Schule und Gewalt: Ein Interview mit Professor Christian Pfeiffer

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Die Politik braucht oft sehr lange, bis sie Erkenntnisse umsetzt. Dies bestätigte Professor Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Dr. Uwe Meier, dem er in einem Interview einige Fragen beantwortete. Doch Pfeiffer ist Optimist:

PFEIFFER: … Aber es gibt durchaus Erfolge. So beruhen die Abschaffung des elterlichen Züchtigungsrechtes, die Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe oder die Einführung des Gewaltschutzgesetzes durchweg in hohem Maß auf Untersuchungen, die unser Institut zu diesen Fragen in den neunziger Jahren realisiert hatte. Und auch im Schulbereich kommt schrittweise Bewegung in die erstarrten Fronten, weil die wissenschaftlichen Erkenntnisse von der PISA-Studie angefangen bis hin zu unseren aktuellen Untersuchungen immer wieder deutlich gemacht haben, dass wir bei dem bisherigen System nicht bleiben düfen.

Frage: Im Jahr 1998 hat Ihr Institut drei wichtige Untersuchungen zum Thema Jugendgewalt durchgeführt. Diese Forschungsbefunde fassten Sie damals in sieben Thesen zusammen. Stimmen diese Thesen heute noch?

PFEIFFER: Ich bin nach dem Lesen des Textes selber erstaunt gewesen, wie aktuell unsere damaligen Aussagen nach wie vor sind. Und gleichzeitig wird deutlich, dass Forschung durchaus Wirksamkeit entfalten kann. Im Fazit zu den sieben Thesen hatten wir damals mit Nachdruck gefordert, dass der Staat das elterliche Züchtigungsrecht endlich ersatzlos streichen sollte und wir hatten dafü noch einmal die zentralen Argumente aufgeführt. Heute wissen wir, dass der Gesetzgeber zwei Jahre später endlich diese alte Forderung umgesetzt hat. Und wir können mit Freude feststellen, dass seitdem die innerfamiliäre Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen deutlich abgenommen hat.

Frage: Was hat sich in den letzten zehn Jahren sonst noch geändert?

PFEIFFER: Lassen Sie mich erneut mit den positiven Botschaften beginnen. Erfreulich ist, dass sich an den Schulen bundesweit zunehmend eine Kultur des Hinschauens entwickelt hat. Die Lehrer haben es schrittweise gelernt, sich um Konflikte zu kümmern.

Darüber hinaus werden an vielen Orten Schülerinnen und Schüler zu Konfliktlotsen ausgebildet und es gibt Projekttage gegen Gewalt. Zudem hat sich die Beziehung von Schulen und Polizei deutlich verbessert mit der Folge, dass die Polizei heute weit mehr Chancen hat, sich an Schulen positiv darzustellen. Auch dadurch ist es zu einer deutlichen Steigerung der Anzeigebereitschaft von jugendlichen Gewaltopfern gekommen. Und dies hat die weitere Konsequenz, dass insbesondere Raubtaten unter Jugendlichen stark zurückgegangen sind, weil die Täter heute weit häufiger als noch vor zehn Jahren damit rechnen müssen, dass sie zur Verantwortung gezogen werden. Als Folge dieser erfreulichen Entwicklungen hat die Gewalt an Schulen, gemessen an solchen Vorfällen, die in den ambulanten oder gar stationären Einsatz von Ärzten erforderlich machten, um etwa ein Drittel abgenommen.

Aber es gibt eben nicht nur Positives zu berichten. Bundesweit betrachtet müssen wir davon ausgehen, dass die sozialen Gegensätze zwischen Arm und Reich angewachsen sind und dass es teilweise dadurch zu einer deutlicheren Ausprägung von sozialen Konfliktlagen gekommen ist. Dies dokumentiert sich beispielsweise in einer deutlichen Zunahme der Körperverletzungsdelikte. Ein Anstieg um mehr als das Doppelte, wie ihn hier die Polizeiliche Kriminalstatistik ausweist, kann nur teilweise auf die erhöhte Anzeigebereitschaft zurückgeführt werden. Auffallend sind hier freilich beträchtliche regionale Unterschiede. In Hannover beispielsweise ist die Jugendgewalt insgesamt deutlich zurück gegangen, in München verzeichnen wir dagegen vor allem bei den jungen Migranten einen deutlichen Anstieg.

Frage: Worauf führen Sie diese verschiedenen Entwicklungen zurück?

