Start Kultur Hochkarätige Kontroverse um EKD-Denkschrift am 28.04.26 in Braunschweig

Hochkarätige Kontroverse um EKD-Denkschrift am 28.04.26 in Braunschweig

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"Nie wieder Krieg" - Plakat Käthe Kollwitz, 1924

Der Friedensbeauftragte der EKD, Landesbischof Friedrich Kramer (Magdeburg) kommt am o.g. Dienstag-Abend (19:00 Uhr) nach Braunschweig, um sich auf insgesamt hochkarätig besetztem Podium kritisch mit der sogenannten „Friedens-Denkschrift“ der EKD auseinanderzusetzen. Über die Martin Jasper (der 25 Jahre lang Kulturchef der Braunschweiger Zeitung war) am 24.01.26 schrieb: „Neue Denkschrift zum Frieden: Wie die Kirche kriegstüchtig wird„. In der Katharinenkirche mit Kramer diskutieren werden Prof. Jörg Hübner (Co-Autor der Denkschrift) und Dr. Erich Vad (ehem. Brigadegeneral und militärpolitischer Berater von Angela Merkel) – auf Einladung der Evangelischen Akademie Abt Jerusalem, in Kooperation mit dem Friedenszentrum und der IPPNW-Regionalgruppe Braunschweig. Moderieren werden Kerstin Vogt (Direktorin der Akademie) und Christoph Krämer (Arzt und Mitglied der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges – die eine geharnischte Kritik zur Denkschrift veröffentlicht hat: https://www.ippnw.de/commonFiles/pdfs/Dokumente/Stellungnahme_IPPNW_EKD_Denkschrift.pdf
Anmeldung zur Veranstaltung: https://www.thzbs.de/programm

Krieg als „ultima ratio“??
Gastbeitrag einer Pfarrerin der Braunschweiger Landeskirche

Artikel für den Braunschweig Spiegel

Wir leben – wer wüsste das nicht – in schwierigen, unsicheren Zeiten. In Zeiten einer sogenannten „Zeitenwende“, in denen weltweit wieder gegeneinander aufgerüstet statt miteinander abgerüstet wird, in denen u.a. von hochrangigen Politikern gesagt wird, der Pazifismus sei aus der Zeit gefallen (obwohl es nach allem, was war, doch viel mehr aus der Zeit gefallen sein sollte, Kriege zu führen – oder nicht?). In denen auch hierzulande mehr davon geredet wird, dass wir wieder kriegstauglich werden müssten, als öffentlich darüber nachzudenken und viel mehr Engagement darin zu investieren, wie diese Welt endlich friedenstauglicher werden könnte… Und in denen wir tagtäglich neu erfahren müssen, dass immer mehr Menschen Hass und Gewalt, Terror und Kriegen zum Opfer fallen und das grausame Wechsel“spiel“ von Gewalt und Gegengewalt immer wieder neu in die Verlängerung geht. In Zeiten, in denen sehr vielen Menschen Fragen und sorgenvolle Gedanken auch mit Blick auf die Zukunft durch Kopf und Herz gehen und in denen mir eine Frage immer häufiger begegnet ist: „Wo bleibt in diesen Zeiten eigentlich der Aufschrei der Kirche?“

Mit ihrer Denkschrift unter der Überschrift: „Welt in Unordnung – gerechter Friede im Blick“ (Untertitel: Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen) hat sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im November letzten Jahres nun zu Wort gemeldet und damit nicht nur Zustimmung, sondern auch Kritik und Empörung ausgelöst. Einen Aufschrei bei denen – so könnte man sagen – die von ihr einen deutliche(re)n Aufschrei gegen die Gewalt erwartet hätten. Zu den etlichen kritischen Stellungnahmen zur sogenannten neuen „Friedensdenkschrift“ der EKD gehören mittlerweile z.B. 2 Bände von „Umdenkschriften“, die im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedentheologie herausgegeben wurden und in denen sich u.a. zahlreiche Christenmenschen von der kirchlichen Basis her von den inhaltlichen Aussagen der Denkschrift in einigen Punkten deutlich distanzieren. Das betrifft z.B. die in der EKD-Schrift beschriebene „verantwortungs-ethische“ Legitimierung des Besitzes von Atomwaffen zum Ziele der Abschreckung sowie die Rechtfertigung des Einsatzes von (militärischer) Gewalt (zum Schutz vor Gewalt) als „ultima ratio“ (wobei von den Verfassern der Denkschrift betont wird, dass zuvor alle anderen nicht-militärischen Optionen erschöpft sein müssten und am Primat bzw. Vorrang der Gewaltfreiheit festzuhalten sei).

