Polen, Russland und der Streit über Schuld

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Torhaus des Vernichtungslages Auschwitz-Birkenau. Foto: Diego Delso, delso.photo, Lizenz CC-BY-SA 4.0

Am 75. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung zeigt sich einmal mehr, wie Gedenken zur eigenen Legitimation herangezogen wird

Lutz Herden in „der Freitag

Die Regierungen in Warschau und Moskau gehen sich entschlossen aus dem Weg, wird an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren erinnert. Präsident Putin reist nicht zur Gedenkfeier in Polen, weil die dortige Führung der Sowjetunion vorwirft, durch den Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 den Zweiten Weltkrieg (und so den Massenmord an den Juden?) mit verschuldet zu haben. Präsident Duda verweigert den gemeinsamen Auftritt im israelischen Yad Vashem, weil ihm keine Redezeit zugestanden ist – Wladimir Putin dagegen schon.

Was Warschau besonders erzürnt, ist eine Äußerung des russischen Präsidenten, wonach die polnischen Autoritäten 1939 für ihren Untergang mitverantwortlich und zudem antisemitisch gewesen seien. Dass die Rote Armee nach dem deutschen Überfall in Ostpolen einrückte, habe Juden das Leben gerettet. Für das nationalhistorische Narrativ der regierenden PiS ein Sakrileg sondergleichen. Bekanntlich bestreitet sie jede polnische Mitschuld am Holocaust – als hätte es das Massaker von Jedwabne am 10. Juli 1941 nicht gegeben, bei dem 340 jüdische Einwohner durch polnische Bürger unter Aufsicht deutscher Besatzer gelyncht wurden. Ja, Polen haben Juden versteckt und dafür mit dem Leben bezahlt, und Polen haben Juden nicht geschützt, nicht schützen können, manchmal verraten. Diese Wahrheit nicht anzunehmen, ist so absurd wie die jahrelange Behauptung sowjetischer Führer, es habe zum Hitler-Stalin-Pakt kein geheimes Zusatzprotokoll gegeben.

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