noch bis zum 6. September in der Malerkapelle, Königslutter. Künstlergespräch über Technologie und Theologie mit Pröpstin Katja Witte-Knoblauch am Samstag, 5. September.
Der Kunstverein Malerkapelle hat die Künstler Daniel Kuge (Braunschweig) und Jan Neukirchen (Hannover) eingeladen, in Königslutter auszustellen. Die beiden Künstler haben sich natürlich vom Ort inspirieren lassen – dieser entweihten Friedhofskapelle, die ihre ursprüngliche Funktion als Raum der Trauer und des Gedenkens verloren hat. Inzwischen ist die Malerkapelle in relativ kurzer Zeit zu einem faszinierenden Ort für außergewöhnliche Ausstellungen, für die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst und zu einem neuen, wichtigen künstlerischen Treffpunkt in unserer Region geworden.

Beide Künstler setzen sich in der gemeinsamen, aktuellen Ausstellung mit zivilisatorischen Artefakten und Hinterlassenschaften der Menschheit auseinander, mit dem Informationsverlust und dem Unsichtbaren, das uns umgibt.
Wir leben mitten in einem Universum von elektromagnetischen Wellen, sind umgeben von ihnen, von unsichtbaren Datenströmen, fließenden Informationsstrukturen.

NOAA-15 ist ein Wettersatellit, im All seit 1998. Sein programmiertes „end of life“, die letzten Datenströme, sein Verstummen, verwandelt sich in Material und Inspiration des Künstlers und Informatiker Jan Neukirchen für seine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Universum der elektromagnetischen Wellen, mit Funkdaten, mit unserem Leben inmitten von elektronischen Informationsströmen.
In Jan Neukirchens Klanginstallation wird das Vergehen dieses Satelliten-Veteranen, werden seine letzten Funksignale, wird das Rauschen aus dem All, all die fantastisch-rätselhafte Geräusche in Echtzeit laut hörbar, sonst unbemerkt bleibende Infrastruktur wird wahrnehmbar, für unserer Gefühlswelt spürbar. In einer eigens für die Ausstellung geschaffenen Blackbox, einem Objekt zwischen Archiv, Grabstätte und Endlager, ist ein langer Streifen mit anschaubaren Satellitenbildern aufgespult.

Ein anderes Objekt in der Ausstellung beispielsweise ist von Funkmasten inspiriert, also den sichtbaren Symbolen für die elektromagnetischen Wellen, in denen wir leben.
Beleuchtet werden die Räume nur von natürlichem Licht und von den Videoarbeiten Daniel Kuges.
Seit mehr als 2 Jahren arbeitet der studierte Informatiker, HBK-Meisterschüler Jan Neukirchen, an diesem faszinierenden Projekt der Sichtbarmachung des Unsichtbaren, der Emotionalität und den Gefühlsstrukturen elektromagnetischer Wellen, vielleicht sogar mit der Frage, ob es eine Poesie elektromagnetischer Wellen gibt.
So hat sich ein wunderbar fantasievolles poetisch-technisches Projekt entwickelt, bei dem Besucher:in auch nicht immer unmittelbar alles verstehen, begreifen muss, sondern das auch Fantasieräume öffnet.
Die Arbeiten des Künstlers Daniel Kuge beschäftigen sich ebenfalls mit dem Sichtbarmachen des Unsichtbaren – der atomaren Strahlung.

Sichtbar repräsentiert wird die atomare Strahlung durch massive Gebäude – Symbole einer Industriekultur, die nach immer mehr, nach unendlicher Energie giert. Sichtbar wird sie auch durch Atomsemiotik, die Sprache der Atominformation.
Die künstlerischen Projektionen von Daniel Kuge sind Auseinandersetzungen mit der nukleartechnischen Wertschöpfungskette von Stromerzeugung, Atommüll, Endlager und mit der Atomsemiotik, ihrer Kommunikation, ihrer Sprache.

Von zentraler Bedeutung für seine künstlerische Arbeit und die Auseinandersetzung mit dem Thema ist Onkalo, ein Ort in Finnland. Daniel Kuge konnte Onkalo im Rahmen einer internationalen Presseführung besuchen.
Onkalo ist das weltweit erste Endlager für hochradioaktive Abfälle. Es ist auf Vergessen angelegt. Nach der finalen Einlagerung wird das Endlager verschlossen und verschwindet. Es wird keine Hinweise, keine warnende Atomsemiotik, geben, das Endlager wird in der kollektiven und administrativen Erinnerung dem Vergessen überlassen.

Daniel Kuge: „Dieses Atom-Endlager wird wohl das Dauerhafteste sein, was von unserer Zivilisation übrigbleibt –unsere Hinterlassenschaft für tausende von Jahren an uns nachfolgende Zivilisationen, für die wir fremd und rätselhaft sein werden. Wie wird deren Blick auf uns sein? Was sagt das über uns aus – heute?

Besonders im fast schon intimen Rahmen der Malerkapelle spürt Besucher:in wie intensiv die Arbeiten von Daniel Kuge, seine Malerei, die Objekte, die Filme (die von einer fast lakonischen Intensität sind), die Klänge wirken, trotz ihrer manchmal hermetisch-distanziert wirkenden Ausstrahlung, fast wie eine archäologische Schau aus der Sicht einer unbekannten Nachwelt.
Diese Ausstellung erzählt nicht nur von uns Menschen und unserem Umgang mit dem, was uns umgibt, sondern enthüllt, gibt preis, verwandelt sich vor unseren Augen in einen Bericht über unsere heutige Welt, als sei die bereits Vergangenheit.
Schon im Entstehungsprozess der Ausstellung waren die beiden Künstler im Austausch mit der Pröpstin der Evangelisch-lutherischen Propstei Helmstedt und Königslutter, Katja Witte-Knoblauch. Das Anliegen war, im Spannungsfeld zwischen Spiritualität und Kunst Impulse für Dialog und Vermittlung zu setzen.
Zum Finale der Ausstellung findet mit den Beteiligten am 5. September eine interdisziplinäre Diskussion statt.
Ausstellungsbegleitend ist ein ein Katalog mit Texten von Pröpstin Katja Witte-Knoblauch, Kurator Lino Heissenberg und dem Kulturschaffenden Sebastian Stein entstanden, der ebenfalls am 5. September vorgestellt wird.























