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Veranstaltung mit Michael Lüders war ein voller Erfolg

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Michael Lüders. Screenshot aus dem Interview mit der "Finanzmarktwelt"

Über 200 Zuhörer füllten den Saal in der Wilhelmstraße 5 bis zum letzten Platz. Die Veranstalter, der Braunschweig-Spiegel, der IPPNW (Deutsche Sektion der internationalen Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkriegs) und das Friedenszentrum Braunschweig konnten angesichts des Versuchs, den Vortrag von Michael Lüders mit Hilfe konstruierter Antisemitismus-Vorwürfe zu verhindern, über diesen Besucheransturm nur froh sein. (Zur Vorgeschichte: siehe hier)

In seinem Vortrag setzte Lüders sich kritisch mit dem Israel-Bild in Deutschland auseinander, das völlig konträr zur Wirklichkeit in Israel, Gaza und dem Westjordanland sei und nicht wahrhaben wolle, dass die Regierung Netanjahu einen Massenmord – man kann es auch Völkermord nennen – an der palästinensischen Bevölkerung in Gaza begehe und dabei sei, die dortigen Lebensgrundlagen umfassend zu zerstören und auch die Palästinenser im Westjordanland zu vertreiben, um Raum für „Großisrael“ zu schaffen. Der angeblich erzielte „Waffenstillstand“ in Gaza existiere in Wahrheit nicht, der Vernichtungskrieg Israels gehe weiter. Als Beispiel dafür nannte Lüders, die fortgesetzte Unterbindung ausreichender Lieferungen von Wasser und Lebensmitteln durch das israelische Militär, die Strategie des Aushungerns, die vor allem Kinder schwer treffe. Ferner sei beobachtet worden, dass entgegen der in Verhandlungen zugesicherten Ausreise von 250 Schwerverletzten pro Tag – von ca. 20.000 – nach Ägypten nun täglich nur 15 bis 20 von den Israelis zugelassen werde. Anlässlich des Besuches von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner in Gaza (im von der israelischen Armee gesteckten Rahmen) hätte man in der hiesigen Presse und dem ÖRR wohl wenigstens solche kritischen Berichte über das Sterben in Gaza erfahren müssen, aber Fehlanzeige.

 Die „Kräfte der Beharrung“, die sich hierzulande immer hinter der „Staatsräson“ – eine Erfindung von Frau Merkel bei ihrem Besuch in der Knesset –  scharen, bauten trotz der internationalen Kritik an Israels Kriegsverbrechen die militärische und geheimdienstliche Kooperation mit Israel weiter aus und verfolgten ihre Kritiker mit haltlosen Antisemitismus-Vorwürfen und finanziellen Sanktionen. Die politischen und journalistischen Eliten der sogenannten demokratischen Mitte, die aus der deutschen Geschichte gelernt haben wollen, hätten die Solidarität mit Israel unter dem Motto „Nie wieder ist jetzt“ zur Symbiose von Judentum und israelischem Staat fehlgedeutet, daher ihre Antisemitismus-Strategie so gesteigert, dass harte Sanktionen selbst jüdische Vereinigungen träfen, die sich kritisch zu Israels Gaza-Krieg äußerten, wie die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“.  Wie das alles auf die ca. 1,5 Millionen Menschen mit palästinensisch-arabischen Wurzeln in Deutschland wirkt und auf Deutschlands Ansehen in der Welt, müsse sich die Regierung fragen.

Geopolitisch spitze sich der machtpolitische Konflikt im Nahen Osten gefährlich zu mit dem offenkundig gemeinsamen Versuch von Israel und den USA, die einzige störende Regionalmacht dort, den Iran zu schwächen. Der aktuelle militärische Aufmarsch dort stelle zunächst den Versuch dar, die Wirtschaft Irans zu strangulieren, was allerdings nicht so einfach sei wie mit Venezuela oder Kuba, denn sowohl Russland als auch China haben massive Interessen in Iran. Ob es auch zum Krieg kommt? Die Zukunft sieht also keineswegs hoffnungsfroh aus.