Ich selbst zähle mich zu den Menschen, welche die sogenannte neue „Friedensdenkschrift“ der EKD gerade von friedensethischen Überzeugungen her so niemals hätten schreiben oder unterschreiben können – und ich hätte mir von „meiner“ Kirche gewünscht, dass sie auf den gewaltfreien Wegen Jesu bleibend in diesen oft so gewaltvollen Zeiten die Rolle eines Korrektivs, einer konsequenten und unmissverständlichen Warnerin und Mahnerin für den Frieden einnimmt und Krieg in keinem Fall als möglichen Weg, sondern immer und eindeutig als Irrweg benennt und im Idealfall sogar gewaltfreie Vorschläge für friedensstiftende Szenarien zu entwerfen versucht oder diesen zumindest in ihrer Denkschrift mehr Achtung und Beachtung schenkt. Wie etwa die allgemein wissenschaftlich anerkannte Chenoweth–Studie belegen kann, vermag auch gewaltfreier Widerstand – selbst im Fall eines Angriffs von Besatzungsregimen – erfolgreich und sogar erfolgreicher sein als militärische Interaktionen.

Während in der Denkschrift viel von einem „gerechten Frieden“ gesprochen wird (wobei die jeweiligen Kriegsparteien diesen Begriff von den eigenen Motiven und Zielen her vermutlich recht unterschiedlich bewerten dürften), hätte ich mir gewünscht, dass zuerst und vor allem konstatiert wird, dass es keinen gerechten Krieg geben kann. Niemals! Jeder Krieg zieht doch per se immer unfassbares Unrecht und Ungerechtigkeit nach sich. Nicht nur, indem er von wenigen Mächtigen angezettelt und – ob sie will oder nicht – von der jeweiligen Bevölkerung (samt unschuldiger Kinder!) erlitten werden muss und unzählige Todesopfer fordert, sondern auch deshalb, weil Krieg immer eine Eigendynamik der Grausamkeit freisetzt und als Menschheits-Verbrechen stets auch andere Verbrechen (Plünderungen, Folterungen, Vergewaltigungen, Exekutionen etc.) sowie Hungersnöte und anderes unvorstellbares Leid nach sich zieht und zu den oft entsetzlichen äußerlichen Wunden auch innerliche Wunden schlägt, auch über das Kriegsende hinaus vielfach verstümmelte und traumatisierte Menschen hinterlässt. Menschen, in deren Seelen nie wieder wirklich Ruhe und Frieden einkehren werden. Von denen viele nicht mehr in ihr zuvor gewohntes Leben zurückfinden können und infolgedessen nicht selten Beruf und Familie verlieren (und mitunter sogar noch lange nach Beendigung des Krieges durch Suizid ihr Leben). Dass sich im Krieg der Mensch allzu häufig zum Unmenschen wandelt (wenn Gräueltaten mitunter noch über die eigentlichen Befehle hinaus verübt und – was im Krieg immer wieder geschieht – rechtlich nicht geahndet werden), kann man aus der Historie unschwer erkennen. Und auch das vielzitierte Völkerrecht wird in einem Kriegsfall immer wieder übertreten und damit letztlich mit Füßen getreten.

Dass ein (Verteidigungs-)Krieg als „ultima ratio“ zum notwendigen Schutz der eigenen Bevölkerung bei einem Angriffskrieg dient (was ja vielen heutzutage auf den ersten Blick nachvollziehbar und plausibel erscheint, Argumentation: „Wir verteidigen uns doch nur! Sollen wir – als die Guten – uns dem „Feind“ – als dem Bösen – denn einfach nur ausliefern und unterwerfen, uns am Ende sogar töten lassen?“), ist m.E. auch deshalb zu kurz gedacht. Sobald ein Kriegsgeschehen auf beiden Seiten in Gang gesetzt wird, setzt sich zwangsläufig auch die Gewaltspirale von Gewalt und Gegengewalt in Gang, die – wenn man ehrlich ist – weder den Schutz der Soldaten noch den Schutz der Zivilbevölkerung wirklich gewährleisten kann. Erst recht nicht im Zuge immer neuer Eskalationsstufen, wie sie im Krieg ja keine Ausnahme, sondern eher der Normalfall sind. Und auch die in der Denkschrift genannten zu schützenden Werte wie „Freiheit“ werden im Kriegsfall eben nicht erhalten und bewahrt, sondern vielmehr außer Kraft gesetzt, weil jeder Krieg von den Menschen „Gehorsam“ verlangt und sie seinen eigenen Regeln und Befehlen unterwirft. Freiheit endet mit Kriegsbeginn – und jeder Krieg dient doch vor allem erstmal einem: Dem Tod!

