Kriegspropaganda – auch in Demokratien nicht unüblich / Fall Nr.2

0
Fotos: pixabay (1), wikipedia (2)

Über russische oder chinesische Propaganda erfahren wir in unseren Leitmedien fast täglich etwas. Kaum jemand würde hierzulande eine Äußerung führender russischer Politiker anders wahrnehmen als Propaganda. Zugleich aber wird in unseren Medien der Eindruck erweckt, als sei die westliche Berichterstattung  fern von jeder Einseitigkeit, ausgewogen, faktenbasiert und zugleich werteorientiert, wobei man an Menschenrechte, Freiheit, Demokratie denkt. Was hierzulande kaum diskutiert wird, ist die Tatsache, dass Strategien der Desinformation, Destabilisierung politischer Systeme, Informationsfilterung und Manipulation schon seit Jahrzehnten zum Werkzeugkoffer aller Staaten gehören, insbesondere der Großmächte wie Russland, China oder USA. Der Whistleblower Edward Snowden hat enthüllt, wie systematisch die USA über ihren Geheimdienst NSA alle Quellen des Internet und der privaten Netzwerke in Politik und Wirtschaft ausforschen, bekanntermaßen auch das Handy von Angela Merkel, um ihre globale Vorherrschaft abzusichern. Demselben Zweck dienen auch zahlreiche Propagandamethoden, wie sie in Kriegen des 20. und 21. Jahrhunderts erfolgreich verwendet wurden. Aber das Wort „Propaganda“ verwendet man nur beim bösen Gegner, nicht bei den eigenen Versuchen, das widerspenstige Volk vom richtigen Kurs zu „überzeugen“.

Das soll an einer Reihe von Beispielen gezeigt werden. Wir fahren fort mit dem

Fall 2: Der Tonkin-Zwischenfall im Vietnam – Krieg (1964)

Der Tonkin – Zwischenfall (August 1964)

Die USA engagierten sich im Vietnamkrieg auf Seite des südvietnamesischen Regimes gegen die nationale Front zur Befreiung Südvietnams. Als sich die militärische Lage für die USA verschlechterte, überlegte der amerikanische Präsident, wie die USA dem entgegenwirken könne – etwa durch Eskalation des Kampfes gegen Nordvietnam, das die Befreiungsfront unterstützte. Die Aussicht, in einen großen Krieg in Südostasien geraten zu können, war allerdings im amerikanischen Volk nicht sehr populär. Zudem benötigte der Präsident ein Mandat vom amerikanischen Kongress, ohne dessen Unterstützung sich der Krieg kaum ausweiten ließ.

In dieser Situation erhielt die amerikanische Regierung die Meldung, dass die USS Maddox, ein amerikanischer Zerstörer, im Golf von Tonkin von nordvietnamesischen Patrouillenbooten angegriffen worden sei. Tags darauf ließ Präsident Johnson erste Angriffe auf nordvietnamesische Marinestützpunkte fliegen. Kurz zuvor hatte er die Angriffe in einer Fernsehansprache an sein Volk angekündigt: die USA würden nur das Recht der Verteidigung gegen unprovozierte Angriffe der Nordvietnamesen wahrnehmen. Nur drei Tage später konnte Johnson im Kongress die Tonkin-Resolution durchsetzen, die die erwünschten Vollmachten brachte und die Entsendung von Truppen legalisierte, um für die „Verteidigung der Freiheit“ zu sorgen (das Repräsentantenhaus stimmte mit 416 zu 0 Stimmen zu, der Senat mit 88 zu 2).

Pentagonpapiere: Es gab keinen Angriff!

Sieben Jahre später deckte Daniel Ellsberg, ein Mitarbeiter des Pentagon, auf, dass die amtliche Darstellung des Zwischenfalls im Golf von Tonkin eine bewusste Falschinformation gewesen war: es hatte gar keinen Angriff der Nordvietnamesen gegeben! Tatsächlich hatte der Kapitän der Maddox schon Stunden nach dem Angriff mitgeteilt, es gebe gute Gründe zu bezweifeln, ob es tatsächlich einen Angriff gegeben hätte. Präsident Johnson setzte daraufhin seinen Verteidigungsminister McNamara unter Druck, eine Bestätigung für den Zwischenfall zu finden. Der nationale Sicherheitsberater Bundy sprach aber schon einen Tag später davon, dass man über weniger Beweise für einen Angriff verfüge „als gestern“; sein Stellvertreter Rostow erklärte bei einem offiziellen Mittagessen im Außenministerium, es erscheine „unwahrscheinlich, dass es einen Angriff … am 4. August gegeben hat“.  Trotzdem wies Johnson seinen Verteidigungsminister an, das Parlament über den angeblichen Angriff zu unterrichten und dabei besonders zu betonen, dass die Nordvietnamesen zuerst angegriffen hätten.  

Ab März 1965, wenige Monate nach der Präsidentenwahl, wurden immer mehr amerikanische Bodentruppen nach Vietnam entsandt. Nordvietnam wurde über Jahre massiv und systematisch bombardiert: Wissenschaftler schätzen, dass dabei zwei- bis dreimal mehr Bombenmunition eingesetzt wurde als insgesamt im Zweiten Weltkrieg, auch Splitterbomben, Napalm und das gefürchtete Mittel Agent Orange wurden verwendet. Als der Krieg 1975 endgültig beendet wurde, bewegte sich die Schätzungen der Zahl getöteter Vietnamesen zwischen 1,3 Millionen und 3 Millionen, darunter viele Zivilisten. 58.220 amerikanische Soldaten fielen in Vietnam. Der Krieg entwickelte sich auch für die USA trotz ständig gesteigerter Waffenlieferungen und Truppenzahlen zum Desaster.

Propaganda wirkt – und ist nicht leicht zu durchschauen

Eine Lüge sorgte also dafür, dass das amerikanische Volk und dessen Parlament einen Krieg unterstützten, der sehr viel Leid und Elend verursachte.

Versetzen wir uns in die Menschen der damaligen Zeit: Hatten sie eine Chance, die Propaganda der amerikanischen Regierung zu durchschauen? Immerhin hatten hochrangige Militärs, der Geheimdienst NSA und nicht zuletzt der Präsident von „absolut eindeutigen Beweisen“ gesprochen. Und: selbst die unabhängigsten, kritischsten Medien konnten die staatlichen Angaben nicht selber überprüfen. Und wenn das eigene Land angegriffen wird, und sei es auch nur in Gestalt eines Kriegsschiffes, gibt es bei Vielen sofort den Reflex „Das können wir uns nicht gefallen lassen, da muss man sich doch wehren!“

In diesem Fall lässt sich im Nachhinein klar erkennen, dass von einem demokratisch gewählten Präsidenten bewusst Propaganda eingesetzt wurde – und zwar sehr erfolgreich! Es dauerte sieben Jahre (und sehr viele Tote), bis das öffentlich bekannt wurde.- Verglichen mit dem Nachweis im Nachhinein ist es natürlich ungleich schwieriger, eine Meldung oder einen Bericht in der Gegenwart als Propaganda zu erkennen (oder auch nur zu vermuten).

Verwendete Quellen: Wikipedia: „Tonkin-Zwischenfall“ und „Vietnamkrieg“; John Mearsheimer: „Lüge! Vom Wert der Unwahrheit“. New York 2011, S. 61 – 63

Hier geht es zum ersten Fall

Möchten Sie den Artikel kommentieren

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.