„Ricarda Huch – Vorkämpferin der Nazis?“ Gegendarstellung zum BZ-Streitgespräch

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Am 10.7.2015 berichtete die Braunschweiger Zeitung auf Seite 9 über ein Streitgespräch zwischen Friedrich Walz (Oberstudienrat a. D. und Herausgeber der Broschüre „Ricarda Huch – die erste Frau im Dritten Reich“) und Gerd Biegel, Geschichts-Professor und Präsident der Ricarda-Huch-Gesellschaft. 

Beginn des Zeitungsartikels :

„Ricarda Huch – Vorkämpferin der Nazis?
Braunschweig –  Ein Privat-Forscher will Beweise gefunden haben. Professor Gerd Biegel spricht von „posthumem Rufmord“.

Von Martin Jasper

Die Braunschweiger Schriftstellerin und Historikerin Ricarda Huch (1864-1947) gilt als entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus. Der Oberstudienrat i. R. Friedrich Walz versucht beharrlich, das Gegenteil zu beweisen. In seiner Broschüre nennt er sie in Abwandlung eines Zitats von Thomas Mann „die Erste Frau im Dritten Reich“.“

(Abonnenten des E-Papers der BZ können den Artikel hier nachlesen: http://www.braunschweiger-zeitung.de/kultur/ricarda-huch-vorkaempferin-der-nazis-id1940081.html)

 

Friedrich Walz bat den b-s um die Veröffentlichung seiner ausführlichen Gegendarstellung.

 

Gegendarstellung zu Ricarda Huch – Vorkämpferin der Nazis?

In : BZ vom 10. Juli 2015, S. 09

James Skidmore hatte 1994 im Ricarda Huch-Studienband 5, herausgegeben im Auftrag der Ricarda Huch–Gesellschaft, festgestellt, dass Ricarda Huch eine „ultranationalistische Gesinnung“ hatte.

Ich habe dazu etliche Quellen und Literatur ausgewertet und konnte feststellen, dass Ricarda Huch sowohl nationalistisch als auch völkisch gedacht hatte. In meiner Studie, Ricarda Huch – die erste Frau im Dritten Reich, habe ich mit keinem Wort behauptet, dass Ricarda Huch eine Nationalsozialistin oder wie auch Herr Jasper meint eine Nazisse gewesen sei. Dies von beiden Herren zu behaupten, ist diffamierend und polemisch. Sie hatte in ihrem Bekannten-und Freundeskreis auch Nationalsozialisten, wie das Ehepaar Hoppe, Ina Seidel oder den Justizminister Franz Gürtner, was sie ausnutzte. Im Übrigen war ihr Bruder Rudolf Huch Mitglied der NSDAP. Ihre Freundin Else Hoppe war „nur“ Mitglied in der NS. Frauenschaft und nach Biegel damit eine „bekennende Nationalsozialistin“. Ricarda Huch trat nur in den NS-Schriftstellerverband ein und soll keine Nationalsozialistin gewesen sein. Else Hoppe hat auf „Anregung“ nicht im Auftrag ihrer Freundin Ricarda die erste Biografie geschrieben. Ricarda Huch und ihr Verleger haben keine Änderungswünsche geäußert, so dass es 1936 in Druck ging. Hier und an anderen Stellen kann man keine Instrumentalisierung durch Nazis erkennen.

Wenn Thomas Mann sie 1924 als „erste Frau deutschen Geistes“ titulierte, bezog er dies insbesondere auf ihren Ruhm, erste und beste Vertreterin der Konservativen Revolution zu sein, eine starke „präfaschistische“ Geistesströmung während der Weimarer Republik, die dazu beitrug, dass die schwarz-braune „Nationale Bewegung“ 1933 den Sieg errang. Schrieb doch Akademiepräsident von Schilling im April 1933 an RH, dass man nicht auf Persönlichkeiten wie Ricarda Huch verzichten könnte, „die schon längst auf die Gesinnung eingestellt sind, der die jetzige große Nationale Bewegung zum Siege verholfen hat.“ Thomas Mann bezeichnete den Nationalsozialismus als politische Wirklichkeit jener Konservativen Revolution. (Walz, RH S. 19) Die Universität München gratulierte ihrer Ehrenbürgerin 1934 zum 70. Geburtstag u.a. so: „ Als Künderin deutschen Menschentums haben Sie die geistige Erneuerung vorbereiten helfen, die sich in unseren Tagen zu vollziehen beginnt.“ (Walz, RH, S. 10)

