x48Inch) und in Asien 1100x1100mm bevorzugt.
EPAL hat deshalb zwei weitere Palettentypen mit den Maßen 1200×1000 und 1000x1200mm in ihr Programm aufgenommen. Die Paletten tragen die bekannten Aufdrucke EPAL und EUR. Das Tauschsystem der EPAL wird weltweit angeboten, besonders Exportunternehmen in China sind am Palettentausch mit Europa sehr interessiert. EPAL stellt auf der 10th China Logistics Expo in GuangZhou 20-22.Mai 2007 aus (…)“

1 Gütegemeinschaft Paletten e.V.
2 siehe http://de.wikipedia.org/wiki/CEO

(Quelle: http://www.epal-pallets.de/de/news/news_180407.php April 2007)

Die Geschäfte mit China laufen also seit einem Jahr prächtig, denn auch China führt nun seine Waren auf Europaletten ein.

Die Pappeln haben Lücken hinterlassen, die einfach von den sehr vitalen Sprösslingen aus den Baumstümpfen wieder geschlossen worden wären. Aber so ein Wildwuchs ist ja ein absolutes No-Go in unserem sauberen Braunschweig. (Eine) Galabaufirm(a)en haben(hat) also im Auftrag der Stadt fleißig daran gearbeitet, die Lücken wieder zu füllen. Sie haben aber nicht bescheiden und uneigennützig, weil die Kommunen ja sparen müssen, einfach neue Pappeln angeboten und gepflanzt. Nein, die Gelegenheit war günstig, ein gutes Geschäft zu machen. Also wurde das Gerücht, dass Pappeln naturgemäß abgängig und daher verkehrsgefährdend sind, weiter gepflegt. Nun ist die Stadt überzeugt, dass auch eine neu gepflanzte Pappel ein absolutes No-Go ist.

„Die Pyramideneiche ist eine Variation der Stieleiche. Sie wird in der Regel künstlich durch Aufpfropfen vermehrt, kann aber auch aus Eicheln gezogen werden – dann variiert jedoch ihre Form.“
(Quelle: Revierförsterei Oberursel)

Die alles andere als pyramidenförmige Pyramideneiche ist ein Baummutant, der künstlich, also teuer „produziert“ werden muss. Natürlich hat man versucht, diesen Baum als wertvoll und besonders zu verkaufen.

„Die Säuleneiche ist eine Rarität. Nur etwa 2% ihrer Früchte entwickeln sich wieder als Säuleneiche, aus dem Rest werden normale Stieleichen. Im 18. Jahrhundert wurden die Samen der Säuleneiche in Botanikerkreisen teuer gehandelt.“
(Quelle: Wikipedia)

Teuer war einmal. Heute können wir eine Pyramideneiche (2m) für schlappe 97,00 € kaufen. Doch kein gutes Geschäft für Baumschulen? Nicht, wenn wir uns den Preis für eine gleichhohe Pappel ansehen: 12,90 €. Und wir können uns vorstellen, dass Baumschulen kräftig verdienen, wenn wir uns vor Augen führen, wie Pyramideneichen nun zu Pilzen mutieren und als solche massenhaft aus dem Boden sprießen. Daher wird die Gala-Bau-Lobby behaupten, dass Pappeln anfällig seien, „Dreck machen“ und sowieso für eine so schöne und bedeutsame Stadt viel zu popelig (lateinischer Name der Pappel: populus) sind. Darauf hereingefallen ist wohl auch der Bezirksrat Südost (Bürgermeister Rühmann, CDU), der für den neuen Verkehrskreisel in Mascherode eine „Eiche“ geordert hat. Gepflanzt wurde natürlich eine Pyramideneiche. Auch die SPD jubelt. „Mascherode hat wieder eine Herzogseiche“ titelt der Sozialdemokratische Bürgerbrief (mit den Südnachrichten) der SPD in seiner März/April-Ausgabe. Das muss man gelesen und gesehen haben! Nein, mit dem einfachen Volk (lat. populus) will sich die SPD nicht mehr gemein machen. Mehr Monarchie wagen!
Doch die neue Monarchie der Pyramideneiche (ein Pharao ist dort nicht zu erwarten auch keine Vogelnester) schwächelt schon jetzt und wird nicht von Dauer sein.
„Alle genannten Formen wären in der Natur auf Dauer ohne menschliches Zutun nicht überlebensfähig. Entsprechend gering ist auch bei vielen dieser Formen ihre Widerstandsfähigkeit und ihre Zuverlässigkeit. „
(Quelle: Amt der Oberösterreichischen Landesregierung, Naturschutzabteilung)

Die Pyramideneiche ist nicht umsonst von der Natur ausgemustert worden. Masse statt Klasse bringt Geld in die Kasse (bis die Kunden merken, dass sie über’s Ohr gehauen wurden).

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