Eine „Ökonomie des Teilens“: Vom Wachstumsparadigma zur Gemeingüter-Ökonomie

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Silke Helfrich beim Vortrag

Wer die der­zei­ti­gen Debat­ten um fast alle unsere gesell­schaft­li­chen, wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Pro­bleme ver­folgt, sieht sich per­ma­nent zwi­schen den bei­den Polen »Poli­tik« und »Wirt­schaft« hin und her geris­sen. Die einen sind für mög­lichst freie Märkte, die ande­ren für einen star­ken Staat. Es gibt aber noch eine dritte Alter­na­tive, sagt die freie Publi­zis­tin Silke Helf­rich: Die Gemein­gü­ter oder auch All­mende oder besser auf Englisch „Commons“. Es geht um das Gemeinschaftseigentum und um das Prinzip des miteinander teilens. Ein äußerst erfolgreiches Prinzip, wie zahlreiche Beispiele belegen. Man denke nur an Wikipedia, das entstand aus einer guten Idee, millionen ehrenamtlich engagierten Menschen und alles steht kostenlos zur Verfügung. Die Menschen der Welt teilen ihr Wissen. Und nicht nur das. Wir teilen jeden Tag vieles mit anderen Menschen. Das Treppenhaus, Straßen und Plätze, Parks, die Energieversorgung, die Abwasserentsorgung, die Schulen, die ganze Stadt und vieles mehr. Das beweist also, dass das Teilen ein äußerst erfolgreiches Wirschaftsprinzip ist – wenn Regeln eingehalten werden!

Silke Helfrich, auf diesem Gebiet wohl renommierteste Publizistin war gestern in der Ev. Akademie Abt Jerusalem, um über die Commons zu sprechen. Helfrich bloggt regel­mäs­sig unter www.commons.wordpress.org und hat zahl­rei­che Bücher ver­öf­fent­licht.

Es war am 12.Oktober 2009 als der  Generalsekretär der Königlichen Akademie der Wissenschaften Gunnar Öquist vor die Presse trat, um die Träger des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften des Jahres 2009 zu verkünden. Neben Oliver Williamson aus Berkeley wurde mit Elinor Ostrum zum ersten mal eine Frau in dieser Wissenschaft ausgezeichnet. Ihr Forschungsgebiet: Commons oder Allmende oder Gemeingüter. Damit rückte eine fast in Vergessenheit geratene Wirtschaftsform wieder ans Licht. Gemeingüter bei der alle Beteiligten eine Ressource gemeinsam nutzen – jenseits oder zwischen Privateigentum und staatlicher Verwaltung.

Die Sensation war perfekt! Mitten in der größten wirtschaftlichen Krise erhält keiner der Ökonomiestars  den Nobelpreis, sondern eine Frau, eine Politikwissenschaftlerin, eine Umweltökonomin.

Ostrom setzte sich mit der Frage auseinander, wie Menschen in und mit Ökosystemen nachhaltig wirtschaften können. Inhaltlich befasste sie sich u. a. mit der Fischereiwirtschaft, mit Bewässerungssystemen, mit Wald- und Weidewirtschaft. In späteren Arbeiten auch mit der Ressource Wissen und der Problematik des geistigen Eigentums. Ostroms Forschung befasste sich mit der Frage, wie sich Menschen organisieren, um gemeinschaftlich komplexe soziale, ökologische und ökonomische Probleme zu lösen.

Zwei Sätze möchte ich aus der Begründung des Nobelpreiskomitees zitieren: Ostrom habe gezeigt, „wie gemeinschaftliches Eigentum von Nutzerorganisationen erfolgreich verwaltet werden kann“, Ostrums Arbeit lehrt uns neue Lektionen über die tieferen Mechanismen, die die Zusammenarbeit in menschlichen Gesellschaften tragen.“ Das weist tatsächlich weit über die eigentlichen Felder der Allmende hinaus und das sollte es auch nach dem Willen der Akademie.

Es weist hinaus, wie wir mit unserer Erde umgehen und welche Möglichkeiten es gibt, dieses zu ändern.

 Was wird mehr, wenn wir teilen? 

Die Wälder gerodet, die Atmosphäre belastet, die Meere leer gefischt. Güter, die allen gehören, laden zur Verschwendung ein. Sie werden zerstört und gehen der Gesellschaft immer mehr verloren. Mit Appellen an die Moral oder dem Ruf nach einem starken, ordnenden Staat lässt sich die Misere nicht lösen, und auch Privatisierung ist kein Allheilmittel gegen Ausbeutung.
Was also ist zu tun? Elinor Ostrom geht dieser Entwicklung am Beispiel der Wälder und Meere auf den Grund. Sie zeigt, wie es gelingen kann, mit gemeinsam genutzten Dingen so umzugehen, dass alle Menschen ihre Bedürfnisse langfristig befriedigen können und appelliert dafür, die Menschen vor Ort an der Lösung der Probleme zu beteiligen, um Respekt, Zusammenhalt und Verantwortlichkeit zu fördern.

Die natürlichen Wachstumsgrenzen werden seit langem und zunehmend überschritten. Belastungen und Kosten wirtschaftlichen Handelns werden  ausgelagert.  Der kapitalorientierte Wettbewerb belohnt diese Externalisierung zu Lasten der Natur und künftiger Generationen. Dem gegenüber stehen andere weltweit diskutierte Wirtschaftsmodelle, wie das des Gemeingütermanagements. Zu den Ressourcen, die Menschen gemeinsam nutzen, zählen Wissen und Wasser, Saatgut, Kulturtechniken und die Atmosphäre. Ihre gemeinschaftliche Nutzung wird derzeit unter dem Stichwort Allmende/Commons verstärkt diskutiert. Sie gilt als Grundbestand und Voraussetzung für gesellschaftlichen Reichtum.

Nicht erst seit der Verleihung des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften an Elinor Ostrom und der aktuellen Klima-, Finanz- und Ernährungskrise erlebt die Diskussion um die Commons eine Renaissance. Auf der Suche nach Alternativen zu unserem Wirtschaftsmodell gilt Ostrom als eine der weltweit bedeutendsten Vordenkerinnen der Gemeingüter-Ökonomie. Eine „Ökonomie des Teilens“, in der das Gedeihen des gemeinsamen Besitzes im Vordergrund steht, ist möglich.

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