Gedenkstätte Schillstraße: Erinnerungskultur ohne Ausgrenzung und Auftrittsverbot

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Gedenkstätte Schillstraße. Hier finden auch die jährlichen Gedenkfeiern zum 8. Mai, dem Tag der Befreiung, statt. Foto: Hans-Georg Dempewolf

Gedenkstätten waren schon immer Arenen erinnerungspolitischer Konflikte. Darauf müssen GedenkstättenleiterInnen vorbereitet sein. Das gilt auch für die Gedenkstätte in der Schillstraße. Die Konfliktlinien, die sich schon über Jahre hinziehen, handeln von schriftlichen Angriffen von außen, Ausgrenzung und Auftrittsverbot.

Mit der Übertragung der kommunalen Verantwortung der Gedenkstätte Schillstraße auf den „Verein Andere Geschichte“ kommt auf die Vereinsführung eine besondere Dimension der Verantwortung für die Zivilgesellschaft zu. Es ist an der Zeit, dass diese erkannt und umgesetzt wird.

Zur Notwendigkeit einer engagierten Zivilgesellschaft

Zweifellos richtig ist, dass bürgerschaftlich getragenes Engagement, also das der Zivilgesellschaft, eine entscheidende, nicht zu unterschätzende Bedeutung für die aktive Gedenkstättenkultur hat. „Ohne aktive Zivilgesellschaft gäbe es keine NS-Gedenkstätten“ (Stiftung Nds. Gedenkstätten, Webseite). Wie wahr! Das trifft insbesondere auch auf die Gedenkstätte Schillstraße und auch auf die Gedenkstätte in Wolfenbüttel zu. Bestimmte Vorkommnisse, die von der Vereinsführung ausgehen, und nicht von der Geschäftsstelle, erwecken nun Zweifel, ob die Verantwortlichen dieser Aufgabe umfassend gerecht werden. 

Die Recherche zum Kommunikationsdebakel

Die Grünen luden zum 76. Gedenktag der Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 2021, zu einer Online-Lesung mit dem Wolfenbütteler Autor und Erinnerer Jürgen Kumlehn ein. Vorgelesen werden sollte aus dem Buch „Jüdische Familien in Wolfenbüttel, Band II“.  Bevor die Lesung begann, sagte Kumlehn so nebenbei, dass er in der Schillstraße aus demselben Buch nicht lesen durfte, dass eine Einladung zur Lesung widerrufen wurde. Im Chat fragte ich ihn warum dem so sei, worauf er antwortete, dass er keine Begründung bekommen habe. Eigentlich hätte ich mir diese Frage sparen können, denn Kumlehn hatte den skandalösen Vorfall bereits am 23.02.2020 im Braunschweig-Spiegel veröffentlicht.

Die Redaktion des Braunschweig-Spiegel.de recherchierte nach den Gründen der Absage zuerst bei der Geschäftsführung des Vereins und dann bei der Vereinsvorsitzenden Frau Staats nach, zumal der Historiker und Geschäftsführer der Gedenkstätte Schillstraße, Herr Ehrhardt, in einem Brief an Herrn Kumlehn bestätigt hatte, dass das Buch „Jüdische Geschichten in Wolfenbüttel, Band II“ hervorragend sei und Herr Ehrhardt um eine Lesung gebeten hatte.

Aufgrund dieser Sachlage stellte der Braunschweig-Spiegel im Rahmen einer Recherche folgende Fragen an Herrn Ehrhardt und Frau Staats:

1. Wollte Herr Kumlehn aus dem Buch „Jüdische Familien in Wolfenbüttel“ in der Schillstraße vortragen, und hat auch angefragt? (Der Fragesteller hat erst später erfahren, dass Kumlehn von der Gedenkstätte gebeten wurde die Buchlesung durchzuführen).

2. Durfte Herr Kumlehn nicht vortragen?

3. Wer hat es nicht erlaubt?

4. Warum wurde es nicht erlaubt?

5. Warum wurden ihm keine Gründe genannt?

6. Wer hat von der Ablehnung noch gewusst?

Wenn in der zentralen Gedenkstätte der Stadt Braunschweig, in der Schillstraße, vom Autor ein Buch zur Judenverfolgung in Wolfenbüttel nicht gelesen werden darf, dann ist das Ausgrenzung des Autors, Missachtung einer wichtigen ortshistorischen Leistung und eine gravierend abschätzige Verfehlung gegenüber dem verfolgten jüdische Widerstandskämpfer und Mitbürger Werner Ilberg.

Zwei Wochen später kam folgende gemeinsame Antwort von Herrn Ehrhardt und Frau Staats.