In der abschließenden Fragerunde gab es eine sehr rege und engagierte Beteiligung aus dem Publikum.

Zum selben Thema erreichte uns noch ein bisher nicht veröffentlichter Leserbrief vom 8. Februar an die Braunschweiger Zeitung:

Sehr geehrtes Redaktionsteam,

anbei ein Leserbrief zum Artikel „Veranstaltungsabsage führt zu Ärger in der Evangelischen Akademie“ vom 5. Februar und dem Kommentar „Falsch in der Mitte“

Es ist irritierend und befremdlich, dass ein Referent, der ein ausgewiesener Nahostexperte ist und deshalb bereits von unterschiedlichster Seite mehrfach nach Braunschweig eingeladen wurde, plötzlich ausgeladen wird. In dem Kommentar wurde diese Absage offenkundig begrüßt. Inwiefern der Kommentator – und gleichzeitig Verfasser des Artikels – eine Verbindung zwischen der Absage und der Parteizugehörigkeit des Referenten sieht, bleibt dem Leser des Artikels allerdings verschlossen. Auch dürfte ein „extrem kritischer Standpunkt“ des Referenten gegenüber der israelischen Regierung erlaubt sein. Am Ende war es dann die Unterstellung von Antisemitismus, die den Letzten bezüglich der Ausladung überzeugen musste. 

Tatsache ist, dass gegen die Vertreter der israelischen Regierung Benjamin Netanjahu und Joaw Galant Haftbefehle vom internationalen Strafgerichtshof wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit erlassen wurden. Ein kritischer Standpunkt gegenüber der Regierung sollte da angemessen sein.

Dass zudem der Titel der Veranstaltung nicht ganz von der Hand zu weisen ist, zeigt die Rede des Ministerpräsidenten Netanjahu vor der UN-Vollversammlung im September 2023, als er eine Landkarte von Israel zeigte, auf der der Gazastreifen, das Westjordanland und Ostjerusalem zum Staatsgebiet zählten. Auch hält Israel mittlerweile Teile Libanons und neben den bereits seit Jahrzehnten besetzten Golanhöhen auch weitere Teile Syriens besetzt und zerstört dort ganze Ortschaften. Ferner bestätigte der Ministerpräsident Netanjahu in einem Interview im August letzten Jahres im israelischen Fernsehsender i24News , dass er einer Vision eines „Groß-Israels“ anhänge, was in der arabischen Welt als Provokation angesehen wurde und eine Welle der Empörung auslöste. Der Erweiterung der US-Einflusssphäre steht Trump um nichts nach.

Abschließend bleibt im Dunkeln, worin der Kommentator eine Gefahr in den vermeintlichen „Lüders-Fans“ sieht. Diese Unterstellung grenzt zudem an Verleumdung. 

Eine Gefahr besteht eher darin, dass es in Deutschland und offenbar auch in Braunschweig nicht möglich ist, einen offenen Diskurs über den Nahost Konflikt zu führen und der Raum für eine kritische Auseinandersetzung genommen wird. Das ist ein Angriff auf unser demokratisches Selbstverständnis. Erfreulich ist, dass die Veranstaltung doch noch am gleichen Tag und zur gleichen Zeit im DGB-Haus stattfinden kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Ute Lampe

