Der Danni – Mehr als nur Klimaschutz und Baumhäuser

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Blick auf "Oben", das letzte Baumhausdorf im Dannenröder Forst

Von Raste

Hitzige Zustände

„Oben“ – so hieß das letzte Baumhausdorf im Dannenröder Forst. Wie eine letzte Bastion, die es zu verteidigen galt, nahm es Züge eines Schlachtfeldes an: wadenhoher Schlamm, Eiseskälte gepaart mit dickem Nebel, abgerissene Baumstümpfe und eine permanente Anspannung in der Luft.

Unter den Augen der Öffentlichkeit komplettierte ein „Klima-Aktivist/-innen vs. Polizei“ diese dystopischen Bilder. Auf der einen Seite stellten sich erstere mutig und mit unermesslichem Durchhaltevermögen der Klimazerstörung entgegen, was leider teils in gefährlich heroischem Individualaktivismus ausufern musste.

Auf der anderen Seite ein absolut unverhältnismäßiges Beamtenaufgebot sowie gigantische Maschinen, die jegliche Barrikaden und Strukturen der Waldbewohner/-innen zerfetzten – laut einem lokalen Journalisten ein Einsatz, der nicht mit dem im Hambi vergleichbar gewesen sei.

All das für den Bau einer Autobahn!?

All das, obwohl es besonders in Deutschland einem Bewusstsein der ökologischen Krise, die sich täglich zuspitzt, nicht mangelt?!
All das, obwohl selbst der IPCC der Vereinten Nationen appelliert, dass wir die Begrenzung des Temperaturanstiegs auf die sagenumwobene 1,5 Grad Celsius vergessen können, wenn wir auf dem heutigen Niveau weitermachen?!

Während sich die Gesellschaft über die Auseinandersetzungen zwischen den Klima-Aktivist/-innen und der Polizei empörte, blieben die tatsächlichen Entscheidungsträger_innen in Gestalt der Politiker/-innen außen vor und das eigentliche Thema verlor an nötigem Fokus. Gleichzeitig scheinen jegliche Appelle der Klima-Kämpfer-innen zu verhallen.

Die Systemfrage stellen

Weder die Menschen in Beamten-Uniform noch die Menschen in Anzug, die in den Parlamenten sitzen, intendieren eine systematische Abschaffung der Ökosphäre und damit unserer gemeinsamen Atemluft – allein schon aus Selbsterhaltungsgründen. Gleichzeitig geraten sie ins Fadenkreuz der Gesellschaft und müssen sich neoliberalen Sach- sowie Wachstumszwängen beugen, die wiederum eine Entscheidung gegen das Klima bedeuten.

Doch selbst eine reine Entscheidung für das Klima würde immer noch zu kurz greifen, wenn soziale Ungerechtigkeiten inklusive Diskriminierungsformen und Privilegien ausgeklammert werden. Klimagerechtigkeit geht hier noch einen Schritt weiter als Klimaschutz, indem der Klimawandel als soziales und als Gerechtigkeitsproblem betrachtet wird. Die ausbeuterische, imperiale Produktions- und Lebensweise des Globalen Nordens, die sich hierzulande in das Alltagsverständnis der Menschen eingenistet hat, verhindert, dass wir die Klimakrise verstehen. Und es kommt gleich doppelt ungerecht: zum einen werden die Kosten des Klimawandels vom Globalen Süden getragen und zum anderen trifft’s nicht alle Menschen gleich, sondern verstärkt obendrein herrschende Ungerechtigkeiten entlang von Klasse, Geschlecht, Herkunft uvm. Beispielsweise sind es in der Regel weiblich sozialisierte Menschen, die mit Kindern und Pflegebedürftigen zuhause sitzen, um sich vor den Überflutungen oder Taifunen (ohne Schwimmfähigkeit) retten müssen.