1933 trat sie in den nationalsozialistischen Reichverband Deutscher Schriftsteller ein. Viele waren nicht, sie war besonders erwünscht. Als „Kameradin deutschen Schrifttums“ war sie bis Ende des „Dritten Reichs“ aktiv. „Wer durch Wort oder Tat, insbesondere durch Reden oder Schriften …. oder durch Einsetzen seines persönlichen Ansehens …. Wesentlich zur Begründung, Stärkung und Erhaltung der nationalistischen Gewaltherrschaft beigetragen hat, “ war nach der Alliierten Kontrolldirektive Nr. 38 möglicherweise eine gefährliche Deutsche.

Ihr Opportunismus kommt am Fall der Herausgabe des Geschichtslesebuches „Glaubensspaltung“ 1937 besonders zu Geltung. In einem Brief an ihren Verleger teilt sie ihm mit, er könne ändern so viel wie nötig oder sie würde umschreiben, was nötig wäre, um die Herausgabe nicht zu gefährden.

Ricarda Huch war zu keiner Zeit die alleinige Ernährerin für die Familie, wie Gerd Biegel behauptet, auch nicht während des Heimtückeverfahrens. Eine Rente bzw. einen Sold aus der Schiller-Stiftung hatte sie 1940 dankend abgelehnt. Erst als sie den Ehrensold von Goebbels über 30.000 RM und von der Stadt Braunschweig 10.000 RM zum 80. Geburtstag erhalten hatte, mag das so gewesen sein.

In ihrem 1934 erschienenen Geschichtslesebuch „Römisches Reich Deutscher Nation“, was auch in SS-Schulen eingesetzt wurde, schreibt sie zwei Kapitel „Die Juden“ sowie „Die Juden und der Wucher“. Sie wird deswegen von A. M. Köppen in Nationalsozialistische Monatshefte 1935 heftig kritisiert.1944 lobt die kulturpolitische Chefredakteurin Eva-Maria Wagner im Völkischen Beobachter einige glänzende Kapitel aus dem Buch. Vielleicht auch das aus „Karl der Große“: „Die Sachsen aber, die am meisten durch ihn gelitten hatten, trugen es ihm nicht nach; auch für sie war er der Urquell alles Guten und Großen im Reich, das Urbild eines germanischen Heldenkaisers.“

 

Ich habe an keiner Stelle in meiner Dokumentation geschrieben, dass sie „eine glühende Antisemitin“ gewesen wäre (Biegel in BZ vom 10. Juli 2015, S. 09).

Am 14. September 1930 schrieb sie an ihre Freundin, dass die ganze Familie wählen gegangen ist und alle drei die Deutsche Staatspartei gewählt haben. Vor der Reichstagswahl 1930 (14. September 1930) vereinigte sich die DDP mit der Volksnationalen Reichsvereinigung, die zum nationalistischen und antisemitischen Jungdeutschen Orden gehörte, zur Staatspartei. „Mit den Jungkonservativen verband sie insbesondere die Forderung nach einer lebensphilosophisch maskierten Wiederverchristlichung des Reiches und einer erneuerten (national kollektivierten) Persönlichkeitskultur.“ (Claudia Bruns 2000)