2 Kommentare

  1. Zum Vortrag von Dr. Michael Lüders am 12.2.2026 zu „Israel, USA und er imperiale Größenwahn im Nahen Osten“:
    Der Vortrag von Michael Lüders im Gewerkschaftshaus war ein wilder Ritt voller Behauptungen. Lüders behauptet Z.B., dass alle israelischen Regierungen seit 1948 auf ihrem Staatsgebiet eine „Ethnisierung“ bzw. „Judaisierung from the River to the Sea“ betrieben haben. Sie hätten nicht nur eine Zweistaatenlösung schon immer abgelehnt, sondern auch das Lebensrecht der Palästinenser überhaupt. „Säuberung“, murmelt jemand in meiner Nähe. Das Publikum war empfänglich und dankbar für diese simplifizierende Darstellung. Keine Rede davon, dass Israel ein demokratischer Rechtsstaat ist, keine Erwähnung, dass die Zweistaatenlösung von Anfang an von der Mehrheit der arabischen Staaten abgelehnt wurde, die Israel nicht anerkennen wollten, teilweise bis heute. Auch kein Wort von Jizchak Rabin und dem Friedensprozess Mitte der 90er Jahre. Solche geschichtlichen Fakten passen einfach nicht in Lüders Bild vom bösen Staat Israel. Mit Blick auf die Hamas habe die israelische Regierung im Oktober 2023 „die Tür offenstehen lassen“ und damit den erfolgten „Großangriff“ gezielt provoziert, um einen weiteren Grund für die fortgesetzte „Entsorgung“ der Palästinenser zu haben. Aufhetzende Wortwahl mit halbwahren Behauptungen. Lüders Empathie für die Situation palästinensischer Familien im Kriegsgebiet ist nachvollziehbar, für die jüdischen Opfer der terroristischen Menschenschlächter am 7.10.2023 und die Behandlung der Geiseln hat er keine Silbe übrig. Auf dem Hintergrund der Verbrechen im Holocaust – so Lüders – sei man nun in Deutschland wegen einer „Fetischisierung“ des Israelbildes nicht in der Lage, mit der Realität des gegenwärtig dort stattfindenden „Völkermordes“ an den Palästinensern in Gaza angemessen umzugehen. Vor allem nach der Wiedervereinigung Deutschlands habe man im Slogan „Nie wieder“ ein identitätsstiftendes, emotionales Band für die Nation schaffen wollen. Dafür habe man sich des Holocausts bedient und schließlich das Holocaustmahnmal in Berlin gebaut. Monothematische Analyse, überall sieht Lüders dieselben bösen Geister. Die geradezu mit Fingerspitzen vorgenommene Beschreibung bundesdeutscher Gedenkkultur hat m.E. inhaltliche Ähnlichkeiten mit deren Etikettierung als „Schuld-Kult“ und der Forderung nach einer „erinnerungspolitischen Wende“. Die deutschen Antisemitismus-Beauftragten des Bundes und der Länder – so Lüders – seien der israelischen Botschaft oder dem Zentralrat der Juden hörig. In der Weltsicht Lüders spielen alle mit: Der Verfassungsschutz als weisungsgebundene Behörde und die Medien sorgten dafür, dass jegliche Kritik an Israel als Antisemitismus gebrandmarkt und aus der Öffentlichkeit gedrängt werden könne. Konkrete Einzelfälle von Diskriminierung Andersdenkender streift er beiläufig – Namen, Daten und Recherche sind „nicht so wichtig“ –, sie dienen nur zur Illustrierung seines Narrativs. Lüders nimmt nicht zur Kenntnis, dass die Berichterstattung bei ARD und ZDF über den Krieg in Gaza als auch Einlassungen von Kanzler und Außenminister kritisch gegen Israel gerichtet gewesen sind. Im Zusammenspiel mit den USA weitet sich in Lüders Sicht das Problem global aus, mächtiges Geld ist im Spiel. Er braucht es nicht auszusprechen und erweckt doch den Eindruck, dass er eine jüdische Weltverschwörung am Werk sieht und an eine Art global agierendes „Finanzjudentum“ glaubt.
