Grünes Wachstum gibt es nicht

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Industrieanlage. Bild von Michael Knoll auf Pixabay

Von George Monbiot in „der Freitag

Klimakrise. Es ist unmöglich, das derzeitige Niveau der Wirtschaft beizubehalten, ohne die Umwelt zu zerstören. Nur mit weniger von allem ist eine Katastrophe abzuwenden

Es gibt einen Kasten mit der Aufschrift „Klima“, in dem Politiker:innen die Klimakrise diskutieren, und einen anderen namens „Biodiversität“, in dem sie über die Bedrohung der Biodiversität sprechen. Umweltverschmutzung, Entwaldung, Überfischung und Bodenerosion heißen weitere Kästen, die im Fundbüro unseres Planeten Staub ansetzen. Dabei enthalten sie alle Aspekte einer Krise, die wir in einzelne Bereiche unterteilt haben, um sie verständlich zu machen. Die Kategorien, die das menschliche Gehirn schafft, um seiner Umgebung Sinn zu verleihen, sind – wie der Philosoph Immanuel Kant beobachtete – nicht das „Ding an sich”. Sie beschreiben eher die Produkte unserer Wahrnehmung als die Welt.

Die Natur kennt keine solchen Unterscheidungen. Da die Ökosysteme der Erde von verschiedenen Seiten gleichzeitig angegriffen werden, verstärkt jede Stressquelle noch die anderen.

Nehmen wir die Lage des nordatlantischen Glattwals, dessen gefährdete Population ein wenig zunehmen konnte, als der Walfang gestoppt wurde. Jetzt geht die Zahl wieder zurück: Insgesamt bleiben weniger als 95 Weibchen im gebärfähigen Alter. Die konkreten Ursachen für diesen Rückgang sind vor allem Todesfälle und Verletzungen, die sich Wale zuziehen, wenn sie mit Schiffen zusammenstoßen oder sich in Fischernetzen verfangen.

Aber dafür sind sie anfälliger geworden, weil sie entlang der Ostküste Nordamerikas in belebtere Gewässer abwandern mussten. Ihre Hauptnahrungsquelle, ein kleines, schwimmendes Krustentier namens Ruderfußkrebs (lat. Calanus finmarchicus) zieht nämlich wegen der Meereserwärmung jedes Jahr acht Kilometer weiter nach Norden. Gleichzeitig hat sich eine kommerzielle Fischereiindustrie entwickelt, die Ruderfußkrebse für die Herstellung von Fischölergänzungsmitteln nutzen, von denen fälschlicherweise verbreitet wird, sie seien gut für unsere Gesundheit. Bisher gab es keinen Versuch, die möglichen Auswirkungen der Calanus-Fischerei zu untersuchen. Wir wissen auch nicht, wie sich die Versauerung der Meere, die ebenfalls durch den Anstieg des Kohlendioxidgehalts verursacht wird, auf diese und viele andere wichtige Arten auswirkt.

Eine allgemeine Krise

Während die Sterberate des Nordatlantischen Glattwals steigt, sinkt die Geburtenrate bei dieser Walart. Mögliche Gründe dafür? Vielleicht sind es die Schadstoffe, die sich in ihrem Körper ansammeln und von denen einige vermutlich die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Oder es ist der Lärm im Ozean durch Schiffsmotoren, Ultraschall oder Öl- und Gasgewinnung, der die Tiere in Stress versetzt und ihre Kommunikation unterbrechen könnte. Man könnte den Rückgang des Glattwalbestands also als Symptom eines Schifffahrtsproblems oder Fischfangproblems oder Klimaproblems oder Versauerungsproblems oder der Umweltverschmutzung oder eines Lärmproblems interpretieren. Aber tatsächlich kommt alles zusammen: eine allgemeine, durch menschliche Aktivitäten hervorgerufene Krise.

Weiter in „der Freitag„.

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