Ferdinand von Schirach zelebriert das neue Biedermeier der deutschen Dichtkunst

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Autor Ferdinand von Schirach (rechts) im Staatstheater Braunschweig beim Interview mit Alexander Kohlmann. Alle Fotos: Klaus Knodt

Bloss nicht zu laut, bloss nicht zu aufdringlich, bloss nicht zu schrill. Wenn Ferdinand von Schirach die Bühne des Staatstheaters Braunschweig betritt, dann geschieht das unprätentiös und beiläufig; ja es ist schon fast peinlich, wenn es überhaupt bemerkt wird. Im mausgrauen Anzug steht er plötzlich hinter dem erdgrauen Pult vor schwarzem Hintergrund und begrüßt das Publikum im ausverkauften Großen Haus artig: „Guten Abend, ich beglückwünsche Sie zum Verbleib in der Dritten Liga…“ Als wenn die Korrelation „Braunschweig“ und „Drittligist“ ein Kompliment wäre. Aber dahinter steckt Methode.

Fernere Welten als zwischen dem blau-gelben Nachmittagspublikum an der Hamburger Straße und dem Auditorium des Lesungsabends sind ohnehin kaum vorstellbar. Manche Dame trägt mehr echte Perlen an der Halskette, als die Eintracht Punkte sammelte. Und überhaupt: So viele Herren im Anzug, so viele Damen in Robe und so viele junge Damen im Kleinen Schwarzen sieht ein ausverkauftes Theater selbst bei Opernpremieren selten. Da eint Einer offenbar Sehnsüchte, die auf Handelskammer-Hauptversammlungen und liberalen Liederabenden nicht befriedigt werden.

Da eine große Braunschweiger Buchhandlung die Lesung freundlich unterstützt, muss von Schirach erstmal Werbung für sein neues Buch „Kaffee und Zigaretten“ machen. „Nein, es ist kein Ernährungsratgeber“, scherzt er harmlos los; aber es sei immer noch erträglicher als der Bestsellerlistenstürmer „Abnehmen mit Kuchen“. Erste Lacher und braver Applaus. Folgt noch ein abgelutschter Witz über die großen Drei in Jalta, bis es Ernst wird: Ferdinand von Schirach liest. Aus seinem eigenen Werk. Eine Erzählung aus dem Bayern vergangener Tage, in dem sich ein Neunjähriger vor seinen Tanten ekelt („die eine roch nach Maiglöckchen, die andere nach Lavendel und Schweiß“) und dann ins Jesuitenkloster muss.

Der Autor als (Unterschreib)-Maschine: Zahlreiche Fans wollten in ihrem neu erworbenen Buch ein Autogramm von Ferdinand von Schirach.

Da wird er aber nicht missbraucht. Sondern mit dem Tod seines Paters konfrontiert, muss „im täglichen Wechsel Zuckerkekse und salzige Teigtaschen“ verspeisen, den ersten (freiwilligen und lustlosen) Sex erdulden und feststellen, dass „die Welt nicht mehr scharfkantig, sondern am Verblassen“ ist. Wie das ein (mittlerweile) 18-Jähriger halt so tut.

Böll war politisch, Grass war aufrührerisch, Lenz war so deftig wie Suleiken. Ferdinand von Schirach ist grottenschlecht. Weil er keine Dialoge schreiben kann, verliert er sich in der nachgeeiferten Kunst der Betrachtung à la Proust. Und weil ihm Thomas Mann alle Themen der spiessbürgerlichen Selbstreflexion weggeschnappt hat, verlegt er sich auf ein arrogantes Bildungsbürgerüberlegenheitstum: „Warum ich nicht auf Parties gehe“, „Was ist Zeit“, „Unsere westlichen Werte sind falsch“ zählen zum beliebigen Strauß seiner Themen. Natürlich weiß er auch Schulwissen zum Gang König Heinrichs IV. nach Canossa zu vermitteln, geißelt das Angebot von 146 verschiedenen Joghurts im Supermarkt und zitiert, na klar, Immanuel Kant. Dass jedem einzelnen Bürger seine eigenen Daten gehören und Europa sich am Maßstab der Menschenwürde messen lassen soll, ist des ehemaligen Anwalts Dichterherz ausserdem noch zutiefstes Anliegen. Nur von Einstein hat er offenbar keine Ahnung, gottlob.

Ein elendes Sammelsurium attitüder Plattitüden (oder plattitüder Attitüden). So geistreich wie der letzte Witz von den Drei Nonnen und so knapp ein bisschen flüssiger geschrieben als Brecht. Man darf von Schirach unterstellen, dass es ihm an wesentlichen Stilmitteln der literarischen Vermittlung ermangelt und zudem, und das ist das Schlimmste, an irgendeinem Sujet. Da ruft einer das neue Biedermeier aus, indem er sich inhaltlich mit äusserlichen Innerlichkeiten beschäftigt. Man kann auch sagen: mit Warzen auf den echten Problemen der postmodernen Gesellschaft wie der Wohnungsnot, der mittelständischen Verlustangst, der prekären Arbeitsverhältnisse, der Umweltkatastrophe und den sozialen Auswirkungen der Globalisierung.

Warum der Autor dann noch Interna aus der Anwaltskanzlei eines früheren deutschen Innenministers öffentlich feilbieten muss, bleibt allein sein Geheimnis aus dem betrieblichen Branchenzweig der Wichtigtuerei. Und da kommt die Methode wieder ins Spiel: Alles andeuten, nichts aussagen, nirgendwo festnageln lassen. Bloss nicht konkret werden. Die Filme eines Roman Polanski findet von Schirach „toll“, den Menschen brandmarkt er öffentlich auf der Bühne als „Wrack“. Ernest Hemingway bezeichnet er als „ganz großen Schriftsteller“, aber als „ganz schwachen Menschen“. Da die Wahrscheinlichkeit eines stattgefundenen Zusammentreffens Beider recht gering ist, beruht von Schirachs’ Urteil hier offenbar auf Dünkel und Kolportage. Das ist übler als BILD-Zeitung. Das ist so, als ob Jemand anhand der Familiengeschichte des Autors dessen Talentfreiheit beweisen wolle. Dabei ist Letztere doch auch so offensichtlich.

Nach Ende der Lesung erhält von Schirach zu Recht stürmischen Applaus für seine Schlussworte: „Das klingt alles nicht aufregend, ich weiß“. Und neben allen höflich geäusserten Banalitäten bleibt dem Kritiker ein Satz des Bestsellerautors im Gedächtnis: „Oft sind Bücher klüger als ihre Autoren“.


Am Autorentisch im Theaterfoyer wechselte Ferdinand von Schirach freundliche Worte mit seinen Fans.

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