Dr. Helmut Kramer und die Ignoranz der Lokalmedien

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Helmut Kramer hält in Karlsruhe einen Vortrag über den NS-Richter und später Richter am Bundesgerichtshof Willi Geiger. Foto: Uwe Meier

Karl-Ernst Hueske veröffentlichte in dern Wolfenbütteler und Salzgitter-Zeitung am 25.April einen Bericht über die Verhinderung des Abrisses des NS-Hinrichtungshauses in der Wolfenbütteler JVA. Dieser Bericht ist schlicht skandalös. Zu diesem Bericht gab es daher einen Leserbrief, der von der Zeitung nicht abgedruckt wurde. Der Braunschweig-Spiegel veröffentlicht den Leserbrief hier ungekürzt.

Wo liegt der Skandal, denn formal ist alles richtig? Der Skandal dieses Berichtes in den Zeitungen liegt in der Schwerpunktsetzung. Der eigentliche Retter des Hinrichtungsgebäudes und der Initiator der Gedenkstätte war der vielfach geehrte Dr. Helmut Kramer, ehemals Richter am Oberlandesgericht Braunschweig und der bundesweit anerkannteste Aufarbeiter der Nazi-Justizverbrechen. Daran arbeitet Kramer, 75 Jahre nach Kriegende und inzwischen 90 Jahre alt, immer noch. Der dürre Hinweis auf seinen Namen im Bericht als Initiator der Initiative von Wolfenbüttlern, kann nur als peinlich unprofessionell bezeichnet werden. (Jörn Halusa)

Leserbrief von Ingolf Spickschen

Leserbrief zum Beitrag:“Wie Wolfenbütteler vor 30 Jahren den Abriss der Hinrichtungsstätte verhinderten“ in der Wolfenbütteler- und der Salzgitter-Zeitung v.25.04. 2020

Sehr geehrte Redaktion,

zu dem o.g. ausführlichen und eindrucksvollen Bericht über die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Gedenkstätte in der Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel, den ich in beiden Ausgaben lesen konnte, möchte ich – der historischen Wahrheit zuliebe – noch folgendes ergänzen:

„Peinlich berührt und mit völligem Unverständnis habe ich dem Bericht entnommen, dass zwar der ehemalige JVA-Leiter Hannes Wittfoth – offenbar bei der Eröffnung der neuen Ausstellung im Dezember des Vorjahres „ für seinen Einsatz für eine Gedenkstätte in der JVA“ mit besonderen Dank geehrt und abgebildet worden ist, nicht dagegen der als solcher sogar benannte Retter des Hinrichtungsgebäudes, Mitinitiator der Gedenkstätte und Mitautor der erwähnten Erstausstellung „NS-Justiz und Todesstrafe“, Richter am OLG Dr. Helmut Kramer, der ebenfalls anwesend war.

Außerdem ist bei der Eröffnungsveranstaltung im Dezember anscheinend unerwähnt geblieben, dass die Rettung der Hinrichtungsstätte und die Gründung der Gedenkstätte ursprünglich gegen den ausdrücklichen Widerstand des früheren Kultusministers Remmers – der als Redner der Eröffnungsausstellung hervorgehoben wurde — und nur mithilfe des überwältigenden nationalen und internationalen Protests und eines persönlichen Schreibens des Bundespräsidenten von Weizsäcker an Remmers durchgesetzt werden konnte.

Mit keinem Wort ist zudem der grundlegende inhaltliche Schwerpunktwechsel erläutert und begründet worden, der mit der neuen Ausstellung vollzogen worden ist. Während die Gründungsausstellung ganz bewusst und gezielt auf die NS-Strafjustiz und Sondergerichtsbarkeit, ihre Opfer, aber eben auch die geistigen Vorbereiter der Blut-und Terrorjustiz in den Talaren der Juristischen Wissenschaft und Lehre ebenso wie die Täter in den Roben der Staatsanwälte und Richter sowie deren späteren Karrieren in der BRD ausgerichtet war und damit eine Einzelstellung innerhalb der Gedenkstättenlandschaft einnahm, ist sie nunmehr thematisch auf das Thema NS-Strafvollzug begrenzt, dem auch mehrere andere Gedenkstätten gewidmet sind. Der Täteraspekt scheint lediglich noch an einem dargestellten Einzelverfahren auf, ohne die beteiligten Strafjuristen in ihrem persönlichen Werdegang als NS-Täter und ggf. in ihrer weiteren Berufskarriere in der BRD darzustellen, wie das ursprünglich für mindestens 30 der beteiligten Juristen geplant und vier in bereitgestellten Aktenordnern geschehen war, die irgendwann nicht mehr auffindbar waren.

Das stillschweigende Verschwinden der Ursprungsausstellung, die auch als Reiseausstellung ab 2001 – wie in dem Beitrag erwähnt- mit großem Erfolg und überwältigender Resonanz gezeigt worden war, erscheint mir und vielen anderen historisch-politisch interessierten Menschen im Braunschweiger Land ebenso unerklärlich und bedauerlich, wie die Respektlosigkeit, die darin den so verdienstvollen Gründern, insbesondere Dr. Helmut Kramer gegenüber, zum Ausdruck kommt.

Vielleicht ist aber ja das letzte Wort hierzu noch nicht gesprochen. Denn der derzeitige Leiter der Niedersächsischen Gedenkstätten-Stiftung, Herr Jens-Christian Wagner, hat in einem Interview mit der taz vom 15.01.2020 selbst „Defizite in unserer öffentlichen Erinnerungskultur“ eingeräumt. Und weiter:“ Wir haben uns in den letzten 20 Jahren viel zu stark mit den Opfern befasst….die Trauer (über die Opfer) hat den Blick auf die Täter verstellt…Um die Opfer zu trauern ist eben einfacher, als Fragen nach den Tätern zu stellen…auch in den Gedenkstätten müssen wir nachjustieren…. In Bergen-Belsen, wo die Täter in der Dauerausstellung nur wenig thematisiert werden, bereiten wir zum Beispiel derzeit eine Sonderausstellung zu den Themen Täterschaft und Gesellschaft im Umfeld des Lagers vor… „.“

Mit freundlichen Güßen

Dr. Ingolf Spickschen

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