Hallo Herr Meier,

ihre Anfragen an mich und Frau Staats sind hier eingetroffen.

Ich wundere mich, dass Jürgen Kumlehn sich an die Gründe für die Veranstaltungsabsage, die ich ihm benannt habe, nicht erinnern kann. Absagen von Veranstaltungen aus unterschiedlichen Gründen kommen hin- und wieder vor. Wir sehen keine Veranlassung, diese im Einzelfall öffentlich zu kommentieren.

Herr Kumlehn führt nun seit über einem Jahr eine Kampagne mit Briefen an Behörden und Kommunalvertreter, mit öffentlichen Erklärungen und verteilten Flugblättern. Er hat dabei wiederholt Mitglieder des Arbeitskreis Andere Geschichte persönlich angegriffen. Wir haben nicht vor, uns auf diese Form von Auseinandersetzung einzulassen.

 Mit freundlichen Grüßen

Frank Ehrhardt

Was für ein Antwortbrief der kommunikativen Inkompetenz einem Medium gegenüber! Auf die Fragen des B-S wird nicht eingegangen, aber stattdessen die Beantwortung auf Herrn Kumlehn geschoben. Dann der arrogante Hinweis, dass es keine Veranlassung gibt zu kommentieren.

Es deutet sich an, dass Herr Kumlehn zu harschen Reaktionen neigt, wenn er Kritik anzubringen hat. Das entschuldigt die Verantwortlichen der Schillstraße jedoch nicht, deshalb den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und Herrn Kumlehn das Wort zu verbieten und zwar für eine Lesung seiner von mehreren Seiten gut bewerteten Monographie. Bezugnehmend auf die Aufgaben des Vereins erscheint das Verhalten der Verantwortlichen wenig verantwortungsvoll, ja kleinlich. Dass der gesamte Vorgang für die Verfasser des Antwortbriefs vermutlich unangenehm ist und sie sich deshalb nicht detaillierter äußern, ist allerdings nachvollziehbar.

Aber genau hier muss es ein offenes Miteinander mit der engagierten Zivilgesellschaft geben. Sich auf autoritäre Positionen qua Amt zurückzuziehen, kann nicht förderlich für eine engagierte Arbeit des gesamten Vereins und weiterer Interessierter sein. Die Redaktion des Braunschweig-Spiegels schlägt deshalb vor, zeitnah gemeinsam mit dem „Verein Andere Geschichte“ eine Lesung mit Herrn Kumlehn mit anschließender Diskussion unter Moderation des Braunschweig-Spiegels durchzuführen. Wir würden das Format Videokonferenz vorschlagen.

Grundsätzlich: Personen, die in der Öffentlichkeit stehen und auch Organisationen die Aufgaben aus Behörden übernommen haben, zumal in gesellschaftskritischen Konfliktfeldern, haben kritische Briefe mit Vorwürfen und sogar auch wütende Meinungsäußerungen, allerdings keine persönlichen Beleidigungen, auszuhalten. Sie haben höflich jeden Brief zu beantworten. Auch wenn es gelegentlich schwerfällt. Das nennt man „professionelles Antwortmanage-ment“.

Es ist völlig normal, dass es in einer großen Zivilgesellschaft Akteure gibt, die nicht unbedingt bescheiden und korrekt zurückhaltend auftreten, sondern fordernd, wissend und vielleicht auch manchmal über das Ziel hinausschießend. Aber auch mit denen hat eine verantwortliche Organisation mit wichtigen politischen Aufgaben zu kooperieren.

Wege aus dem Dilemma

Um es kurz zu machen: Der in Rede stehende Verein mit seiner verantwortlichen Spitze ist nicht bereit die Fragen der Redaktion zu beantworten. Er zeigt, dass er nicht Willens ist, mit Medien zusammen zu arbeiten. Dieser Eindruck kann falsch sein. Um diesem Eindruck entgegen zu wirken sollten kooperative Wege gefunden werden.

Wo soll dieses Kommunikationsdesaster sonst enden? Sicher gibt es nach Ausgrenzung und Nichtbeantwortung von Briefen noch Steigerungen. Wollen wir das? Damit ist niemandem gedient – außer vielleicht den Rechtsextremen.

Eine Gedenkstätte, die ernst genommen werden will in ihren Anliegen, muss aktiv sein gegen rechtsextremistische Umtriebe. Viele BürgerInnen helfen dabei und werden es auch in Zukunft tun. Doch dafür brauchen wir auch eine politisch denkende und aktive Gedenkstätte, die kommunikationsfähig ist und nicht um die historische Wahrheit ringende verdiente Bürger ausgrenzt. Das kennt man in Deutschland, und man weiß wohin das führt.

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