Der Respekt vor dem LEBEN und die Stadttaube

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Die Stadttaube ist in unserer heutigen Gesellschaft zur »Ratte der Lüfte« degradiert worden. Bei keinem anderen Tier gehen die Meinungen derart auseinander. Hat nicht jedes Tier Anspruch auf Respekt? Gilt es nicht jedem Lebewesen Ehrfurcht zu erweisen, sei es Tier oder Pflanze. Einfach deshalb weil es lebt, wir Menschen Leben nicht geben können und die Stadttaube den Menschen in der Regel nicht schädigt.

Dieser Beitrag handelt vom Leben, von Respekt, und wie wir Menschen Lebewesen in lebenswert und lebensunwert unterscheiden. Und wie dieses Denken unsere Zukunftsfähigkeit in Frage stellt, denn „Ohne Ehrfurcht vor dem Leben hat die Menschheit keine Zukunft.“ (Gottfried Schüz) Wir erkennen das am Klimawandel und an der traurigen Bilanz des UN-Biodiversitätsrates, der einen radikalen Neustart fordert, um zu retten, was zu retten ist. Dazu gehört auch die Stadttaube. Wenn man so will als Indikator für den Respekt vor dem Lebendigen.

Stadttauben beim Futter aufnehmen an einer Futterstelle.

Ehrfurcht vor der Stadttaube

Dürfen wir die Berechtigung zum Leben daran messen, wie viele es von einer Art gibt, oder mit wie vielen Vorurteilen wir es belegen? Es handelte sich doch „nur“ um eine Stadttaube, und von denen gibt es ja sowieso zu viele, und außerdem übertragen sie Krankheiten und, und, und…. 

Die Lehre von der Ehrfurcht vor dem Leben ist eine Art elementare Wahrheit. Sie geht von der Feststellung aus: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ (Albert Schweitzer)

Schon seit alters her hatte die Taube eine symbolische Bedeutung. So stand die Taube in der Antike sinnbildhaft für Sanftmut, Einfalt und Unschuld. Man nahm damals an, dass sie keine Galle besitze und darum von allem Bösen und Bitteren frei sei. Zudem galt sie im alten Indien und bei einigen germanischen Stämmen als Seelenvogel.

Ab dem 6. Jahrhundert wurde die Taube auch im Christentum zum Symbol erhoben. Seither steht sie bildlich für den Heiligen Geist und somit auch für Pfingsten.

Wenn wir ein krankes Tier, z. B. eine Taube, sachgerecht pflegen, zeigen wir Respekt dem Lebendigen gegenüber und geben damit auch unserem eigenen Leben Würde, denn wir setzen uns über alle gängigen Vorurteile hinweg. Das Mitleid mit den Tieren ist etwas Natürliches, das zur wahren Menschlichkeit gehört. Und Ethik ist die „ins grenzenlose erweiterte Verantwortung gegenüber allem was lebt“ (Albert Schweitzer). 

Schwer verletzte Stadttaube. Die Füsse sind fast abgestorben, weil sie sich im Zivilisationsmüll auf der Strasse verstrickte.


Zur Würde des Lebens

Wir erleben es tagtäglich bei der Diskussion zum Klimawandel und zum Bericht des UN-Biodiversitätsrates. „Ethik ist stets unzeitgemäß, sie stellt Sollforderungen auf, die über die Ist-Zustände hinausführen.“

Die Sollforderung ist Gerechtigkeit gegenüber dem Leben. Leben erhalten, Leben fördern, die Mitweltbedingungen so gestalten, dass sie auch kommenden Generationen Entscheidungsvielfalt über die Lebensgrundlagen bietet. Die Ist-Zustände, seien sie auch noch so ungerecht, werden verteidigt werden. In Zeiten der vierteljährlichen Börsenberichte und der Bereitschaft zum Betrug an Mitwelt und Mensch, wird der Ist-Zustand mit allen Mitteln verteidigt werden.

Doch die Menschheit braucht die Ehrfurcht vor dem Leben, um sich von ihr leiten zu lassen. Sie ist an keine Religion gebunden. In der Ehrfurcht vor dem Leben verbinden sich Denken und Fühlen. Sie erwartet nicht nur Nächstenliebe gegenüber den Menschen, sondern ebenso Mit­gefühl mit den Tieren und auch Pflanzen, weil sie Würde haben. Auch und insbesondere die Stadttaube, die in unseren Städten ein schwieriges Leben führt.

Unterschiede bei den Werten

Gibt es Wertunterschiede? „Wo ich irgendwelches Leben schädige“, sagt Albert Schweitzer, „muss ich mir darüber klar sein, ob es notwendig ist.“

Wen schädigen die Stadttauben? Niemanden! Wenn der Eindruck vorherrschen sollte, dass es zu viele sind (was ist zu viel?), dann tut man gut daran, sie mit Respekt zu reduzieren. Wie z. B. mit einem kontrollierten Taubenschlag.