Das #GuteLebenFürAlle schon mal anfangen…

Wer also glaubt, es ging im Kampf um den Dannenröder Forst ausschließlich um das Liebhaben und Schützen von Bäumen und Tieren, irrt sich gewaltig. All die Menschen, die sich mit der Klimagerechtigkeitsbewegung vor Ort solidarisiert haben, durften die Faszination der Selbstorganisation genießen und konnten sich von der Atmosphäre voll Mut und Glaube an eine gerechtere, diskriminierungsfreiere Welt verzaubern lassen.

Das Camp nahe des Aktionsortes bot nicht nur eine Versammlungs- und Vorbereitungsstelle für die Aktion selbst. Es war auch ein Experimentierraum der gelebten Utopie, in dem alternative Formen des Zusammenlebens ausprobiert wurden. Unter den Prämissen „Beitragen statt Tauschen“ und „kollektiver Besitz statt Privateigentum“ sollten alle Menschen – und nicht nur die Leistungsstarken und Privilegierten – etwas vom großen Kuchen des gesellschaftlichen Reichtums erhalten. Konkret hieß das:

Eine große Open-Air-Küche mit Ausgabe-Stationen und Waschstraße versorgte die Menschen mit veganem, regionalem, häufig vor dem Abfall gerettetem Essen (gegen Spende nach eigenem Ermessen). Mehrsprachigkeit ermöglichte nicht-deutschen Muttersprachler/-innen die Teilhabe an allen Prozessen. Das Infozelt gab Auskunft über die Aktion, das Camp oder Sonstiges. Hinzu kam weitere bedürfnisorientierte Infrastruktur: Toiletten, Sanis, Stromis, Legal-Team, Awareness-Zelt uvm. Für alle diese Bereiche gab es selbstorganisierte Schichtpläne.

Und natürlich war nicht alles perfekt, sonst wäre es kein Experimentierraum gewesen. Ein Mangel an warmen Wohlfühlorten, geringe Wertschätzung von Beiträgen abseits der Hochrisikoaktionen sowie hauptsächlich weibliche Küchenunterstützung sind Beispiele, bei denen noch „Luft nach oben“ ist. Dennoch bleiben die hohe Selbstreflektion der Bewegung und der Wille zur Mitgestaltung einer besseren Welt stets bestehen, sodass auch kleine Stimmen Gehör erhalten und Kollektivlösungen gefunden werden.

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Viel Hoffnung für das Jahr 2021

Obwohl die Schneise für die A49 rigoros freigeholzt wurde und so manch/-e Klima-Aktivist/-in von einer (materiellen) Niederlage spricht, kann die Klimagerechtigkeitsbewegung unterm Strich auf eine erfolgreiche Aktion zurückblicken. Die Entscheidung der grünen Regierung Hessens gegen den Dannenröder Forst wurde vor den Augen der medialen Öffentlichkeit dargelegt. Außerdem konnten unterschiedlichste Aktionsformen verbunden werden: Tanz-Auftritte, Redebeiträge von nationalen Prominenzen wie Luisa Neubauer oder Peter Wohlleben, Dorfspaziergänge oder Blockaden zivilen Ungehorsams sind nur einige Beispiele. Für das Jahr 2021 gilt es, das konstruierte Bild eines vermeintlichen „Aktivist/-innen vs. Polizei“ aufzulösen und stattdessen den Fokus weiter auf die angestrebte Verkehrswende zu rücken sowie weiterhin viel Leidenschaft, Kraft und Optimismus in den Einsatz für eine bessere Welt einfließen zu lassen.

Trommelgruppe „Rhythms Of Resistance“: Stets treue Aktonsbegleitung in pink

Empfehlungen:

Aktuelles und Aktionscamp im Danni: https://wald-statt-asphalt.net/de/
Der Blog der Waldbesetzung: https://waldstattasphalt.blackblogs.org
Danni und Commons: https://www.youtube.com/watch?v=EypvZenpIX8&feature=youtu.be

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