PFEIFFER: Die Gründe fü die positive Entwicklung in Hannover sind vielfältig. Ein Faktor verdient aber besondere Beachtung: die verbesserte schulische Integration der jungen Migranten.. So ist der Anteil tükischer Jugendlicher, die ein Gymnasium besuchen, um drei Viertel angestiegen (von 8,7 Prozent auf 15,3 Prozent), die Quote der Realschüler/Gesamtschüler hat von 44,2 Prozent auf 52,2 Prozent zugenommen. Die der Hauptschüler ist dagegen von 47,1 auf 32,5 Prozent gesunken. In München hat sich dagegen die schulische Integration tükischer Jugendlicher teilweise verschlechtert. Die Gymnasialquote ging von 18,1 Prozent im Jahr 1998 auf 12,6 Prozent im Jahr 2005 zurück. Die Hauptschule besuchten 2005 fast doppelt so viele tükische Neuntklässler wie in Hannover (61,4 Prozent), während es nur halb so viel Real-/Gesamtschüler gab (26,0 Prozent).

Die Gewaltraten der jungen Tüken folgt in beiden Städten den Entwicklungstrends der Bildungsintegration. Während in Hannover die Quote der jungen tükischen Mehrfachtäter seit 1998 von 15,3 auf 7,2 Prozent gesunken ist, verzeichnen wir in München einen Anstieg von 6 auf 12,4 Prozent. Positive Entwicklung der Schulintegration von jungen Tüken in Hannover ist im übrigen die Folge von zwei Faktoren. Zum einen wurde sie dort dadurch erleichtert, dass die in ihrer Qualität zweifelhaften Schullaufempfehlungen in Niedersachsen nicht bindend sind, wohl aber in Bayern. Vor allem aber wirkt sich in Hannover aus, dass sich in dieser Stadt im Verlauf der letzten zehn Jahre ein laufend stärker werdendes bügerschaftliches Engagement fü die schulische und soziale Integration von Kindern und Jugendlichen aus sozialen Randgruppen entwickelt hat. Von der Bügerstiftung Hannover geförderte Kinder- und Jugendprojekte spielen hier ebenso eine Rolle wie etwa der Verein Mentor e. V., der inzwischen mit seinen über 900 ehrenamtlichen Helfern 1200 Kinder und Jugendliche (und hier primär junge Migranten) dabei unterstützt, schulisch besser voran zu kommen.

Frage: Kann man von den untersuchten Städten auch auf andere Städte schließen, z. B. Braunschweig?

PFEIFFER: Angesichts der großen regionalen Unterschiede, die wir bundesweit beobachten können, ist es schwer, insoweit generelle Aussagen zu machen. Eines lässt sich aber überall erkennen. Die Hauptschule ist im Verlauf der letzten zehn Jahre schrittweise zu einem eigenständigen Verstärkungsfaktor der Jugendgewalt geworden. Da in ihrer Schülerschaft der Anteil der familiär und sozial erheblich belasteten Jugendlichen stark angewachsen ist, haben sich negative Aufschaukelungs- und Ansteckungseffekte ergeben, denen die Schulen nur schwer entgegensteuern können. Bundesländer, in denen die Schullaufbahnempfehlungen bindend sind (z. B. Bayern, Baden-Wüttemberg und Nordrhein-Westfalen) müssen deshalb eher mit Problemen rechnen als solche, in denen die Eltern die Chance haben, entgegen der Empfehlung der Grundschule fü ihr Kind einen anderen Schultyp auszusuchen. Unsere Daten zeigen am Beispiel Hannovers, wie positiv sich das auf die Entwicklung dieser Kinder ausgewirkt hat.

Frage: Sie unterscheiden zwischen subjektivem Bedrohungsempfinden und objektiver Sicherheitslage. Halten Sie es fü sicherheitsrelevant, dass die Polizei oder deutlich erkennbare (schwarze Uniformen) „kommunale Ordnungshüter“ auf der Straße eingesetzt werden? Oder verunsichert das eher die Büger?

