Ehrung unerwünscht

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In Wolfenbüttel werden seit vielen Jahren vier Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus öffentlich geehrt: Nach Werner Schrader (1895-1944), Fritz Fischer (1891-1933), Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) und Joseph Müller (1894-1944) sind Straßen benannt worden.

Nun stelle man sich vor, Verwandte eines dieser Widerständler erwarten von der Stadt Wolfenbüttel, dass eine weitere öffentliche und namentliche Ehrung nicht mehr stattfinden soll. Ein unrealistisches Verlangen?

Nein, keineswegs! In Wolfenbüttel erwarten Verwandte einer Widerständlerin, dass ihr Name öffentlich nicht genannt, also verschwiegen wird. Es geht um den kleinen Widerstandskreis neben dem Wolfenbütteler Maler Otto Bücher (1895-1990). Bücher, kein Jude, war mit der Jüdin Elli Bücher, geborene Freudenthal (1888-1980) verheiratet. Im Februar 1945 erhielt Frau Bücher von der Gestapo die Aufforderung, sich nach Braunschweig zu begeben, um in das KZ Theresienstadt deportiert zu werden. Ihr Ehemann wollte das verhindern. Er fragte Ernst Koch (gestorben 1985), den bekannten Inhaber des „Kunsthauses Koch“ in der Langen Herzogstraße, ob er seine Frau verstecken könnte. Koch sagte mit Unterstützung seiner Mitarbeiterin Herta Pape (1914-2007) zu. So wurde Frau Bücher in einem fensterlosen Zimmer neben dem Büro von Frau Pape untergebracht. Frau Pape kümmerte sich täglich um Frau Bücher und erhielt Unterstützung von Wolfenbütteler Bekannten und ihrem Arzt. Als am 11. April 1945 amerikanische Soldaten Wolfenbüttel befreiten, ging Frau Bücher nach Hause; durch das mutige Handeln von Frau Pape, Ernst Koch und anderen Wolfenbüttelern hat Frau Bücher das „Dritte Reich“ überleben können. Im Januar 1997 wurde Frau Pape vom damaligen Bürgermeister Axel Gummert für diese mutige Tat geehrt. Ernst Koch, Elli und Otto Bücher waren zu der Zeit bereits gestorben.

Es gibt viele Veröffentlichungen zu dieser Rettungstat in Wolfenbütteler Büchern, in denen Frau Papes Name genannt wird. Der Historiker und wissenschaftliche Mitarbeiter der Stadt Wolfenbüttel weigert sich seit Jahren, in seinen Veröffentlichungen den Namen von Frau Pape zu erwähnen. Er beruft sich vor allem auf eine im Staatsarchiv Wolfenbüttel aufbewahrte Entschädigungsakte von Frau Bücher, aus der seiner Ansicht nach nicht hervorgehe, dass Frau Pape aktiv an der Rettung beteiligt war. Er gibt an, es gäbe keine klaren Belege für die Hilfe von Frau Pape und glaubt sogar, sie habe sich nur in den Vordergrund gerückt.

Aus meiner Sicht ist diese Aussage absurd, denn es gib einige Belege, zum Beispiel mein Tonband-Interview mit Frau Pape, usw. Durch drei klare Dokumente ist die aktive Beteiligung von Frau Pape belegbar. Der wissenschaftliche Mitarbeiter weigert sich, sie anzuerkennen. Es gibt offenbar einen anderen Grund, Frau Pape totzuschweigen: Nach Auskunft der Vorsitzenden des städtischen Kulturausschusses erwartet die lokale Verwandtschaft von Frau Pape von der Stadt Wolfenbüttel, ihren Namen nicht zu nennen. Die Gründe dafür sind unbekannt, aber auch nachfragbar.

Aufgrund dieser verfahrenen Lage bat ich die Vorsitzende und Bürgermeister Lukanic vor mehreren Monaten, einen unabhängigen Historiker oder eine Historikerin zu beauftragen, diesen Fall von Unterdrückung Wolfenbütteler NS-Geschichte intensiv zu recherchieren. Ich habe von beiden bis heute keine Antwort erhalten.

Jürgen Kumlehn, Erinnerer in der Lessingstadt Wolfenbüttel

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