„New York(er) City“

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Es gab mal eine kleine Provinzstadt, nicht ganz so bedeutend wie jene Stadt, die einige „New Babylon“ oder „Big Apple“ nannten. In dieser Stadt siedelte sich eines Tages ein größeres Unternehmen aus dem Norden des Landes an, just wenige Monate nachdem ein neuer Oberbürgermeister die Geschicke der Stadt für viele, viele Jahre leiten sollte. Dieses Unternehmen war überaus erfolgreich. Es expandierte dank einer klugen Geschäftspolitik und vieler fleißiger Hände, insbesondere in fernen Ländern. Schon bald wuchs es zu einem Unternehmen von internationalem Format.

Aus unerfindlichen Gründen verfügte das Unternehmen über ganz viel Geld, das es unbedingt in Immobilien anlegen wollte oder musste. Und da es im Immobilienbereich offensichtlich keine bessere Anlagemöglichkeit gab, als großflächig Häuser in der kleinen Provinzstadt aufzukaufen, wurden dort gleich blöckeweise Häuser gekauft. Diese wurden nämlich verramscht, weil keiner der alten Besitzer mehr so recht etwas mit ihnen anzufangen wusste. So war man froh, dass man endlich einen Käufer fand.

Kurz zuvor war nämlich ein Palast gebaut worden. Ein lang gehegter Traum alter Granden der Stadt wurde Wirklichkeit. Jetzt war man wieder wer, nicht länger eine kleine, unbedeutende Provinzstadt, sondern eine Stadt, auf die die Welt wieder schaute. Vielleicht nicht ganz so wie auf jene Stadt jenseits des „Großen Teichs“, aber doch schon ein bisschen. Der Palast in der mittlerweile zur Provinzmetropole aufgestiegenen Stadt war wohl etwas groß geraten, nicht zuletzt deshalb, weil die Geschäfte der alten Stadt – wie dies ja schon bei den früheren Palästen üblich war – zu einem großen Teil in dem Gebäude Platz finden sollten. Aber das machte ja nichts, weil es jenes kluge und aufstrebende Unternehmen gab, das den alten Hausbesitzern freundlicherweise ihre alten Häuser abkaufte. Viele dieser in die Jahre gekommenen Häuser erhielten ihren alten oder neuen Glanz zurück und wurden somit zu Rettungsankern für die akut gefährdete alte Stadt, die wegen der Größe des Palastes und den darin befindlichen Geschäften nicht mehr ganz so interessant war wie zuvor. Dank des klugen und weitsichtigen Unternehmers von internationalem Format gab es nun aber Gott sei Dank einen Ruck im alten Teil der Provinzstadt und fortan sollte sie so schön werden wie niemals zuvor.

Jener Unternehmer spendete großzügig für Bedürftigte und unterstützte ebenso großzügig zwei Sportvereine, die den Namen der Stadt (und seines Unternehmens) im ganzen Land bekannt machten. Dennoch gab es ein paar Nörgler, die sich daran störten, dass ein kleiner öffentlicher Park, der den Bewohnern als Grün- und Erholungsfläche diente, an diesen verdienten Mäzen der Stadt verkauft werden sollte, weil dieser eine neu erworbene schöne Villa mit einem ebenso schönen Park versehen wollte. Da kam es zu einem Mini-Aufstand der Bürger, weil diese wie so oft in dieser Stadt wieder einmal nicht von ihrem Stadtoberhaupt befragt wurden, was sie von dieser Sache hielten. Sogar Parteifreunde des Bürgermeisters sahen darin ein Problem, wenn der öffentliche Park an eine Privatperson verkauft würde und dieser den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt somit nicht länger zur Verfügung stünde. Das war natürlich dumm von ihnen, denn sie kannten ja ihren Bürgermeister und hatten diesen vermutlich auch gewählt. Warum sollte er in dieser Sache die Bürgerinnen und Bürger oder deren Vertreter fragen, wenn er dies auch in der Vergangenheit nicht gemacht hatte. Dies hätte sicherlich nur zu langwierigen Debatten geführt und den Unternehmer verschreckt. Im Big Business ist Zeit nun einmal Geld, da muss man eben handeln.

Der Bürgermeister, der berühmt war für seine pragmatische Politik, war derlei Aufstand nicht gewöhnt. In der Vergangenheit konnte er schalten und walten, ohne dabei in der Provinzstadt auf ernsthaften Widerstand zu stoßen. Im Gegenteil: die Bürgerinnen und Bürger wählten ihn wieder, weil sie nicht bemerkten, dass er sie die ganze Zeit an der Nase herumführte. Er verkaufte das Tafelsilber und ließ die Bürgerinnen und Bürger über Gebühren und Beiträge die Schuldenberge abtragen und machte die Stadt so (beinahe) schuldenfrei. Lediglich als für den Bau des Palastes ein paar hundert Bäume gefällt wurden, regte sich erstzunehmender Widerstand. Dank seiner guten Pressekontakte konnte dieses Problem jedoch schon bald behoben werden. Aus den Erfahrungen wurde schnell gelernt: Damit derlei Fehler nicht wieder auftraten, sollte fortan jeden Tag mindestens eine Meldung den Fleiß des Bürgermeisters rühmen und den Menschen der Stadt vor Augen halten, welch glückliches Volk sie doch seien. Auch das Glück, Heimatstadt jenes Unternehmens von internationalem Format zu sein, wurde fortan gepriesen. Und siehe da: auch die Zeitung der Stadt prosperierte.

So wurde die Stadt zu einem Musterbeispiel für eine sogenannte „WIN-WIN-Situation“ zwischen Privatwirtschaft und oberstem Stadtrepräsentanten: ganz so wie in jener fernen Stadt in jenem fernen Land jenseits des großen Teichs. Sollte die Bevölkerung eines Tages merken, dass sie selbst in diesem Spiel um Dollars oder Euros keine Rolle spielte, höchstens als Zahlesel?

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