Leben aus Gedankenlosigkeit, Hass oder Habgier zu zerstören, ist verwerflich und widerspricht der Würde des Lebens.

Die Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben ist das Grundprinzip des Sittlichen. So wie die DNA der genetische Code in der Biologie, so sollte die Ehrfurcht vor dem Leben der ethische Code in der menschlichen Gesellschaft sein. Würden sich mehr Menschen an ihr orientieren, gäbe es kein „Fridays for Future“..

Es kann nicht ökonomisch richtig sein, was ökologisch falsch ist

Im Blick auf die gesamte Menschheit verbietet die Ehrfurcht vor dem Leben die Anwendung von Gewalt wie sie in Krieg und Terror, aber auch im Rassismus, Nationalismus und in religiösem oder politischem Fanatismus zum Ausdruck kommt. Der amerikanische Bürger- und Menschenrechtler Martin Luther King rief aus: „Es gibt in dieser Welt keine Wahl mehr zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit. Entweder Gewaltlosigkeit oder Nichtexistenz“! Ehrfurcht vor dem Leben verlangt grundsätzlich Wahrhaftigkeit und Friedfertigkeit. Sie gebietet ebenso, inhumanen Ideologien und Verhaltensweisen entschieden entgegen zu treten. Des­halb ist sie gegen die Kriegsdrohung und -rüstung und ächtet Massenvernichtungs­waffen.

Die Gesinnung der Ehrfurcht vor dem Leben gebietet eine Lebensweise, die an die Zukunft der Menschheit und allen Lebens (auch der Stadttauben) auf der Erde denkt. Sie fordert deshalb ein Denken und Handeln für Nachhaltigkeit.

Dies bedeutet vor allem, dass wir unsere Lebensgrundlagen pflegen und nicht zer­stören. Es kann nicht ökonomisch richtig sein, was ökologisch falsch ist. Der Mensch muss wie alle Lebewesen atmen, trinken und essen. Also müssen wir unsere Luft und das Wasser rein halten. Auch unser Grundwasser, aus dem wir das Trinkwasser gewinnen, ist frei von Schad­stoffen zu halten. So handeln im Geist der Ehrfurcht vor dem Leben auch alle diejenigen, die für den Klimaschutz eintreten. Zukunftsorientiert handeln die, die sich mit allem, was lebendig ist, innerlich verbunden fühlen.

Die Gesinnung der Ehrfurcht vor dem Leben setzt eigenes Denken in Freiheit voraus. Wahrhaftige Demokratie braucht selbständig denkende, mündige Bürger. „Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen“, sagte Immanuel Kant. „Der Andere“ können Demagogen, Rassisten und Nationalisten sein. Aber auch die, die für ständiges Wirtschaftswachstum plädieren.

„Ohne Ehrfurcht vor dem Leben hat die Menschheit keine Zukunft.“

2 KOMMENTARE

  1. Ausgezeichneter Artikel! Vielen lieben Dank dafür, darüber habe ich mich heute wirklich sehr gefreut!

    Einst haben Tauben in unseren Kriegen gekämpft und haben unter Einsatz ihres Lebens tausende Soldaten gerettet, obwohl sie selbst Familien und Kinder hatten. Die Stadttauben heute sind ihre Nachfahren und auch sie sind Veteranen, verlorene Zuchttauben in erster oder auch siebzehnter Generation, die keine Menschen mehr haben, die sich um sie kümmern. Doch wie alle verwilderten Haustiere brauchen sie dennoch Pflege und Futter.

    Sie verdienen Respekt.

