„Die Verwahrlosung der Vernunft“

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Demo am 18.11.2020 in Berlin. Anlass war die Abstimmung im Bundestag zum neuen Infektionsschutzgesetz. Coronaleugner, Rechtsextremisten und Verschwörungsmystiker demonstrierten gegen das Gesetz. Natürlich ohne Masken oder gar Abstände. Screenshot aus Tagesschaufilm

Eigentlich gibt es in unseren Breitengraden keine Naturkatastrophen. Die Nordsee ist weit weg, mit Tsunamis und Erdbeben ist kaum zu rechnen. Vulkane gibt es derzeit nicht mehr. Hurricanes gibt es auch nicht und schwere Dürren zumindest noch nicht.

Womit wir nicht gerechnet haben, obwohl vor 13 Jahren in einem Gutachten gewarnt wurde, ist eine Pandemie. Also auch bei uns gibt es Naturkatastrophen, so unsere neue Erkenntnis. Das verunsichert tief, denn es wird uns gezeigt, dass es kleine unsichtbare Eiweißmoleküle mit etwas mRNA vermögen die Welt durcheinander zu bringen.

Die Corona-Pandemie ist eine Naturkatastrophe, die nicht überraschend kommen musste. Doch nicht nur das. In dieser Pandemie spiegeln sich die Schwächen und Stärken unserer Gesellschaften. In diesen ach so modernen Gesellschaften. in der alles beherrschbar erschien, haben wir Demut verlernt. Demut?, ist das nicht was aus der Bibel, ist das nicht längst out? Wahrscheinlich sind die out, die so denken und sich entsprechend leiten lassen.

Es wird nicht nur in der Pandemie deutlich, dass wir Menschen Naturwesen sind, dass wir in engster Beziehung zur toten Materie und lebendigen Wesen stehen. Das Betrifft auch den Klimawandel und den Verlust an Biodiversität. Anders ausgedrückt: unsere Probleme kommen aus einem Topf. Es wird deutlich, dass, wenn die ökologischen und sozialen Bedingungen kaum noch in Einklang zu bringen sind, wir unter einer Naturvergessenheit leiden, die keine Überlebenssicherheit mehr garantiert. „Corona offenbart damit eine regelrechte Verwahrlosung der Vernunft“.

Corona weist darauf hin, wie abhängig wir von der Natur sind, wie begrenzt unser Wissen ist und wie sehr die Gesellschaften auf wissenschaftliche Erkenntnisse angewiesen sind. Um die zu erlangen stehen wir vor neuen Herausforderungen. Ein mühsames und risikoreiches Vorantasten für Erkenntnisgewinn ist erforderlich. Das geschieht nicht wie üblich in geschlossenen wissenschaftlichen Kreisen. Das geht nicht, weil wir durch Covid-19 offen bedroht werden. Oder besser: wir bedrohen uns selbst untereinander. Es ist kein äußerer Feind; der Feind sitzt mit dem Virus in uns. Der Kampf geschieht außerdem in aller Öffentlichkeit und damit wird die Corona-Pandemie zum Kampffeld der Vernunft. Der Kampf tobte vorgestern nicht nur in Berlin. Er tobt weltweit.

Viele Rechtsextreme, YouTubern, Impfgegnern, Querdenker, Prominente aus den Medien, Wissenschaftsfeinde und Anhänger verschiedener Verschwörungslegenden und auch die AfD sind reichlich vertreten unter den Coronaleugnern und gerieren sich als Kämpfer für die liberalen Freiheitsrechte. Allen gemeinsam ist, dass sie die Demokratie mehr oder weniger offen ablehnen oder behaupten, in Deutschland herrsche nur eine Scheindemokratie. Allerdings verstehen sie darunter die Ablehnung des Tragens von Mund-Nase-Schutzmasken und offenbarten damit ein tief verwahrlostes Freiheitsverständnis. Denn der so verstandene „Freiheitskampf“ gründet in einer rein selbstbezüglichen Idee von Freiheit, einer Ego-Freiheit ohne Rücksicht auf soziale Verluste.

Lesen Sie hier den ganzen Artikel von Reinhard Olschanski

„Es war Hannah Arendt, die darauf hingewiesen hat, dass die wahren Feinde der Demokratie nicht einfach jene sind, die Lügen erzählen, sondern die, die gleichzeitig die Faktenbasis und die gemeinsam anerkannte Realität zerstören – also die Realität, in der wir über Probleme in einer gemeinsamen Sprache reden können.“

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