    Für Lüders ist die (Um-)Definition von Antisemitismus in diesem Zusammenhang wesentlich. Begriff und Sache eines „israelbezogenen Antisemitismus“ lehnt er rundweg ab. Antisemitismus solle auf einen rein rassistischen Ansatz beschränkt werden. Dann wäre mit einem allgemeinen Antirassismus alles Böse schon hinreichend zurückgewiesen („alles drinne“). Juden können in seinem Weltbild wieder unsichtbar gemacht werden. Damit wischt Lüders nicht nur jahrzehntelange Antisemitismusforschung mal eben vom Tisch, er blendet auch das mächtige irrationale antijüdische Ressentiment aus, das durchaus ohne Biologismus auskommt und sich an Symbolen abarbeitet (z.B. die Kipa, Flagge), damit auch an der Staatssouveränität Israels. Antisemitismus braucht keine tumbe Rassenlehre, um gefährlich zu sein. Auch hier: Die begründeten Ängste von Jüdinnen und Juden tauchen in seiner Wahrnehmung gar nicht auf. Die von Lüders abgelehnte Definition des israelbezogenen Antisemitismus sei vielmehr „ein Trick“ und diene letztlich nur dem Schutz und der Verschleierung der aggressiven imperialen Politik des Staates Israel. Er suggeriert, die erste und zweite Intifada (gezielte Terrorakte gegen israelische Zivilisten) stünden neben anderen Initiativen berechtigter Kritik an Israels Politik. Legitimierung von Terror. Zudem sei der Iran einer der wenigen nahöstlichen Akteure, der noch gegen diesen israelisch-amerikanischen Imperialismus aufbegehre. Die Politik iranischer Mullahs als nachvollziehbaren Widerstand gegen Israel zu klassifizieren, spricht sowohl dem Leiden der iranischen Bevölkerung als auch den Opfern des islamistischen Terrors, der vom Iran finanziert wird, eiskalt Hohn. Es ist kein gutes Signal für Jüdinnen und Juden in Braunschweig, dass ein so pauschal israelfeindliches Bild mit Verzerrung historischer Fakten in einem öffentlichen Vortrag im Braunschweiger Gewerkschaftshaus widerspruchslos gezeichnet werden konnte. Begrüßung und Anmoderationen der Veranstalter ließen kein kritisches Verhältnis zu der unverhohlen einseitigen Positionierung des Referenten erkennen. Vordergründig gibt man vor, eine Stimme zu Wort kommen zu lassen, die man für friedensstiftend hält. Im Grunde aber teilt man die Positionen Lüders, gestützt vom scheinbar allgemeinen Einvernehmen eines zahlreichen Publikums im völlig überfüllten Veranstaltungssaal. Ich bin nicht der Meinung, dass Veranstaltungen mit Herrn Lüders verhindert werden sollten. Der Szenenapplaus aus einem über 200-köpfigen Publikum, bereitwilliges Lachen über seine kirchenkritischen Pointen zeigen, dass es informierten Streit über die Sache braucht. Das monologische Format, zu dem sich die Veranstalter trotzig entschieden haben, ist bei einem Redner wie Lüders allerdings eine Katastrophe und ihre Distanzlosigkeit zu ihm vielsagend. Quo vadis, Friedenszentrum?
    Werner Busch
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  2. Hr Lueders hatte folgendes am Rand erwaehnt, ohne Quellenangabe und Opferzahlen.

    Zitat von der Palaestinamission, der Vertretung in Oesterreich, von einem Al Jazeera-Bericht:

    Laut der arabischen Untersuchung von Al Jazeera, „The Rest of the Story“, haben Zivilschutzteams in Gaza 2.842 Palästinenser*innen dokumentiert, die seit Beginn des Krieges im Oktober 2023 „verdampft“ sind und außer Blutspritzern oder kleinen Fleischfragmenten keine Überreste hinterlassen haben. Expert*innen und Zeug*innen führten dieses Phänomen auf den systematischen Einsatz international verbotener thermischer und thermobarer Waffen durch Israel zurück, die oft als Vakuum- oder Aerosolbomben bezeichnet werden und Temperaturen von über 3.500 Grad Celsius erzeugen können.

    https://www.palestinemission.at/single-post/israel-setzte-in-gaza-waffen-ein-die-tausende-pal%C3%A4stinenser-innen-verdampfen-lie%C3%9Fen

    Ich vermute, das faellt fuer Hr.Busch unter „Aufhetzende Wortwahl mit halbwahren Behauptungen“?

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