Die nächsten Vorstellungen im Universum: Samstag, 31.10. um 11:00h, Sonntag, 01.11. um 11:15h, Mittwoch, 04.11.26 um 19:00h.
NAZA ist ein militärisches Akronym aus dem Hebräischen und bedeutet „Kollateralschaden“. Seinen Titel erhielt der Film der beiden Israelis Yuval Abraham und Rachel Szor vermutlich nach dem so bezeichneten Knopf der militärischen App, mit der der Effekt jeder Bombardierung in Gaza routinemäßig vor ihrem Beginn kalkuliert wird. Laut den im Film interviewten Nachrichtendienst- und Armee-Offizieren ist die zugrundeliegende Direktive der Netanjahu-Regierung: Tötung aller Hamas-Mitglieder, ungeachtet ihres Ranges. Ihre Identifikation erfolgt über ihre Handys (die der israelische Sicherheitsapparat komplett kontrolliert). Der für die Planung ihrer Vernichtung angewandte Algorithmus ist: Systematische Bombardierung aller Handys. Direkt vor jeder Bombardierung ist in der App der „NAZA“-Button zu drücken, der die Zahl der als „Kollateralschaden“ getöteten Menschen anzeigt: 5, 10, 50 oder auch mal 500 – je nach dem, wieviele sich gerade in dem betreffenden Gebäude oder Gebäudekomplex aufhalten. Konsequenzen hat die angezeigte NAZA-Zahl den interviewten OffizierInnen zufolge keine – die Bombardierungen erfolgen in jedem Fall umgehend. Im Gegenteil: Berichtet wird von einer Diskussion im Planungsstab, ob diese tagsüber durchgeführt werden – oder nachts, wenn die Kämpfer zuhause sind, bei ihren Familien. Die Entscheidung sei für nachts gefallen, das sei effektiver.
Der Titel des Films, der übersetzt „Kollateralschaden“ heißt, wird somit ad absurdum geführt. Denn bei der angegebenen Zahl von 60.000 – 70.000 Hamas-Handys und dem Konzept, dass pro Handy ein Gebäude bombardiert wird (nachts!), dürfte die tatsächliche Zahl der Todes-opfer die bisher in den westlichen Medien genannte Zahl um gut und gerne eine Zehnerpotenz übersteigen.
Die medizinische Zeitschrift „Lancet“ geht von 6-stelligen Opferzahlen aus
Unvorstellbar? In der Tat. Aber nicht unwahrscheinlich: Schon im September 2025 nannte die Juristin Francesca Albanese, UN- Sonder- berichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, die Zahl von wahrscheinlich 680.000 direkt oder indirekt Getöteten (also fast 1/3 der Bevölkerung von Gaza). Auffällig ist zugleich, dass Netanjahus Regierung die vom Gesundheitsministerium in Gaza (einer Hamas-Behörde) genannten Zahlen von zuletzt über 70.000 inzwischen praktisch übernommen hat. Wobei es sich bei diesen um gezählte Tote handelt – ein verlässliches Zählen jedoch angesichts zerstörter Krankenhäuser und riesiger Trümmerberge längst unmöglich ist. Und in internationalen medizinischen Publikationen wie der renommierten „Lancet“ seit langem von 6-stelligen Opferzahlen ausgegangen wird.
Monströs? Ja. Mit Selbstverteidigung hat das nichts zu tun. Es ist Völkermord. Also das, was Südafrika vor dem IGH angeklagt hat – unterstützt von inzwischen weiteren 15 Staaten (darunter auch mehrere europäische). Auch im Film wird das bestätigt, aus Täter-Sicht.Damit straft der Film seinen Titel Lügen. Warum wurde er dennoch so benannt? Warum zur Freigabe der Bombardierung ganzer Familien mit Kindern und Babies ein Knopf „Kollateralschaden“ eingebaut ist, wird nicht erklärt. Vielleicht erleichtert das den Ausführenden, sie wieder und wieder zu erteilen. Den Film danach zu benennen, folgt vermutlich seinem Konzept zu fragen, wie solch grauenhaftes Tun ermöglicht wird. Und stellt zugleich seine propagandistische Legitimierung als „Kollateralschaden“ als Lüge bloß.
