„Männerseelen – Kann mir mal einer die Männer erklären“

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Zu diesem Vortrag wurde am Mittwoch, den 18.01.2012 vom Landfrauenverband Peine-Nord ins Gasthaus Heuer in Wehnsen (Gemeinde Edemissen) eingeladen. Ungefähr 150 (!) Frauen und vier Männer wollten in einem Dorf mit zwei Straßen und bei miesem Wetter den Ausführungen des Bielefelder Psycho- und Männertherapeuten Björn Süfke lauschen. Süfke referierte auf der Grundlage seiner Bücher und seiner Erfahrungen in der Männerarbeit.

 

 

Ironisch begann Süfke das delikate Thema zu referieren, in dem er zuerst über die männliche Abwertung – kann bei amazon.de recherchiert werden – sprach. Dort finden sich skurrile Bücher wie: „Mister Aussichtslos: 12 Männertypen, die Sie sich sparen können“ oder „Mr. Unentschieden: Warum Männer zu nichts taugen“. Männer werden auch gern mit Haustieren gleichgesetzt: „Der Mann – Aufzucht, Haltung, Pflege“, bzw. „Sitz! Platz! Kuscheln!: Die moderne Männerschule“. Süfke konnte diese Buchtitel noch toppen mit dem Titel „Der Tag, an dem ich beschloss, meinen Mann zu dressieren: oder: „Ein Ehemann ist ein Rohstoff, kein Fertigprodukt“.

Süfke schränkt aber ein, dass es vor der männlichen Abwertung eine Abwertung der Frau durch Männer gegeben hat. Nachdem der Referent kurz über sein eigene Vaterwerdung sprach, leitete er über zu dem gravierenden Thema des Abends: die Schwierigkeiten des Mannes mit der eigenen Gefühlswelt und mit seiner eigenen männlichen Identität in Kontakt zu kommen. Wie entsteht dieser erschwerte Zugang zum eigenen Bewusstsein? – Bei Männern „läuft“ es, es “funktioniert“, so heißt es. Doch letztlich sind Männer sich selbst entfremdet, sie leben auf einer „emotionalen Nulllinie“. Warum?

Für Süfke meint der Begriff „Gendering“ primär die Gefühlsferne beim Transport bestimmter Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit. Die Gefühlsspiegelung ist bei Männern mangelhaft ausgebildet. Jeder von uns kann das auf Spielplätzen beobachten: bei Jungs werden die eigenen Gefühle oder Schmerzen weniger intensiv von den Eltern nachgefragt als bei Mädchen.

Aber das hauptsächliche Problem bei der Entfremdung des Mannes liegt in seiner Kindheit begründet. Jungen spüren ab dem 3. oder 4. Lebensjahr eine Geschlechtskonstanz und fragen sich, was einen Mann ausmacht. Die Jungs finden aber keine männlichen Identifikationsmöglichkeiten. So bleibt den kleinen Kerlen nur den Weg über eine Art „Umwegidentifikation“ zu gehen, d. h., sie grenzen sich von allem ab, was sie als weiblich wahrnehmen. Jungen verdrängen, spalten ihre Gefühle ab und versuchen alles, um keine Frau zu sein. So wird den Jungs alles Emotionale, alles Weiche etc. fremd. Keinen Zugang zur Innenwelt zu haben, bedeutet, sich nach Außen zu orientieren: Körperferne, Rationalität, Leistung, Ergebnisse und Ideologien dominieren.

Gefühle haben wichtige psychologische Funktionen und Signalwirkungen (z. B. Tränen bei Verlust), die dem Jungen im Prozess des Heranwachsens verloren gegangen sind. Der Mann spürt seine Hilflosigkeit und daraus ergibt sich die Ambivalenz, das männliche Dilemma: Männer haben eine Sehnsucht nach Emotionalität, aber Angst vor ihren Gefühlen und dem Alleinsein.

„Das zentrale Männlichkeitsproblem ist der verwehrte Zugang zu den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen. Was kann man als erwachsenen Mann gegen diese Entfremdung von der eigenen Gefühlswelt tun?“

Der Weg zu sich selbst beginnt einerseits im bewertungsfreien, akzeptierenden Erkennen der Beziehungsprobleme und dem Erkennen der eigenen Abwehr. Andererseits in der „liebevollen Konfrontation“ (therapeutisch definiert gleicht das einer Konzeptverwirrung) mit sich selbst. Sobald das Konzept des Mannes (in dem bspw. der Therapeut auf Distanz gehalten wird) verwirrt wird, kann etwas Neues entstehen – das sollte gleichermaßen liebevoll und konfrontativ erfolgen. Oftmals gehen Männer ziemlich lange mit ihrem Konzept durch das Leben, ohne Kontakt zu sich selbst und ohne Kontakt zu anderen zu haben. Nicht von ungefähr resultiert daraus die höhere Selbstmordrate der Männer im Vergleich zu Frauen.

Eindringlich appelliert Süfke an Männer, in jeder Situation als erwachsene Identifikationsfigur für Jungs eine Vorbildfunktion zu übernehmen.

Süfke stellt klar, dass nach wie vor viele Männer von ihren Frauen zur Therapie geschickt werden. Er wünscht sich von den Männern mehr Bewegung. Es kann nicht sein, dass nur ein Geschlecht sich bewegt und das andere nicht. Nach der Frauenbewegung haben sich Männer nicht „mitemanzipiert“. Es gilt das brisante Thema der (therapeutischen) Männer- und Jungenarbeit in die Öffentlichkeit und in die Bildungsarbeit (Boysdays, Männer in Kitas etc.) zu tragen.

Zwar nimmt die Zahl der Väter, die Elternzeit in Deutschland nehmen zu, dennoch kann Deutschland von Elternzeitreformen wie in Schweden oder Norwegen nur träumen.

Abschließend nahm Süfke noch kurz zum Thema Depression Stellung. Er sagte, 90 % der deutschen Nachwuchskräfte erfüllen die Kriterien (z.B. Workaholic, Gewaltsymptomatik) einer klinischen Depression.

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