Von Amadeus Martin
Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom bitterbösen Friederich im Kinderbuch „Der Struwwelpeter“? Er ist ein Bursche, der seine Freude daran hat, Fliegen die Beine auszureißen, Vögel tot zu schlagen und sogar seine Schwester Grete auszupeitschen. Ein echter Sadist eben, der kein gutes Ende nimmt.
Manch ein Leser mag sich an einen Namensvetter erinnert fühlen, der es bis zum Kanzler gebracht hat, inzwischen allerdings fast so unbeliebt ist wie der bitterböse Friederich.
Man fragt sich: Ist das weit hergeholt oder ist da was dran? Wir wollen die Frage nicht selber beantworten, sondern dies der Leserin bzw. dem Leser überlassen. Deshalb an dieser Stelle nur sechs Aspekte, die bei der Bewertung eine Rolle spielen könnten:
- 1. Friedrich Merz versprach vor der Wahl nichts so intensiv wie das Vorgehen gegen unmäßige Staatsverschuldung; er griff die SPD wegen ihrer Bereitschaft an, für die Reparatur und den Ausbau der Infrastruktur Schulden aufzunehmen; wenn es etwas gab, worauf sich der Wähler verlassen zu können glaubte, dann war es die Ablehnung der Lockerung der Schuldenbremse durch Friedrich Merz. Kurz nach der Wahl setzte er dann aber eine Schuldenlawine in Gang, die ohne Beispiel ist.
- 2. Friedrich Merz hat ein geschätztes Vermögen von 12 Millionen Euro, er besitzt ein Flugzeug und hatte zuletzt ein berufliches Jahreseinkommen von einer Million Euro (Angaben aus Vermögen-Magazin, 16.8.26). Das kann man ihm nicht zum Vorwurf machen. Aber es lässt die Vermutung zu, dass er wenig Einblick hat in die Lebenslage der Mehrheit der deutschen Bürger, vielleicht auch kaum Einfühlungsvermögen. Die folgenden Zitate deuten darauf hin:
„Der Sozialstaat, wie wir ihn heute haben, ist mit dem, was wir volkswirtschaftlich leisten, nicht mehr finanzierbar.“ Und weiter: „Das wird schmerzhafte Entscheidungen bedeuten, das wird Einschnitte bedeuten. … Wir leben seit Jahren über unsere Verhältnisse.“ (tagesschau.de, 30.8.25)
Die Einschnitte, die in den letzten Monaten beschlossen wurden, sollen also nur die ersten Schritte sein, denen weitere folgen sollen. Auch der Spruch, die Deutschen müssten mehr arbeiten, ist todernst gemeint.
Dass auf der anderen Seite Steuererhöhungen für Spitzenverdiener und Vermögende vom politischen Friedrich strikt abgelehnt werden, rundet das Bild ab. Es entspricht auch seinem eigenen Interesse.
- 3. Der größere Teil der Schulden wird für Rüstung aufgenommen. Und Friedrich ist strikt dagegen, „Menschen zu entlasten durch Abstriche bei der Rüstung“ (Deutsche Welle, 31.8.26). Sein Ziel ist es, die Bundeswehr „konventionell zur stärksten Armee Europas“ zu machen (Regierungserklärung vom 14.5.25).
Die Grundrichtung seiner Politik hat der Chef des Ifo-Institutes, Clemens Fuest, in folgenden klaren Worten beschrieben: „Kanonen und Butter – das wäre schön wenn das ginge. Aber das ist Schlaraffenland. Das geht nicht. Sondern Kanonen ohne Butter.“
- 4. Wes Geistes Kind Friedrich ist, hat er besonders klar mit einer Äußerung offenbart, die er kurz nach den israelischen Angriffen 2025 auf den Iran tätigte. Zur Erinnerung: es handelte sich um einen völkerrechtswidrigen Präventivschlag, bei dem auch Zivilisten zu Tode kamen, darunter 28 Frauen und 19 Kinder. Und hier seine Worte:
„Ich kann nur sagen: größten Respekt davor, dass die israelische Armee den Mut dazu gehabt hat, die israelische Staatsführung den Mut dazu gehabt hat, das zu machen.“ Israel mache die „Drecksarbeit für uns“ (Sonntagsblatt, 19.6.25). Wenn ein solcher Mann als Oberbefehlshaber über die größte Armee Europas verfügen sollte, kann einem nur Angst und bange werden.