Die Interviewten sind praktisch KronzeugInnen
Was ist neu an dem Film? Vieles ist nicht neu. Neu ist aber, WER es sagt. Die Interviewten sind praktisch KronzeugInnen. Das gab es so noch nicht. Gegen die Authenzität ihrer Aussagen wird schwer anzukommen sein. Zwar bleiben alle 24 anonym, und ihre Stimmen und Silhouetten sind elektronisch verfremdet. Alle wussten aber, was sie tun, und dass so etwas gemeinhin als Hochverrat gilt. Der Guardian bürgt zugleich für die journalistische Seriosität der veröffentlichten Aussagen.
Vieles wird auch nicht erwähnt. Der Fokus des Films liegt auf Israel. Die internationale Dimension bleibt weitgehend außen vor. Wenn wir in Deutschland ihn anschauen, liegt es an uns, danach zu fragen. Nicht nur nach der Rolle der USA als „Pate“ wechselnder Menschen- und Völkerrechtsbrecher, sondern vor allem auch nach unserer Rolle, der Rolle Deutschlands als zweitgrößtem Lieferanten von Waffen für Israel, und als politischem Unterstützer (gemäß der sog. „Staatsdoktrin“). Mit einem Kanzler, der die Taten des vom Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) als Kriegsverbrecher gesuchten Netanjahu als „Drecksarbeit“ bezeichnet, die er für uns mache.
„Nicht erneut so tun, als hätten wir nichts gewusst“
Ja, als Deutsche haben wir in puncto Völkermord eine besondere Verantwortung. Sie besteht nach meiner Überzeugung darin, nicht erneut nach völkischen Kriterien zu urteilen und zu handeln, sondern nach menschlichen. Dabei gilt zum einen: „Ein Völkermord rechtfertigt keinen weiteren!“. Aber auch: Nicht erneut so zu tun, als hätten wir nichts gewusst.
Deshalb ist es ein großes Verdienst des Braunschweiger Universum-Filmtheaters, dass der Film dort schon seit über zwei Wochen gezeigt wird.
Bei seiner Premiere im September bei der Biennale in Venedig (dem ältesten internationalen Filmfestival der Welt) bekam er 25 Minuten lang Standing Ovations – und den Spezialpreis der Jury. In Braunschweig war der große Saal des Universum wiederholt ausverkauft. Nach zwei Filmgesprächen mit guter Resonanz (jew. im Anschluss an die Vorführung) überlegen wir als Friedensbündnis nun, erneut eines anzubieten.
In jedem Fall: Dieser Film von zwei mutigen Israelis – produziert in Kooperation mit der angesehenen britischen Zeitung „The Guardian“ – wird Geschichte schreiben. Und er wird etwas verändern. Sichern Sie sich rechtzeitig Karten dafür:
www.universum-filmtheater.de/kinoprogramm
Kontakt mit dem Friedensbündnis ist außerdem möglich über den Gaza-Schweigemarsch, den wir jeden Donnerstag-Spätnachmittag durch die Innenstadt machen, Beginn immer um 17:00 h auf dem Schlossplatz (vor dem Eingang zur Bibliothek).
Christoph Krämer
Mitglied des Friedensbündnis Braunschweig und der IPPNW
Fußnote: Vieles bleibt in diesem Text unerwähnt – etwa eine Bewertung des Hamas-Überfalls vom 07.10.23, die Frage, wie seine Vorbereitung unentdeckt bleiben konnte, wo doch alle Hamas-Handys abgehört werden, seine Vorgeschichte – etwa der Auftritt von Netanjahu bei der UN-Vollversammlung im September 2023, als er dort eine Karte der Region demonstrierte, auf der Israel „from the river to the sea“ reichte, ohne Palästina…




