  2. Danke für den Artikel, in dem wohltuenderweise Tiere lediglich funktionalisierende Worte und Denkart herausgelassen sind, statt dessen Mitgefühl und Aufruf zur Vernunft genannt werden. Das fehlt leider in vielen Artikeln über Tauben in Städten. Tauben sehe ich als unglaublich zartfühlende, hochintelligente und vom Charakter und Tugenden her beeindruckend grossherzige, gern edelmütig und sozial wunderbar mitfühlende, weitsichtig schauende, ja, umsichtig und z.T. weise handelnde Persönlichkeiten – eine hochentwickelte „Evolution“, charakterlich sogar höher entwickelt als Menschen erscheinen sie, in Jahren fast täglichen Beisammenseins und Austausch mit anderen Tauben-Helfer/innen in Kiel und anderen Städten o. Ländern. Es gehört zum Beruflichen, Einschätzungen über den Charakter von Personen – Menschen meist – zu machen bzw. besonders in der Vergangenheit oft gemacht zu haben und in Anlagen zur Entwicklung zu fördern (als Dipl.Soz.Päd. & -Soz.Arb. (FH), Referentin u.w.).
    In ca. 5-6 Jahren, in denen ich in Kiel Tauben im Stadtbereich helfe, hat es inzwischen bei Bemühung um richtige Information über Tauben in Städten – bei äusserst vielen schlechten Falschannahmen in der Bevölkerung leider, durch Schlechtmachen wie durch gewisse Schädlingsbekämpfungsfirmen u.a. – etwa geschätzte 100 Gespräche mit Anwohnern ect. gegeben. Dabei hat sich gezeigt: Es haben sich stets immer nur eine „Art“ von Menschen negativ zu Tauben geäussert: dass sie stören würden, „zuviel“ seien ect.: Personen, die sich auch sonst an der Natur stören, an Kleinigkeiten, die andere tun oder vermeintlich tun und die das höchste Wohl aller nicht wirklich interessiert. Alle anderen aber, und das sind bei näherem Hinsehen und Sprechen vor allem die meisten, möchten schon, dass wir alle in Frieden und Harmonie miteinander leben. Diese „Art“ von Menschen hat stets gesagt in solchen Gesprächen: Ach, wenn es so ist, brauchen die Tauben ja Hilfe. (s. z.B. Artikel bei PETA 50+ „Stadttauben brauchen unsere Hilfe“, B.M. Schneider) Diese Menschen haben niemals gesagt, jemand oder Tauben – oder auch MÄuse, Ratten ect. – würden (sie) stören, es sind immer andere, die laut sind und in den Vordergrund kommen, zu Ordnungsämtern gehen oder dort anrufen, z.T. anonym hinmailen ect., oder Polizei, Gericht ect. „einschalten“ wollen zu diversen Belangen: Fazit meinerseits: Diese Personen möchten nicht wirklich mit anderen sprechen, greifen aber zu harschen Mitteln, indem sie Tauben anprangern oder auch andere Spezies, die sie „stören“ würden – und dann entsteht das, was in leider etlichen Artikeln über „Stadt“-Tauben geschehen ist und was m.E. aus all den Jahren Erfahrung nichts anderes als Meinungsmache darstellt: Es wird postuliert, VIELE – auch m.E. „vernünftige“ BürgerInnen – würden etwas „gegen Tauben“ haben. Dem ist aber nicht so, im Gegenteil. Nur ist es leider wie so oft: die stillen Personen, die oft gerade vernünftig und mit Wille zur Weisheit zu unserer aller Wohl in die Welt schauen und so in ihr leben, werden oft nicht laut nach aussen, werden oft nicht gehört oder für voll genommen. Angenommen, 1000 Personen meinen, Tauben in Städten bräuchten Hilfe, so gibt es vielleicht 20, die – lauthals und brüllend, ja aggressiv, oft angetrunken z.T. – meinen, Tauben würden (sie) stören, es seien „zu viele“, bezeichnen sie – ohne Wissen über sie zuallermeist – als „RdLüfte“ und geben ihre eigentlich einsame Ansicht aufs Gros der Bevölkerung bezogen laut und schreierisch an Behörden weiter. Diese nehmen dann oft nur wahr, was gerade diese „Art“ von Bürgern meinen – und daraus entsteht der Irrtum, Tauben würden angeblich stören, schädigen, seien „zu viele“ ect. Das ist wichtig zu wissen, meine ich, denn die Erfahrung haben bereits viele andere in anderen Städten (so) gemacht. Insofern freut dieser Artikel, und es wäre schön, wenn mehr klar würde, dass es „Lauthälse“ in der Bevölkerung gibt – oft Menschen, die auch Müll in die Gegend werfen, sich aber aufregen, weil angeblich Vögel „Dreck“ machen würden, sich freuen, in Betonwüsten zu leben u.a. -, die „gegen“ Lebewesen jedweder Art etwas haben mögen, dass dies aber bei Weitem nicht die Ansicht vieler oder gar aller Gott sei Dank auch vernünftig seienden Personen in der Bevölkerung – allein in Deutschland, Österreich ect. – ist.
    Das herauszustellen, schien so relevant in der Waage des Themas im Anschauen dessen, da so oft in Artikeln immer wieder am Anfang postuliert wird, Tauben würden etliche Bürger „stören“ o.ä., dass der kleine Kommentar hoffentlich beiträgt, die Augen etwas weiter aufmachen und sehen zu wollen, dass es mehr vernünftige Leute gibt, die leider nur nicht so hörbar werden wie jene, die ihre Ansicht am Lautesten kundtun mögen. Danke für mehr Umsicht und Achtsamkeit gegenüber anderen, wie es auch in diesem Artikel erbeten wird, im Zitieren von Albert Schweitzer.

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