Covid 19 und die indigene Bevölkerung Brasiliens

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In den Medien lesen wir zeitweise über die erschreckende Corona-Situation in Manaus /Brasilien. Wenig ist jedoch darüber bekannt, inwieweit der Teil der indigenen Bevölkerung betroffen ist, der in abgelegenen Waldgebieten der Amazonasregion lebt. Bernd Lobgesang (Brasilien-Hilfe e.V.) und Günther Schulz (Brasilieninitiative Freiburg e.V.) haben Kontakt zu Egydio Schwade, einem der Gründer des katholischen Indigenenmissionsrates CIMI. Er wohnt in Presidente Figueiredo nördlich von Manaus. Sie zitieren aus zwei Briefen von Egydio, geschrieben Anfang Februar. Die Briefe beschreiben die Situation in der Region und nennen Gründe für die Informationsdefizite:

Die weltweite Solidaritätsbewegung muss ihre Augen auf die indigenen Bevölkerungen Brasiliens richten, die jetzt von Covid 19 bedroht werden.“

„Manaus ist momentan eventuell der aggressivste Fokus der Coviderkrankung in der Welt. Und in der Region im Norden von dieser Großstadt konzentrieren sich große Teile der indigenen Bevölkerung dieses Landes. Selbst hier in dieser relativ kleinen Stadt, in der ich wohne, 120 Kilometer nördlich von Manaus, vergeht kein Tag, an dem nicht von Coronatoten berichtet wird. Heute waren es zwei. Manaus ist die einzige Stadt im Bundesland, die über Betten mit Beatmungsgeräten verfügt, es ist ein völliges Chaos. Von den indianischen Völkern erhalten wir überhaupt keine Informationen mehr, auch nicht von den Waimiri-Atroari, die in unserem Munizip leben. Die Behörden, sowohl die des Bundes als auch die des Landes, betreiben weiterhin ihr Spiel der gegenseitigen Schuldzuweisung und niemand weiß, wann wirklich eine Immunisierung der Menschen stattfinden wird, wobei die der indigenen Völker besonders wichtig ist, die, wie schon die erste Covid19-Welle gezeigt hat, die verwundbarste und am stärksten von der Krankheit betroffene Bevölkerungsgruppe ist…

Die hiesige Situation ist weiterhin ein Chaos, insbesondere in Manaus und in Boa Vista, der Hauptstadt von Roraima. Und jetzt breitet sich dieses Chaos aufgrund des Mangels von Sauerstoff auch noch überall im Hinterland aus. Es erreichte schon zu Beginn dieser Woche alle Städte im westlichen Teil von Pará. Es fehlt an Sauerstoff – man stelle sich das einmal vor! In der Lunge des Planeten fehlt es an Sauerstoff für die Menschen.

Der bei der Regierung Bolsonaro so verhasste Präsident Venezuelas schickt schon die ganze Woche lang einige Laster mit Sauerstoff nach Manaus und Boa Vista, wodurch sich die Lage sehr entspannte. Zuletzt geschah der Transport durch den Zentralverband der Arbeiter (CUT), weil die Bundesregierung daran nicht das geringste Interesse zeigte. Der Hunger, der während der Legislaturperioden der PT-Regierungen (PT: Partei der Arbeiter) verschwunden war, ist wieder zurückgekehrt. Und er nimmt jeden Tag zu. Jeden Tag klopfen hier Leute an die Tür und bitten um Essen.“

In einigen Indianerregionen, so zum Beispiel am Oberlauf des Amazonas, hat auch unter den Indigenen die Impfkampagne begonnen. Insgesamt betrachtet kommt aber in ganz Brasilien die Impfung nur sehr schleppend voran. Nicht wenige mutmaßen, dass sie gerade in Manaus wegen des hohen Prozentsatzes an indianischstämmiger Bevölkerung kaum Fortschritte macht: Präsident Bolsonaro ist bisher nicht müde geworden, gerade sie immer wieder zu verunglimpfen und zu bedrohen.

In seinem zweiten Brief geht Egydio insbesondere auf die Lage der Waimiri-Atroari ein, zu denen er eine besonders enge Beziehung hat. Bei diesen Indigenen hat er mit seiner verstorbenen Frau Doroti in den 80-er Jahren gelebt und gearbeitet. Egydio und Doroti gründeten für Kinder und Erwachsene Schulklassen und erfuhren während ihrer Alphabetisierungsmaßnahmen von dem Völkermord, dem diese beiden Völker während der Zeit der Militärdiktatur (1964-85) ausgesetzt waren.

„Der Nachdruck, mit dem ich die Aufmerksamkeit insbesondere auf die Waimiri-Atroari, die sich selbst Kiñá nennen, lenken will, kommt daher, dass die Regierung Sarney in den 80-er Jahren die Verantwortung für dieses Volk einem Unternehmen, der Eletrobras, übertrug. Der Staatliche Indianerschutzdienst (FUNAI) unterhält auf dem Gebiet der Waimiri-Atroari Kontrollposten und ist die einzige Organisation, die Zugang zu ihrem Gebiet hat. Allen anderen Organisationen, auch dem CIMI, ist der Zutritt verwehrt. Das verstößt gegen die brasilianische Verfassung. Seit 1987, wie Bernd (Lobgesang) weiß, klage ich ständig diese Situation an, die diesem indigenen Volk großen Schaden zufügt. Wir haben augenblicklich auch keine Nachricht darüber, was im Gebiet der Waimiri-Atroari geschieht. Das steht in krassem Gegensatz zu den meisten anderen indianischen Regionen. Im vergangenen Jahr begleitete mein Sohn Maiká, der Geograph ist, eine Kommission von Bundesabgeordneten, wodurch wieder aufs Neue ein schwacher und oberflächlicher Kontakt mit den Indianern hergestellt werden konnte.

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