PFEIFFER: Ich denke, dass man hier zunächst unterscheiden muss. Die Polizei hat ein hohes Ansehen bei den Bügerinnen und Bügern. Insbesondere fü ängstliche Personen ist es dann eine Beruhigung, wenn sie uniformierte Beamte in ihrer Nähe wahrnehmen. Gegenüber den privaten Sicherheitsdiensten dagegen besteht nicht ein so ausgeprägtes Vertrauen. Und das erscheint mir durchaus nachvollziehbar. Sie sind eben nun einmal bei weitem nicht so gut ausgebildet wie die Polizei und reagieren in Konfliktsituationen teilweise völlig überzogen und manchmal sehr „machohaft“. Objektiv betrachtet, wird die Wirkung von Polizeistreifen auf die Sicherheit der Bügerinnen und Büger deutlich überschätzt. Aber der Staat fühlt sich eben auch dazu berufen, das Sicherheitsgefühl der Menschen zu stärken, das durch eine überzogene Berichterstattung der Massenmedien über spektakuläre Kriminalitätsfälle immer wieder erschüttert wird.

Frage: Sie sagten in einem SPIEGEL-online-Interview 2001, dass Jugendgewalt ihren Nährboden vor allem in der sogenannten „Winner-Loser“-Kultur, in der Reich und Arm immer mehr auseinanderdriften. Die Einkommensschere ist in den letzten sieben Jahren noch weiter auseinander gegangen. Stehen Sie weiter zu Ihrer These, obwohl die Jugendkriminalität weiter zurückgegangen ist?

PFEIFFER: Ingesamt gesehen sinkt die Jugendkriminalität. Aber nach wie vor verzeichnen wir leider einen deutlichen Anstieg der Körperverletzungsdelikte. Neuerdings sind auch nach Jahren des Rückgangs die Tötungsdelikte nach oben gegangen. Und hinzu kommt, dass wir in solchen Gebieten, in denen die sozialen Gegensätze wachsen (wie etwa in München), auch generell eine Zunahme der Jugendgewalt verzeichnen können. Es gibt eben neben den Präventivfaktoren (Rückgang innerfamiliärer Gewalt, verbesserte Schulintegration von Migranten, höhere Anzeigequoten, Kultur des Hinschauens an den Schulen) den Belastungsfaktor, dass sich die Winner-Loser-Kultur immer stärker ausprägt. Die entscheidende Antwort auf diese Problematik liegt im Bildungssystem.

Frage: Sie plädieren in Ihrer neuesten Studie und zusammenfassend in einem TAZ-Interview konsequent fü Ganztagsschulen an den Nachmittagen. Sehen Sie Ihre Forderung durch die neue niedersächsische Regierung in der Bildungspolitik umgesetzt?

PFEIFFER: In Niedersachsen und in fast allen anderen Bundesländern erhöht sich schrittweise der Anteil der Ganztagsschulen. Das werte ich erst einmal als ein positives Signal in die richtige Richtung. Das Tempo der Veränderung müsste freilich erhöht werden. Vor allem unsere Erkenntnisse zum ausufernden Computerspielen der Jungen zeigen uns, dass wir mehr unternehmen müssen, die Nachmittage der Kinder und Jugendlichen zu retten und sie durch attraktive Inhalte, die sie an den Schulen kennen lernen, auch fü die Wochenenden und fü die Ferien besser im realen Leben zu verankern. Ein wachsender Anteil der männlichen Jugendlichen wächst regelrecht in Computerspielsucht hinein. Da düfen wir nicht länger passiv zusehen.

Frage: Sehen Sie in den umstrittenen Integrierten Gesamtschulen mit ihren pädagogischen Grundlagen einen wesentlichen Baustein zur Reduzierung der Jugendkriminalität?

PFEIFFER: Die Integrierten Gesamtschulen arbeiten nach einem Konzept, das sehr gut geeignet erscheint, sozial randständige Kinder und Jugendliche zu integrieren und gleichzeitig denen viel Leistungsmotivation zu vermitteln, die sich schulisch verbessern wollen und können. Wenn es dann noch gelingt, dort die Nachmittage optimal an dem Motto „Lust auf Leben wecken“ zu orientieren und die Hilfen fü diejenigen zu verstärken, die Unterstützung brauchen, sehe ich große Chancen, dass gerade die Integrierten Gesamtschulen eine zentrale Rolle bei der Prävention von Jugendkriminalität übernehmen können. Damit das gelingen kann, empfehle ich ferner, gerade in sozialen Brennpunkten von Großstädten die Freizeitheime und Jugendzentren zu schließen, deren Personal in die nächstgelegene IGS zu integrieren und diese dann zu einem Stadtteilzentrum auszubauen.

Wir danken Prof. Pfeiffer fü die umfassende Beantwortung der Fragen und empfehlen fü weiter Interessierte die einschlägige Studie.

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