Und außerdem: Läuft nicht die Logik von (vermeintlich rechtserhaltender) Gegengewalt in Reaktion auf Gewalt – mal weitergedacht – letztlich genau darauf hinaus, dass am Ende eben doch das Recht des (militärisch) Stärkeren siegt und nicht die Stärke des Rechts (auf welche die Denkschrift abzielt)? Es „gewinnt“ dann zuletzt ja doch der, der über das meiste / stärkste Waffen- und „Menschenmaterial“ (ein schreckliches und m.E. zugleich sehr entlarvendes Wort, das in einem Pressebericht tatsächlich zu lesen war) verfügt – nicht wahr? Und zieht das in der Konsequenz dieser Logik dann nicht zwangsläufig ein nur immer noch stärkeres Wettrüsten nach sich? Mit immer noch fataleren Folgen für Umwelt, Wirtschaft, Soziales… von immer höheren Opferzahlen (Achtung: Hinter jeder Zahl steht ein einzigartiges und um seine Zukunft beraubtes Menschenleben, um das andere Menschen trauern!) und immer mehr Zerstörung von Lebensraum ganz zu schweigen? Und soll das dann „gerechter Friede“ sein? Doch gewiss nicht. Da möchte ich mich viel lieber weiterhin ausschließlich an Jesus Christus halten. An diesen wohl prominentesten Vertreter der Gewaltfreiheit (was ja nicht gleichbedeutend mit Widerstandslosigkeit oder gar Untätigkeit ist), der uns Menschen für alle Zeiten diese Botschaft der Bergpredigt in die Herzen und Hände schreiben will: „Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen!“ (Mt. 5,9). Dass er, um dieses Ziel zu erreichen, heutzutage etwa über den Einsatz von Taurus Raketen nachdenken würde, kann und will ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Vieles, vieles mehr könnte und würde ich gerne noch anfügen (zum Beispiel zur Deklarierung militärischer Gewaltanwendung (zum Schutz vor Gewalt) als unter Umständen notwendigen Akt christlicher Nächstenliebe). Das würde aber einen eigenen Artikel erfordern. Ausdrücklich hinweisen möchte ich jedoch auf eine m.E. sehr wichtige Veranstaltung, die am 28. April 2026 um 19.00 Uhr in der St. Katharinen Kirche in Braunschweig stattfinden wird: Eine Podiumsdiskussion über die neue Denkschrift der EKD, die von Kerstin Vogt (Direktorin der Ev. Abt Jerusalem Akademie) und Christoph Krämer (Arzt, IPPNW-Mitglied) moderiert wird und an der Friedrich Kramer (Friedensbeauftragter des Rates der EKD und Landesbischof in Magdeburg), Dr. Erich Vad (Brigadegeneral a.D. und vormaliger militärpolitischer Berater von Angela Merkel) sowie Prof. Dr. Jörg Hübner (Direktor der Ev. Akademie Bad Boll, Pfarrer und Co-Autor der Denkschrift) teilnehmen werden. Eine wunderbare Gelegenheit, unterschiedliche Positionen zu hören, wirken zu lassen und ins Gespräch zu bringen – und für das Publikum im Anschluss die Chance, sich mit kritischen Fragen und eigenen Gedanken an die hochkarätigen Podiumsteilnehmer zu wenden! Ich persönlich bin sehr gespannt darauf und hoffe, dort viele Menschen zu treffen, die den Traum vom Frieden im Herzen tragen und seine Verwirklichung nicht erst dem Reich Gottes überlassen möchten… Frieden wünschen und brauchen wir letztlich doch alle.

Melanie Klawitter, geb. Mittelstädt, Pfarrerin der Braunschweiger Landeskirche.

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