Da war es nicht weiter erstaunlich, dass er es völlig in Ordnung fand, Waffen nach Israel zu liefern. Nach fast zwei Jahren unterbrach er diese Lieferungen, nahm sie aber nach wenigen Monaten wieder auf, obwohl seit dem Waffenstillstand im Oktober 340 Menschen von der israelischen Armee getötet worden waren, darunter 136 Kinder, und über 900 verletzt worden waren.
- 5. Wenn ein Staatsmann denkt wie Helmut Schmidt, der einmal gesagt hat, es sei besser 100 Stunden zu verhandeln als eine Minute zu schießen, dann kann das seine Bürger einigermaßen beruhigen. Bei Friedrich Merz haben viele ein gegenteiliges Gefühl. Er verkündete während das Wahlkampfes, er werde den Taurus- Marschflugkörper an die Ukraine liefern, wenn er Kanzler werden würde. Dabei war klar, dass der Taurus 500 Kilometer in russisches Territorium eindringen könnte und dass er nur mit Unterstützung der Bundeswehr eingesetzt werden könnte.
Er war also bereit, einen kriegerischen Konflikt mit Russland zu riskieren. Nach der Wahl nahm er zwar zunächst Abstand davon, lässt nun aber Drohnen für die Ukraine mit einer Reichweite von bis zu 1500 Kilometern in München produzieren, zunächst in 5000er-Stückzahl; Drohnen also, die tief ins russische Hinterland reichen (t-online.de, 3.9.26). Er gießt also immer weiter Öl ins Feuer. Der sächsische Regierungschef hat es gerade einen Riesenfehler genannt, dass Deutschland so zur Kriegspartei gemacht werde.
- 6. Versuche des amerikanischen Präsidenten, einen diplomatischen Weg zum Frieden zu bahnen, werden bekämpft. Selbst Vorschläge des EU-Präsidenten oder des finnischen Regierungschefs, einen diplomatischen Kanal zu Russland zu installieren, werden abgetan. Eigene Pläne oder Vorschläge für eine Friedensordnung nicht einmal angedacht, stattdessen immer weiter Waffen an die Ukraine geliefert. Dabei ist absehbar, dass die Ukraine diesen Krieg nicht gewinnen kann und dass die Lage der ukrainischen Bevölkerung immer aussichtsloser wird.
- Und dabei werden Milliarden und Abermilliarden Steuergelder in die Ukraine gepumpt – nur der kleinere Teil für berechtigte humanitäre Hilfe. Der wesentlich größere Teil ist Geld, das die Ukraine auf dem Irrweg hält und das in Deutschland fehlt.
Soweit einige Aspekte. Leider keine Märchenstunde, sondern überprüfbare Realität. Und anders als beim bitterbösen Friederich sind nicht nur ein paar Tiere und seine Schwester seinen Missetaten ausgeliefert. – Zugegeben: auch anders als in der Geschichte des Wüterichs ist hier nicht nur einer allein am Werk. Aber macht es das besser?
Die Geschichte vom bitterbösen Friederich endet damit, dass der Hund, den er geschlagen und getreten hat, den Spieß umdreht, indem er ihn ins Bein beißt. Friederich landet unter großen Schmerzen im Bett, wo ihm „bittere Arzenei“ gegeben wird. Der Hund aber sitzt am Tisch, ißt Kuchen „und auch die gute Leberwurst“, trinkt Wein und achtet darauf, dass er die Peitsche des Friederich unter eigener Kontrolle behält. Aus Sicht des Hundes also ein Happy-End.
Reines Wunschdenken oder erreichbarer Wandel?


