Auch in Bakunin und die Anarchie lässt sie ihren Antisemitismus erkennen, wenn sie Bakunin sagen lässt: „Diese ganze jüdische Welt, die eine einzige ausbeuterische Sekte bildet, eine Art Blutsaugervolk, einen zehrenden Kollektivparasiten, der in sich organisch ist, nicht nur über die Grenzen der Staaten, sondern gar über alle Unterschiede der politischen Meinungen hinweg, diese Welt ist jetzt, wenigstens zum größten Teil, zur Verfügung von Marx auf der einen der Rothschild auf der anderen Seite.“ „Eine Persönlichkeit [wie Bakunin] , in der Ricarda Huch so weitgehend eigene Idealvorstellungen vom Wesen des Menschen verwirklicht fand, muß ihr naturgemäß auch Lebensgefühl und Weltanschauung nahe verwandt sein,“ so ihre Freundin Else Hoppe in RH 1936. In ihrer Personalakte der Reichsschriftumskammer wird dieses Buch u. a. als bedeutende Veröffentlichung erwähnt.

Ihre Reichsidee war auch mit Blut und Boden verknüpft: 1929 schlug sie August Vinnigs Buch Das Reich als Republik für gymnasiale Oberstufen vor. Das 1. Kapitel beginnt mit dem Leitsatz: „Blut und Boden sind das Schicksal der Völker“. Es gab Protest vom „Vorwärts“. RH verteidigte ihren Buchvorschlag. Sie hätte das Buch mit warmer Zustimmung gelesen. Es gehe aus ehrenhafter Gesinnung und geradem, volkstümlichen Gefühl hervor…“.

 

Ricarda und Europa: In ihrem Vortrag „Deutsche Tradition“ trägt sie 1931 u. a. Folgendes vor: „Der Freiherr vom Stein war der erste, der den Freiheitsgedanken der Dichtung mit einem kühnen Schritt aus dem Reich der Idee in der Wirklichkeit hinüberschwang, und zwar, soweit das möglich war, im Sinne der Tradition – eine uranfängliche deutsche Freiheit [?] – die der Freiheit und Gleichheit der Französischen Revolution so ganz entgegengesetzt war. … Unter Reichsbewußtsein oder Reichsgefühl verstehe ich das Bewußtsein dem Reich anzugehören, das die Mitte Europas bildet, das verschiedene in sich aufgenommen hat und in andere sich ohne deutliche Grenze hinein erstreckt, und das deshalb und als Mitte die Aufgabe hat, Europa zu vereinigen. … Ich glaube, daß ein solches deutsches Reichsbewußtsein besser als Europäischer Geist und Völkerbund den Frieden wahren könnte, soweit das möglich ist.“

Innerhalb von 10 Jahren setzte die braunschwarze Volksgemeinschaft im Eilschritt um, was die bewährten Meister deutscher Dichtkunst ersonnen hatten. Im November 1941 hatten die Deutschen ihr Ziel erreicht: „Militärisch unangreifbar und wirtschaftlich gesichert können wir unseren Erdteil politisch organisieren als ob Frieden wäre … Tatsächlich aber könnte Europa heute, wenn es sein müsste, einen dreißigjährigen Krieg führen, ohne daß unser Kontinent dadurch jemals in ernste Gefahr geraten würde. Mit der zunehmenden Einigkeit und Geschlossenheit der Völker wird unser Kontinent ein immer stärkerer Faktor gegen jeden, des wagt Europa anzugreifen.“ (aus Rede des Außenministers Ribbentrop, Europa erstmals in seiner Geschichte geeint, in: Krakauer Zeitung vom 27. Nov. 1941, S.2 bis 3).

 

Nach dem Attentat auf den „Messias der Deutschen“ –politischer, militärischer und religiöser Führer und höchster Richter in Einem im seinem „Dritten Reich“ – war die als „entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus“ geltende Ricarda Huch „tief erschüttert.“ (Huch an Baum 1944).

Die Braunschweiger Nationalsozialisten unter Führung von ihrer Freundin Else Hoppe setzten sich bei den Ministern Goebbels, Rust und Gauleiter Lauterbacher für die Vergabe eines „Wilhelm-Raabe-Preises“ 1944 vehement ein, den sie als erste Frau in Deutschland mit 10.000 RM von der Stadt Braunschweig erhielt. Gauleiter Lauterbacher genehmigte die Umbenennung einer Mädchenoberschule in Braunschweig 1944 nach einer auch mal Lehrerin gewesenen Ricarda Huch. Wurde sie hier wieder instrumentalisiert?

Der immer wieder von den Biographen zitierte Thomas Mann bekannte sich 1945 öffentlich in Warum ich nicht nach Deutschland zurückkehre u. a. wie folgt: „Es mag Aberglaube sein, aber in meinen Augen sind Bücher, die von 1933 bis 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen. Ein Geruch von Blut und Schande haftet ihnen an; sie sollten alle eingestampft werden. Die meisten Bücher wurden dann auch bald auf Anweisung der Alliierten Militärverwaltungen aus den Schulbibliotheken entfernt. Sie wich einem Streitgespräch mit Thomas Mann 1947 aus, wo sie begründen sollte, warum sie in Deutschland geblieben ist und sich für Hitler in den Dienst gestellt hatte. Die Forschung wartet auf die Freigabe des Geburtstagstelegramms von Hitler an sie in 1944, dass sich im Besitz ihres Urenkels befindet bzw. dieser den Inhalt kennt und damit bekannt wird.

Braunschweig, 12.07.2015

Friedrich Walz

Die Broschüre „Ricarda Huch – die erste Frau im Dritten Reich“ ist in den Braunschweiger Buchhandlungen Pfankuch (Burgpassage) und Goeritz (Breite Str.) erhältlich.

 Leserbrief an die BZ

 


Kommentare   
 
0 #3 K. Eckhardt 2015-07-18 12:10
1) Wer hat was über wen wann gesagt, wer kuschelt wo mit wem? – die Perspektive des Boulevardjourna lismus und des „Klatsch“, die aufschlussreich sein kann. Für die Schriftstelleri n Riccarda Huch kann aber am Ende nur wichtig sein: Was hat sie selbst geschrieben?

2) Antisemitismus: ein kompromittieren der Satz findet sich von ihr Bakunin in den Mund gelegt. Bakunin war Panslawist, Huch wäre eher Pangermanistin. Bakunin war Anarchist, Huch wäre mit ihrer Vorliebe für die „Ordo“-Welt des Mittelalters schon eher Ordnungsfetisti schin. Klatsch: „Frau Huch kuschelt im Geiste mit Herrn Bakunin?“ – Wohl kaum.

3) Zwei Aufsätze betitelt „Die Juden“ und „Die Juden und der Wucher“ müssen verdächtig machen. Wenn sich dort aber keine unmissverständl ich antisemitischen Aussagen finden, war R. Huch kaum Antisemitin. Wo sind solche Aussagen?

4) Belegt ist doch wohl immerhin: R. Huch war keine entschiedene Gegnerin des NS-Regimes. Aber geht es nur darum?

 
+2 #2 Interessierter 2015-07-17 23:25
Hallo Herr Walz, mich würde interessieren: Warum haben Sie – nachdem extra zur Darstellung Ihrer Position ein Streitgespräch mit Herrn Biegel für die „Braunschweiger Zeitung“ anberaumt wurde – die Autorisierung verweigert? Einen souveränen Eindruck macht das nicht…

 
+2 #1 Ricardo Hoch 2015-07-17 16:02
Die BZ berichtete am 10.7. dass sie die beiden Historiker zu einem Streitgespräch eingeladen hat, Herr Walz danach aber keine einzige Passage freigegeben hat. Ich finde er hatte seine Chance, nicht jeder bekommt ein solch prominentes Forum. Da er das nicht genutzt hat, kann ich auf weitere Richtigstellung en verzichten.

 
 

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